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Der friedlichen Revolution auf der Spur: Frauke Sander, Rektor Ulrich Jautz, Marianne Birthler und Christa Wehner (von links) beim Studium generale.  Foto: Fux 

„40 Jahre Teilung brauchen 40 Jahre Heilung“: Marianne Birthler referiert beim Studium generale

Pforzheim. Einen aufrüttelnden und ergreifenden Vortrag zum Thema „Freiheit und Demokratie – 30 Jahre friedliche Revolution und Mauerfall“ hielt am Mittwochabend Marianne Birthler beim Studium generale der Hochschule Pforzheim. Birthler war von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und hat die Revolution und den Mauerfall in Ost-Berlin hautnah miterlebt. Marianne Birthler spannte einen breiten Bogen der persönlichen und kollektiven Erinnerung, lenkte auch den Blick auf aktuelle Probleme in Europa. „Von einer gesamteuropäischen Identität werden wir erst sprechen können, wenn die osteuropäischen Erfahrungen auch in Paris, Wien oder London als Teil der gemeinsamen Geschichte angesehen werden“, unterstrich die Vortragende.

Ostler keine Entscheider

Birthler legte den Finger auch auf Unterschiede zwischen West und Ost. „40 Jahre Teilung brauchen 40 Jahre Heilung“, betonte sie und sprach davon, dass viele Ostdeutsche ihre niedrigen Gehälter nicht nur als Einbußen empfinden, sondern auch als Kränkung. „Dort, wo in Deutschland Entscheidungen fallen, kann man die Ostler mit der Lupe suchen“, monierte Marianne Birthler. „Von 60 Staatssekretären der Bundesregierung sind drei ostdeutscher Herkunft, und von 190 Vorstandsposten der DAX-Konzerne befinden sich ebenfalls nur drei in den Händen Ostdeutscher. Zwei von 200 Bundeswehr-Generälen sind ostdeutscher Herkunft, von den obersten Richtern der Bundesgerichte niemand“, so die Referentin, die auf ostdeutsche Bescheidenheit, aber auch auf eine Kultur des Berufen-Werdens, auf weniger Netzwerk und Beziehungen verwies. „Sie haben die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten vergessen“, warf ein Besucher ein. Dies dürfe nach Birthler jedoch nicht über die Lage hinwegtäuschen.

Diktatur wankte vor der Mauer

Wie im persönlichen Leben sei es auch beim Rückblick auf die Geschichte verlockend, sich auf das Gute und Schöne zu beschränken – auf die gelungene Revolution, den Mauerfall, auf große und kleine Heldengeschichten. „Doch das halbe Erinnern setzt die Logik der Diktatur fort“, betont die ehemalige Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Auch heute habe die Wahrheit oft einen schweren Stand. „Der Mauerfall ist Geschichte – ist eine gute Geschichte – ist sogar Weltgeschichte“, sagt die einstige Ministerin für Bildung, Jugend und Sport des Landtags von Brandenburg. Für viele stehe seitdem fest: „Es war der Mauerfall, der den Menschen in der DDR die Freiheit brachte. Doch das ist ein Irrtum. Die Mauer konnte erst fallen, nachdem die Menschen wenige Wochen zuvor in einer friedlichen Revolution die Macht der herrschenden SED gebrochen hatten“, so Birthler.

Dies macht Marianne Birthler exakt vier Wochen vor dem Mauerfall fest. Mindestens 70.000 Menschen demonstrierten damals bei der Montagsdemonstration in Leipzig. Niemand wurde mehr verhaftet, Demonstranten nicht mehr angegriffen – die SED hatte kapituliert.