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20.02.2010

450 Menschen demonstrieren gegen rechte Mahnwache

PFORZHEIM. Für ein Pforzheim ohne Mahnwache rechtsextremistischer Teilnehmer, die sich stets am 23. Februar in der Goldstadt treffen, demonstrieren am Samstag bei einer friedlich verlaufenen Demonstration durch die Innenstadt rund 450 Teilnehmer demonstriert. Sie zeigten „Flagge gegen Rechts".

Bildergalerie: Demonstration gegen rechte Mahnwache am 23. Februar - Teil I

Auch Oberbürgermeister Gert Hager (SPD) nahm daran teil und prangerte den Missbrauch des Pforzheimer Gedenktages an. Die Demonstranten, die sich auf dem Waisenhausplatz getroffen hatten, gingen zum Platz zur Synagoge. Selbst die 90-jährige Viktoria Schmidt ließ es sich nicht nehmen, im Rollstuhl an der Demonstration teilzunehmen. Sie wurde von ihrer Tochter Renate Schmidt geschoben. Auf dem Platz zur Synagoge intonierte Liedermacherin Jane Zahn unter anderem auf jiddisch gesungene Lieder oder politische Songs wie „Es brennt", genau an dem Ort, an dem die Pforzheimer Synagoge gebrannt hat.

Bildergalerie: Demonstration gegen rechte Mahnwache am 23. Februar - Teil II

Weiter ging es zum Leopoldplatz, wo die Pforzheimer Bundestagsabgeordnete Katja Mast (SPD) eine Bundesstiftung gegen den Rechtsextremismus forderte. Mehmet Kilic (Grüne) sagte: „Ich bin stolz darauf, dass so viele Bürger bei dieser Demonstration ihr Gesicht den Nazis entgegenhalten und damit bekunden, dass die Braunen in Pforzheim nicht willkommen sind." Claus Spohn (Die Linke) kritisierte „die verlogene Gleichsetzung von links und rechts". Nicht die Linken hätten die Pforzheimer Juden deportiert und in Konzentrationslagern vergast und seien für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich.

Mitorganisator Rüdiger Jungkind betonte: „Faschismus ist keine Meinung, Faschismus ist ein Verbrechen." Zeitzeuge Ernst Grube aus München, einer der letzten, die aus eigener Erfahrung von der Vernichtung der europäischen Juden erzählen konnten, berichtete aus der Zeit, „in der kein jüdisches Kind in einen öffentlichen deutschen Luftschutzbunker durfte."

Die Demonstranten, in deren erster Reihe der stellvertretende Pforzheimer SPD-Gemeinderatsfraktionsvorsitzende Ralf Fuhrmann das Transparent „Flagge zeigen gegen Rechts" mittrug, gingen dann weiter über die Bahnhofstraße, den Schlossberg hinab zum Rathausplatz, wo auf dem Platz des 23. Februar die Abschlusskundgebung stattfand. Hier betonte Christian Velsink von der DGB-Jugend, dass jeder Tote im Zweiten Weltkrieg einer zu viel gewesen sei. Er könne nicht verstehen, warum es nicht gelinge, die NPD zu verbieten. „Wir wollen in Pforzheim keine Nazis", sagte er.

Lars Hilbig von „solid" (Linksjungend) wandte sich gegen das menschenverachtende Weltbild der Nazis und sagte: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg." Zum Schluss sagte Kai Hofmann von der antifaschistischen Organisation „alerta" das, was seiner Meinung nach oft verschwiegen werde: „Pforzheim ist nicht aus heiterem Himmel bombardiert worden. Pforzheim war im Krieg eine Stadt der Rüstungsindustrie." Die Demonstranten einte der friedliche Protest gegen Rechts. Sie wollen nicht zulassen, dass Hass gegen Minderheiten, Rassismus, Gewalt und Kriegsverherrlichung erneut an politischem Einfluss gewinnen. Unter den Teilnehmern befanden sich auch Vertreter der Israeltischen Kultusgemeinde, der evangelischen Kirche und des deutschen Gewerkschaftsbundes.

Die Veranstalter bedauerten, dass rechtsgerichtete Organisationen wie jedes Jahr auch diesmal am 23. Februar ihre sogenannte Mahnwache abhalten dürfen, mit denen sie der deutschen Opfer des alliierten Bombenangriffs auf Pforzheim gedenken. Diese Veranstaltung sei ein überregionales Sammelbecken für Neonazis. Gerade am 23. Februar solle für Neonazis kein Platz in Pforzheim sein. Schließlich stünden sie in der geistigen Tradition derjenigen, die für den Zweiten Weltkrieg und damit auch für die über 17 000 Toten des 23. Februar 1945 verantwortlich seien. Leider sei es in Pforzheim bisher nicht gelungen, eine Kundgebung gegen Rechts am 23. Februar auf die Beine zu stellen.

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