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Enthüllung: Erst im vergangenen Jahr nahmen der amtierende Amtsinhaber Peter Boch und Vorvorgängerin Christel Augenstein die öffentliche Vorstellung des Porträts vor, das wie von allen früheren Stadtoberhäuptern im Rathaus hängt.  Foto: Meyer 

Als das Rathaus eine Chefin hatte: Christel Augenstein wird 70

Pforzheim. Christel Augenstein, die Ex-Oberbürgermeisterin, feiert am Montag ihren 70. Geburtstag. Ihr Wahlsieg 2001 galt als Sensation, ihr Wirken war breiter, als vielen bewusst.

Als hätte es eine höhere, um Gerechtigkeit bemühte Macht bestellt: Drei Tage vor ihrem heutigen 70. Geburtstag konnte die frühere Pforzheimer Oberbürgermeisterin Christel Augenstein (FDP) wie alle anderen zeitunglesenden Menschen dem Regionalteil der PZ entnehmen: „Krankenhäuser rutschten 2018 tiefer in die roten Zahlen.“ Das bezog sich auf die zwei Enzkreis-Kliniken in Mühlacker und Neuenbürg, an denen der Landkreis über eine Holding weiter beteiligt ist. Das Jahresdefizit beider Häuser liegt nun bei 4,6 Milionen Euro. Während Pforzheim unter Christel Augenstein das bis dahin städtische Klinikum privatisiert hatte.

Die Entscheidung hat Kritiker, die sagen, es gehe im Klinikum nun nur noch um wirtschaftliche Kennzahlen. Das merke man seitdem. Ein Grundgut wie die Gesundheitsversorgung dürfte nicht in die Hände eines Konzerns gegeben werden. Die andere Seite ist: Die notorisch klamme Stadt Pforzheim könnte sich ein solches Millionendefizit schwerlich leisten. Von den Investitionen in Höhe von zig Millionen Euro in die Klinikgebäude gar nicht zu reden, die erst Rhön und dann der heutige Besitzer Helios in das Haus gesteckt haben.

Teilprivatisierung der Stadtbusse, Schul-Neubauten, Bebauung Kasernenareal

In Christel Augensteins Amtszeit als Rathauschefin und Stadtoberhaupt von 2001 bis 2009 sind viele Entscheidungen und Weichenstellungen gefallen, die Teilprivatisierung der Stadtbusse, die Fremdvergabe vieler einfacherer Arbeiten und ein damit verbundener Personalabbau der Stadtverwaltung, die Neubauten von Alfons-Kern-Schule – als Privatinvestorenmodell – und Hilda-Gymnasium, die Bebauung des Kasernenareals mit dem Stadtteil Tiergarten, auch wenn sie selbst gerne die historischen Kasernengebäude erhalten hätte. Die gebürtige Erfurterin, spätere Hilda-Schülerin und ausgebildete Finanzbeamtin forcierte ein verstärktes städtisches Engagement für die Wirtschaftsförderung durch die Gründung der Wirtschaft Stadtmarketing Pforzheim (WSP) etwa, auch die ersten Schritte hin zu einem Innenstadtring – das Wort „Stadtboulevard“ für die Zerrennerstraße tauchte erstmals während Augensteins Amtszeit in einem städtischen Schriftsatz auf – und planungsrechtliche Vorbereitungen für ein Gewerbegebiet Buchbusch wurden in jenen Jahren auf den Weg gebracht.

Mit Derivaten ein Millionen-Minus herbeigeführt

In den Sinn kommt – und das eben ist ungerecht – den meisten beim Namen Christel Augenstein aber nicht ihre ganze Konsolidierungspolitik mit allen Fürs und Widers, sondern das Derivate-Debakel als Teil davon. Der Versuch, nach Zinsgeschäften mit real bestehenden Krediten auch durch spekulative Zinsderivate der Deutschen Bank die Finanznot der Stadt zu lindern, und selbst auf Verluste daraus nicht mit dem Ausstieg zu reagieren, sondern mit dem neuen Partner J.P. Morgan weiterzumachen. Am Gemeinderat erst vorbei, dann mit irreführenden Informationen.

Als ihr Nachfolger Gert Hager (SPD) nach seinem Wahlsieg im zweiten Wahlgang 2009 die Reißleine zog, stand ein Minus von 56 Millionen Euro zu Buche, von denen die Stadt gerichtlich zwei Drittel zurückerstritt. Es folgte eine anonyme Anzeige gegen Augenstein und die damalige Kämmerin Susanne Weishaar und eine jahrelange juristische Aufarbeitung. Die Verurteilung beider wegen Untreue zu langen Bewährungsstrafen mit der Folge des Verlusts der Pension für Christel Augenstein kassierte der Bundesgerichtshof, die Neuansetzung beim Landgericht Mannheim steht aus. Christel Augenstein, die mit dem Zahnarzt Jörg Augenstein verheiratete dreifache Mutter, mittlerweile Großmutter, weiß heute – zehn Jahre nach ihrem Ausscheiden – noch immer nicht, ob sie ein strafwürdiges Verbrechen begangen hat oder nur im Versuch, das Beste zu wollen, unglücklich agierte.

Pforzheim war erste FDP-regierte Großstadt Deutschlands

Dabei hatte es spektakulär gut angefangen: Selbst die ARD- und ZDF-Hauptnachrichten vermeldeten in prominenten Beiträgen ihren Wahlsieg 2001 – womit Pforzheim die erste FDP-regierte Großstadt Deutschlands wurde – über Amtsinhaber Joachim Becker (SPD). Der intellektuell geschliffene Jurist hatte es vor allem in seiner zweiten Amtszeit nicht vermocht, eine Antwort auf den Strukturwandel, den Verlust vieler tausend Arbeitsplätze, in der Pforzheimer Schmuckindustrie zu geben. Zudem nahmen ihm die Wähler offensichtlich seine Versuche übel, Stuttgarter OB und Chef des Sparkassenverbands werden zu wollen. Amtsmüde wirkte das, richtiggehend depressiv die wirtschaftliche Lage Pforzheims: Die geringste Dynamik aller baden-württembergischen Kreise attestierte eine Untersuchung der Goldstadt im Jahr 2001. Nach vier Jahren Augenstein war Pforzheim in dieser Bewertung immerhin zurückgekehrt ins Mittelfeld, auch wenn die Wirtschaftskrise 2009 die Stadt wieder zurückwarf und neben den Derivaten zweiter Grund für ein hartes Sparpaket unter Nachfolger Hager war.

Augenstein wie Hager gelang es trotz aller Aufhol-Erfolge nicht, die rote Laterne der Arbeitslosigkeit loszuwerden. 2017 musste schließlich auch der Sozialdemokrat die Erfahrung machen, abgewählt zu werden in dieser schwierig zu regierenden Stadt. Bis heute ist Christel Augenstein nicht nur einzige weibliche Rathauschefin in der Pforzheimer Geschichte, sondern auch das einzige Stadtoberhaupt in diesem Jahrhundert, das die Pforzheimer nicht im ersten Wahlgang abwählten. Ihr Nach-Nachfolger Peter Boch (CDU) wird Christel Augenstein heute zu ihrem 70. Geburtstag mit einem kleinen Empfang ehren.

Marek Klimanski

Marek Klimanski

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