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26.11.2008

Amok-Drohung: 70 Polizisten im Einsatz und 400 Schüler aus der Alfons-Kern-Berufsschule evakuiert

PFORZHEIM. Alarm am Mittwoch kurz nach 12 Uhr an der Alfons-Kern-Berufsschule in der Pforzheimer Innenstadt: Ein Unbekannter hatte einen Amoklauf angekündigt. Die Schule wurde evakuiert. Auch in Erfurt wurde zur gleichen Zeit eine Schule nach einer Drohung durchsucht.

Wenn am Donnerstagmorgen Polizisten am Altstädter Kirchenweg patrouillieren, hat das seinen Grund: Die Angst vor einem Amoklauf ist noch nicht ausgestanden.

Rückblick. Mittwochvormittag: Im Radio wird gemeldet, in Erfurt sei eine Schule geschlossen und durchsucht worden – ebenfalls nach einer telefonischen Drohung, allerdings schon am Dienstag. Erfurt, das war der Schauplatz des Schulmassakers vor sechs Jahren mit 16 Toten.

Seither hat die Polizei ihre Taktik geändert. Früher sperrte sie ab und forderte Spezialeinsatzkommandos an. Doch das dauerte – mitunter viel zu lang. „Erfurt war eine Zäsur“, sagt der Pforzheimer Polizeichef Burkhard Metzger. Mittlerweile sind vor Ort „Amok-Teams“ ausgebildet, um in die Schule einzudringen. So sollen sie Schlimmeres verhüten. Soweit die Theorie.

Anonymer Anruf um 12.19 Uhr

Tatort Pforzheim: Um 12.19 Uhr klingelt im Sekretariat der Alfons-Kern-Schule das Telefon. Der Anruf ist ein angedrohter Amoklauf. In 20 Minuten soll es losgehen. Das ist der Ernstfall. Schulleiter Ulrich Jäger hat wie alle Kollegen einen Krisenplan zur Hand. Bis ins Detail finden sich dort Handlungsanweisungen. Jäger informiert die Polizei.

Sofort glühen die Drähte. Der Führungs- und Einsatzstab tritt zusammen. Alles, was fahren kann, wird zur Schule beordert. Dutzende von Streifenwagen treffen ein, bilden Barrieren. Rund 70 Beamte aus Pforzheim und dem Enzkreis sind im Einsatz, sperren alles ab, verhindern, dass Schüler, die gerade in der Mittagspause waren, an ihre Schule können. Polizeichef Burkhard Metzger eilt persönlich an die Schule, übernimmt das Kommando. Im Sekretariat wird ein Krisenstab eingerichtet.

400 Schüler evakuiert

Schulleiter Jäger zeigt den Polizisten die Baupläne der Berufsschule. Niemand weiß: Ist tatsächlich ein Amokläufer im Haus? Über einen Brandmeldealarm werden die Schüler aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. 400 Personen insgesamt. Alles läuft diszipliniert ab. Keine Panik, nur Neugier. Langsam sickert durch, weshalb die Polizei und Rettungskräfte in solch großer Zahl aufmarschiert sind und niemand passieren darf.

"Wollen Sie erschossen werden?"

„Wollen Sie erschossen werden?“, herrscht ein Polizist eine Passantin an, die die Sperre ignorieren will. Überall stehen Polizisten mit schusssicheren Westen, manche haben eine Maschinenpistole griffbereit. In der Schule durchkämmen die Polizisten, zum Teil mit Hunden, Raum für Raum, Stockwerk für Stockwerk, zuletzt den Keller. Um 14.45 Uhr steht fest: Es war zum Glück nur ein Bluff. Eine leere Drohung. Um 15 Uhr wird der Schulbetrieb wieder aufgenommen.

Es war die erste Drohung seit dem Bombenalarm an einer Mühlacker Schule im Nachgang des 11. September 2001. Zwei Mal herrschte seither erhöhte Alarmbereitschaft, als es den Verdacht auf einen bevorstehenden Amoklauf gegeben habe, so Kriminaloberrat Reiner Sonnet, Leiter des Führungs- und Einsatzstabes. Am Mittwochmorgen hatte es im Rathaus noch einen „Katastrophen-Jour-fixe“ gegeben, eine regelmäßig tagende Runde, die sich Gedanken macht, wie in welchen Krisenlagen zu reagieren ist. „Und ein paar Stunden später so was“, sagt Erster Bürgermeister Roger Heidt. Gerade hat er den Anruf bekommen, ist vom Rathaus herüber geeilt. Für diesen Nachmittag hat er alle Termine sausen lassen.