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Das Paar unterwegs mit dem Zug auf Sri Lanka.  Foto: Privat 

„Ängste, Nervosität, Enttäuschung, Dankbarkeit“: Gefühle eines Pforzheimer Paars, das von Corona aus dem Paradies vertrieben wurde

Pforzheim. Die Vorgabe war redaktionell klar: von der jährlich größten Hocketse in der Innenstadt jeden Tag eine Geschichte. Also sofort reagiert, als an einem Tag Ende August vergangenen Jahres das Telefon klingelt und am anderen Ende der Leitung der Co-Chef der fusionierten „Naturparklauben – Hühnerglück“, Rafael Müller, die frohe Botschaft verkündet und fragt, ob wir Lust haben: Zwei junge Leute seien mit Festgesellschaft bei ihm, äßen zu Mittag – und hätten soeben im Standesamt geheiratet, bevor sie aufs Oechsle Fest seien. Nix wie hin – und da stehen freudestrahlend Christian Gürke (36) und seine frisch angetraute Ina, geborene Wiegand (30). Der Pforzheimer Software-Produktmanager und die gebürtige Wimsheimer Konstrukteurin und Absolventin des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen International an der Hochschule Pforzheim wollen, so kündigen sie es auch via PZ an, für ein Jahr alles aufgeben, was sie an die Heimat bindet. Und die Welt sehen: von Nepal bis Südamerika. Fünf Monate geht alles gut – dann erwischt am anderen (viele sagen: dem schönsten) Ende der Welt Corona auch Neuseeland, wo sie seit zwei Monaten leben und jeden Tag genießen.

"Es war ein sehr emotionaler Rückflug."

Christian Gürke

Mit dem letzten Flugzeug der deutschen Rückhol-Aktion werden die Weltreisenden über Bangkog nach Frankfurt ausgeflogen. „Es war ein sehr emotionaler Rückflug“, erinnert sich Christian Gürke in der anschließenden häuslichen Quarantäne, in die sie das Gesundheitsamt vorsorglich geschickt hat – auch wenn Neuseeland nicht als Risikogebiet eingestuft wird.

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Ina und Christian Gürke am Hobbiton-Filmset auf Neuseeland. Foto: Privat

Doch sicher ist sicher, das hatten sich auch die Behörden gesagt und bei den Gürkes für eine nervenzerreibende Geduldsprobe gesorgt: Würden sie rechtzeitig den Flughafen in Auckland erreichen, wo der letzte Lufthansa-Airbus A 380 bereitstehen würde? Ein Ticket hatten sie noch nicht. Woher auch? 20 Stunden vor dem anvisierten Abflugtermin wurden sie über die Internetseite der Deutschen Botschaft aufgefordert, umgehend nach Auckland zu kommen.

Wechselbad der Gefühle

„Ängste, Nervosität, Enttäuschung, Dankbarkeit“, sagt Christian Gürke – die Deutschen durchlebten ein Wechselbad der Gefühle. Zwei lange Schlangen am Terminal. Einchecken. Platz nehmen. Wasserflaschen – aber kein Essen. Vor Aufregung vergaß Ina, Tabletten gegen Reisekrankheit zu nehmen. Bis sie Bangkok nach elfeinhalb Stunden Flugzeit erreichten, ging die junge Frau durch die Hölle – ein Gefühl wie Seekrankheit, nur eben in 10.000 Metern Höhe. Sitzenbleiben beim Stopover in der thailändischen Hauptstadt, nur die Crew wechselte. „Das waren alles Freiwillige, die kamen, um uns rauszuholen“, sagt Christian Gürke, „die waren wochenlang am Anschlag.“

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Region

Deutsche aus Neuseeland dürfen zurück nach Hause reisen - Familie aus der Region im ersten Flieger

Was bleibt? Unvergessliche Momente. Sehen, dass die Erde ein wunderbarer Planet sein kann, ob in den Wüsten Indiens, im Himalaya, in der Hügellandschaft Sri Lankas, unter Wasser in Indonesien oder eben der Zauberlandschaft Neuseelands. Begreifen, welches Glück man hat, in Deutschland aufzuwachsen mit seinem Bildungssystem – und dass es nicht selbstsverständlich ist, auf eine Schule oder Uni gehen zu können, um sich eine bessere Zukunft zu erarbeiten. Dass man auf Freundlichkeit stößt, wenn man den Einheimischen selbst Respekt entgegenbringt. Dass ein Lächeln oft weiter hilft als jede Sprachkenntnis.

"Bei uns im Schwarzwald ist es auch sehr schön."

Christian Gürke

Von weiteren Reisen weden sie zunächst absehen – das Geld für die schon gebuchten Flüge (Australien, Französisch-Polynesien, Mexiko, Südamerika) erhalten sie nicht zurück. Nur Gutscheine, und die verfallen nach einem Jahr. Doch wer weiß, was kommt. “Aber bei uns im Schwarzwald ist es auch sehr schön“, sagt Gürke. Und auf dem Oechsle Fest – wenn’s stattfindet.

Olaf Lorch-Gerstenmaier

Olaf Lorch-Gerstenmaier

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