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Einen  ganzen  Vorrat  an Deospray  fand die Feuerwehr nach der enormen Verpuffung im Zimmer eines 13-jährigen Mädchens. Nicht nur die Matratze hatte Feuer gefangen, auch das Mädchen selbst wurde ein Opfer der Stichflamme und anschließender Löschversuche.
Einen ganzen Vorrat an Deospray fand die Feuerwehr nach der enormen Verpuffung im Zimmer eines 13-jährigen Mädchens. Nicht nur die Matratze hatte Feuer gefangen, auch das Mädchen selbst wurde ein Opfer der Stichflamme und anschließender Löschversuche.
21.04.2010

13-Jährige beginnt nach Deo-Schnüffeln neues Leben

Nervös nestelt Meryem an ihrem College-Block herum. Die linke Hand steckt in einem schwarzen Handschuh. Das Mädchen trägt diesen speziellen Druckverband, damit die Verbrennung an ihrer Hand besser verheilen kann. Vor mittlerweile drei Monaten hatte die 13-Jährige mit zwei Freundinnen in ihrem Zimmer Deospray geschnüffelt. Dabei kam es zu einer schweren Verpuffung, weil sowohl Zigaretten qualmten als auch Kerzen im Zimmer brannten.

„Ich weiß das alles nicht mehr so genau.“ Mit gesenktem Blick erzählt Meryem von den schweren Wochen, die nach diesem explosionsartig entstandenen Zimmerbrand auf sie zukamen. Von den ersten zwei Wochen ist ihr nichts mehr im Bewusstsein geblieben – so lange lag sie in einer Stuttgarter Klinik im künstlichen Koma.

„Die Lehrer in der Klinik waren super. Die haben sich ganz arg um mich gekümmert“, sagt Meryem. Jetzt besucht sie wieder ihre siebte Klasse in einer Pforzheimer Realschule. Die Spuren des Brandes sind aber noch längst nicht alle verheilt. Vor allem die seelischen Verletzungen nicht, wenn Mitschüler sie provozieren und sagen: „Wie kann man so dumm sein und sich selber abfackeln.“ Aber da hört Meryem schon gar nicht mehr richtig hin: „Die meisten freuen sich, dass ich wieder da bin.“

Kleiner Bruder rettet Leben

Neben Händen und Füßen hatte sie zusätzlich schwere Verbrennungen im Gesicht erlitten. Ihre Haare hatten sich während eines vergeblichen Löschversuchs sofort entzündet. Glück im Unglück hatte Meryem trotzdem, denn ihr achtjähriger Bruder Nils reagierte geistesgegenwärtig und löschte mit einem Eimer Wasser das brennende Haar seiner Schwester.

Von da an ging alles sehr schnell. Ein Nachbar hatte die Feuerwehr alarmiert, kurz darauf war Meryem bereits bewusstlos ins Klinikum Pforzheim gebracht worden. Nach der Erstversorgung wurde sie nach Stuttgart gebracht und ins künstliche Koma versetzt. Zwei Wochen lang wurde die 13-Jährige per Luftröhrenschnitt beatmet. Insgesamt verbrachte sie fünfeinhalb Wochen in der Stuttgarter Klinik.

Seit vier Wochen kann die Schülerin nun wieder die siebte Klasse einer Pforzheimer Realschule besuchen. „Dort fühle ich mich wohl“, sagt Meryem. Ihre Clique habe sie komplett gewechselt. Zu den Mädchen, die regelmäßig Deospray schnüffelten, habe sie keinen Kontakt mehr.

Und wie steht es mit der Rückfallgefahr? Meryem versichert, den Besuch von Drogeriemärkten zu vermeiden. Der Lieblingsplatz vieler gleichaltriger Mädchen wäre für sie eine zu große Versuchung – dort stehen nämlich Deosprays in den Regalen. Außerdem will Meryem regelmäßig eine Beratungsstelle besuchen.

Noch immer fassungslos zeigt sich Meryems Mutter. Sie quält sich permanent mit Fragen nach dem Warum. Warum gerade meine Tochter? Was habe ich falsch gemacht? Wie kann ich das in Zukunft verhindern? Die alleinerziehende Mutter von zwei minderjährigen Kindern möchte aktiv werden, möchte Polizisten auffordern, in ihren Drogenberatungsprogrammen vermehrt über das vermeintlich harmlose Deospray-Schnüffeln aufzuklären. Lehrer sollten darüber in den Klassen sprechen. Denn eines sei ihr insbesondere auch nach Gesprächen mit der Polizei klar geworden: „Deospray schnüffeln ist ein Trend. Das machen so viele Jugendliche und keiner merkt es.“

Eltern sollten gewarnt sein

Gleichzeitig möchte Meryems Mutter die Eltern warnen: „Wenn das Kind mehr als fünf Deosprays im Schrank hat und diese immer schnell leer sind, sollten Eltern mit ihren Kindern reden.“ Trotz Schuldfragen und Zukunftssorgen ist die Mutter glücklich: „Meine Tochter hat ein zweites Leben geschenkt bekommen.“ Miriam Fuchs