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Schon mitten in der Nacht begann die Arbeitszeit für Rainer Züscher und Ingrid Rieber in ihrer Bäckerei. Damit ist nun Schluss.  Foto: Seibel
Schon mitten in der Nacht begann die Arbeitszeit für Rainer Züscher und Ingrid Rieber in ihrer Bäckerei. Damit ist nun Schluss. Foto: Seibel
01.01.2016

Abschied vom guten Herz des Hauptbahnhofs

Rainer Züscher ist seit Neujahr nicht mehr der Pächter der Filiale des „Wiener Feinbäckers“. Im Pforzheimer Hauptbahnhof war er Verkäufer, Bäcker und zuweilen auch Sozialarbeiter. Ein Abschiedsbesuch.

Schokoglasur überzieht den kleinen Rührkuchen, bunte Streusel sind darauf verteilt, dazu ein Schornsteinfeger. Für 1,99 Euro wartet er im „Wiener Feinbäcker“ im Bahnhof kurz vor dem Jahreswechsel auf hungrige Abnehmer. Wenn das süße Gebäck dieser Tage verspeist wird, ist der Mann, der ihn verkauft hat, bereits auf dem Weg nach Italien: Rainer Züscher besucht seine Tochter. Klingt normal, ist es aber nicht: Der Trip ist der erste Urlaub, seit er die Filiale vor viereinhalb Jahren übernommen hat.

100 Stunden, berichtet der Pforzheimer, habe er in dieser Zeit gearbeitet – jede Woche. Nun ist damit Schluss: „An Silvester haben die Mami und der Reiner hier fertig. Herzlichen Dank für Eure Treue und die kurzen, heiteren Momente“ steht auf zwei Plakaten. Seitdem diese die beiden Eingänge zieren, vergeht kaum eine Stunde ohne freundliche Kunden-Reaktionen. Weshalb hören „Mami“ – das ist Riebers Schwiegermutter Ingrid Rieber – und der 48-Jährige auf? Die Finanzen sind nicht das Problem, betont der Pforzheimer mit dem markanten Ring im linken Ohr: „Wir sind dauerhaft im Plus.“ Jedoch gebe es in der Franchisebranche eine Entwicklung hin zur Selbstausbeutung.

Das Bäckerei-Handwerk hat der Dillweißensteiner nicht gelernt. Muss er auch nicht, um hier zum Franchisenehmer zu werden: Die süßen Teile werden fertig angeliefert, die Brötchen als Teiglinge, die nur noch fertig gebacken werden müssen. Stattdessen hat Züscher drei andere Ausbildungen absolviert: „Groß- und Einzelhandelskaufmann, Fachwirt für Organisation und Führung und Erzieher“, listet er auf. Bei seiner Arbeit im Hauptbahnhof könne er all das gebrauchen – Letzteres beispielsweise, um mit den Drogenabhängigen, Betrunkenen und Bedürftigen klarzukommen. „Im Winter ist mal ein Mann von der Bank im Bahnhof gefallen. Neben ihm saßen Leute – die haben einfach weggeschaut.“ Daher sei er zu ihm gelaufen, habe die Polizei und den Notarzt gerufen. Aber zu spät: Der Mann war tot.

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