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Rasten vom Rasen - die sechs Fahrer vom "Team 44" der 9. Allgäu-Orient Rallye finden überall einen Platz zum Entspannen von der Kilometerfresserei. Ihr Ziel: Jordanien. Ihre Autos: drei rund 20 Jahre alte Mercedes E320 mit dem Schriftzug der "Pforzheimer Zeitung". © Privat
02.05.2013

Allgäu-Orient Rallye: Goldene PZ-Mercedes in Istanbul

Was macht man, wenn ein Motor ständig zu heiß wird, man aber noch ein paar Tausend Kilometer fahren will und keine Zeit hat, eine Werkstatt aufzusuchen? Man leiht sich einen Winkelschleifer und flext Schlitze in die Motorhaube - Luftkühlung heißt das. Zu solchen Mitteln greift man, wenn man bei der 9. Allgäu-Orient Rallye mitfährt und pünktlich die rund 2900 Kilometer von Oberstaufen bis Rallyestart Istanbul absolvieren muss. Man weiß sich eben zu helfen im „Team 44 – not for sale“, das bei der Rallye mit drei goldfarbenen Mercedes E320 Werbung für die Goldstadt und die „Pforzheimer Zeitung“ macht.

Bildergalerie: Pforzheimer PZ-Gold-Mercedes auf dem Weg nach Istanbul

Am Donnerstagabend ist das Mercedes-Trio mit den Fahrern Schindler Eugen, Clemens Kleiser, Oliver Helms, Andreas Preisler, Henry Hoffmann und Markus Bähr in der türkischen Metropole angekommen. Vier Tage hatten sie Zeit dafür. Das geht auch deutlich schneller, aber bei der 9. Allgäu-Orient Rallye geht es nicht um Vollgas und Powerslide, sondern in erster Linie um das Abenteuer und den Spaß, mit „alten Schüsseln“ die fast 6000 Kilometer zum Zielpunkt in Jordanien zurückzulegen und dabei diverse Rallyeaufgaben zu bewältigen.

Bildergalerie: Allgäu-Orient-Rallye: Mit alten Schlitten Von Pforzheim nach Jordanien

Ein pures Vergnügen sind die langen Strecken nicht, denn Autobahnen und Navigationsgeräte sind verboten, die Landstraßen zuweilen wahre Holperstrecken. Da gibt es aber noch mehr Schikanen. Übernachtungsgelegenheiten dürfen nicht mehr als elf Euro kosten. Da heißt es Platz schaffen im Kofferraum oder das Zelt aufbauen. Komfort sieht anders aus. Aber Komfort kann auch extrem langweilig sein.

Und Langeweile kennen die sechs Rallyefahrer nicht. In Facebook schildern sie unter www.facebook.com/NotForSaleRacing ihre Tageserlebnisse auf dem Weg über Rumänien und Bulgarien bis nach Istanbul. „Es fing toll an - 111 Teams mit je 3 Autos in Oberstaufen. Ein Riesenaufriss. Ein Gewusel morgens um 7 Uhr und mancherorts schon erste mattschwarze Schrauberhände, mit Hammer und Ringschlüssel bewaffnet“, beginnt Kleiser seine Aufzeichnungen zum ersten Tag des Rallyetagebuchs. Sonderprüfungen wie Bobbycarrennen oder das Zählen von 1756 Brückenstäben folgen. Kurz vor Österreich droht einem Mercedes der Auspuff abzubrechen, doch mit ein bisschen Draht geht es weiter.

„Nun hieß es extrem vorsichtig fahren, denn mit 140 auf der Landstraße musst du extrem aufpassen ob was Unangenehmes am Strassenrand lauert.“ Rasen für den guten Zweck. Rasten wie anno Tobak. Abseits der Nationalstraße 3 nächtigt „Team 44“ im Wald. Drei schlafen im Kofferraum, drei draußen, wobei das für Pforzheim und die PZ startende Chemnitzer Doppel mit Preisler und Hoffmann in „Michelin-Männchen“-Schlafsäcken für allgemeines Staunen sorgen.

Das Tagesziel für den zweiten Tag ist Debrecin an der rumänischen Grenze. Die größte Herausforderung: „Wien zu umfahren, ohne auf die Autobahn zu gelangen. Größtes Hindernis: ein x-beliebiger Kreisverkehr, den wir circa zwölfmal umrundeten, weil wir keinen Plan hatten“, notiert Kleiser. „In Budapest spricht uns Ungar Slazlo an, ob wir aus Pforzheim kämen. In sehr gutem Deutsch. Er hat dies an der Autofarbe !!! erkannt.“ In Debrecin wird ein McDonalds-Imbiss angesteuert. Die Spezialität dort: Es gibt W-Land.

Am dritten Tag folgt dann die erste echte Panne. Kurz nach Cluj-Napoca gegen 12:45 Uhr gibt es ein lautes Knacken. „Eine Lkw-Reifenwerkstatt – ohne Hebebühne wohlgemerkt – verschaffte Klarheit. Der hintere Achsschenkel war vom Rahmen weggebrochen“, schreibt Kleiser in Facebook. Drei bis fünf Mann halfen gleich bereitwillig und tatkräftig: „Echt der Hammer, such das mal in Deutschland. Zwei Wagenheber, eine Flex, drei Schweisselektroden, diverse Eisenstangen und zwei massive Metallplatten“ plus zwei Stunden Arbeitszeit – und der rund 20 Jahre alte Mercedes E320 rollt wieder.

Die Tour wirkt auf Kleiser wie „Cannonball für Arme durch Rumänien und Bulgarien“. Der Unterschied: In beiden Ländern wollte kein Polizist etwas von den Rallyefahrern wissen. Auch das Wetter war besser in Bulgarien. Übernachtet wurde in Bulgarien kurz vor der türkischen Grenze - bei angenehmen 20 Grad zur Nachtzeit.

Die letzten 50 Kilometer bis zur kleinen türkischen Grenze bei Malko Tarnovo waren ein reiner Schlagloch-Slalomparcour. „Und das echt Skurrile auf dieser Strecke – immer ein Stück „Heimat“ vor uns - denn wir fuhren als Letztes unserer drei Autos und hatten immer den Schriftzug der Pforzheimer Zeitung vor Augen – Hammer wo die überall rumkommen“, notiert Kleiser. Und: „Also erster Stopp zufällig auf einem Polizeiparkplatz in Kirklareli gegenüber eines Geldautomaten, an dem wir uns mit TL versorgen wollen. Die Polizisten, kein Englisch, kein Deutsch, orderten sofort acht Gläser Tee und luden uns ein.“ Dann war da noch der Rentner, der 42 Jahre in Bochum geschafft hatte und alles übersetzte. Das gibt es eben nur bei der Allgäu-Orient Rallye.

In Istanbul ist jetzt erst einmal Durchschnaufen angesagt. Einige Teams sind unterwegs verschollen, andere müssen noch irgendwo die alten Karren reparieren. Doch alle denken wohl schon an den eigentlichen Rallyestart, der nun auf vorgeschriebenen Routen quer durch die Türkei führt und über Zypern und Israel nach Jordanien führt. PZ-news wird das Abenteuer weiter begleiten.

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