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Anders als alle anderen: Wie das Ehepaar Jakob und Rosa Esslinger seit den 20ern Stadtgeschichte schrieb

Dies ist die Geschichte von Jakob und Rosa Esslinger, den Gründern der „Pforzheimer Zeitung“. Sie verdienen posthum ein anerkennendes Wort, denn für jene, die sie kannten, sind sie Legende. Ein Unternehmer-Ehepaar – so ganz anders als die anderen.

Sie kamen aus bescheidenen Verhältnissen. Jakob Esslinger wurde in einem Bahnwärterhaus im Kinzigtal geboren. Mit dem Offenburger Franz Burda, Gründer des Burda Verlags, war er einst der jüngste Buchdruckermeister Badens. Rosa Esslingers Vater war der gottesfürchtige Schmied und Landwirt Gottlob Wagner. Zehn Kinder wuchsen im stattlichen Anwesen am Kirchplatz von Gomaringen am Fuß der Schwäbischen Alb auf. Es war eine mutige Entscheidung, als Jakob und Rosa Esslinger in den 1920er-Jahren unter Pforzheims Enzarkaden eine kleine Druckerei gründeten. Und es war sicherlich eine glückliche Fügung, dass der letzte Verlagsleiter der „Neuesten Nachrichten“ – das Blatt gehörte dem Offenbacher Verlag Dohany und wurde auch dort gedruckt – nach der inflationsbedingten Stilllegung des Blattes 1925 wieder einen Anfang nahm – unter dem Titel „Pforzheimer Rundschau“. Jakob Esslinger erkannte das unternehmerische Potenzial und übernahm den Druck der kleinen Zeitung. Sie wurde von 1928 an nun wieder täglich herausgegeben. Das bescheidene Ehepaar aus der badischen und schwäbischen Provinz war unverhofft zu Zeitungsverlegern geworden.

Beflügelt vom unternehmerischen Erfolg, bezog die „Rundschau“ im Jahr 1933 eine stattliche Immobilie an der Poststraße – das Pforzheimer Zeitungshaus. Es folgten unter der Herrschaft der Nationalsozialisten schwere Zeiten, und oft meinte Jakob Esslinger: „Nun ist es vorbei, ist es aus mit der Rundschau“. Am 1. März 1943 war es dann soweit. Weil publizistisch nicht auf Parteikurs, erging eine amtliche Verfügung: das Blatt musste eingestellt werden. Von der Belieferung mit Zeitungspapier war Jakob Esslingers Druckerei ohnehin abgeschnitten.

Mit Drucksachen unterschiedlicher Art hielt sich das Unternehmen über Wasser, ehe am 23. Februar 1945 auch das Haus an der Poststraße dem Bombenhagel zum Opfer fiel – und mit ihm 120.000 fertige Bücher und Broschüren, die nicht mehr ausgeliefert werden konnten. Vier Jahre lang wohnten Jakob und Rosa Esslinger in ihrem Gartenhaus auf der Wilferdinger Höhe, tatsächlich aber lebten sie in ihrem zerbombten Zeitungshaus. Mit wenigen Getreuen machten sie sich an den Wiederaufbau, räumten Druck- und Setzmaschinen aus den Trümmern, machten sie funktionsbereit, ehe am 1. Oktober 1949 wieder eine Zeitung erscheinen konnte – die „Pforzheimer Zeitung“. Schon zuvor hatten Jakob und Rosa Esslinger im Auftrag des von den amerikanischen Besatzungsmächten eingesetzten Oberbürgermeisters die für die Versorgung der darbenden Bevölkerung so wichtigen Bezugsscheine gedruckt – für Zucker, Öl, Mehl ....

Diese Jahrzehnte des ständigen Bemühens und angestrengten Schaffens haben Jakob und Rosa Esslinger in besonderer Weise geprägt. „Sie waren arbeitsam und fleißig“ – nicht annähernd wäre mit dieser Floskel umschrieben, wie der Alltag dieses Ehepaares beschaffen war. Unter den fleißigen Menschen im Nachkriegs-Pforzheim waren sie die fleißigsten. Größte Sparsamkeit bestimmte das unternehmerische Handeln wie auch die private Lebensführung. Wären da nicht die Tagungen des Verlegerverbandes gewesen – eine führte gar nach Paris! –, Jakob und Rosa Esslinger hätten ihre Wirkungsstätte nie verlassen. Und während Pforzheimer Fabrikanten dem Erfolg ihres unternehmerischen Handelns längst äußere Erscheinungsformen gaben, übten sich Jakob und Rosa Esslinger weiter in Bescheidenheit. Zu sehr waren sie geprägt von den knappen Jahren des Aufbaus und des Wiederaufbaus.

Rosa Esslinger hatte – mehr noch als ihr Mann – den geschäftlichen Kontakt zur „Außenwelt“, war sie doch mit ihrem Büro an der Kunden-Front. So konnte es nicht verborgen bleiben, dass diese Geschäftsfrau eine ganz besondere war. Jene Leistung, die sie von sich selbst abforderte, erwartete sie auch von ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

„Ha wissetse, uns fehlet drei Leit. Oiner isch von de Leiter gfallen, oine hat Grippe, un oiner isch richtig krank“.

(Rosa Esslinger auf eine Beschwerde eines Lesers, weil die Zeitung noch nicht angekommen war)

Kurios genug: „Hire and fire“ war kein Thema im Zeitungshaus an der Poststraße – und so ist es heute noch. Wenn in diesen Tagen ein Mitarbeiter nach 48 PZ-Jahren verabschiedet wird, so ist dies sicherlich nicht die Normalität – im PZ-Haus aber auch nicht ungewöhnlich.

Ihre treuen Mitarbeiter hatten im Urlaub längst die Gestade des Mittelmeeres erobert, Pforzheims Handel florierte und das Zeitungsgeschäft lief prächtig, aber für Jakob und Rosa Esslinger gab es im „Geschäft“ immer viel zu tun – eigentlich rund um die Uhr, denn die Übergänge von Geschäft und Wohnung waren „gleitend“ – alles auf zwei Etagen. Am Wohnzimmertisch bei Jakob und Rosa Esslinger sind sie in Ermangelung eines mächtigen Redaktionstisches alle gesessen – die Polit-Größen im Nachkriegs-Deutschland: Adenauer, Heuss, Kohl, Genscher ...

Vor lauter „Schaffen“ bereits hoch in die Jahre gekommen, kam den beiden die späte Erkenntnis, dass das Leben ein endliches ist. In Schramberg entdeckte man in der Verwandtschaft einen Jüngling, der mit guten Schulnoten auf sich aufmerksam machte. Er wuchs bei seiner Großmutter Barbara Kiefer auf – Rosas Schwester. Fortan durfte der Gymnasiast in den Ferien stets mit dem Zügle nach Pforzheim reisen, um dort Schulferien der etwas anderen Art zu verbringen: von morgens bis abends am Setzkasten, beim Putzen der Druckmaschinen, beim Falzen der Prospekte in der Buchbinderei. Dabei ständig unter den fragenden Blicken von Jakob und Rosa: Taugt der Kerle für’s Geschäft?

Heute noch wartet der Schreiber dieser Zeilen auf den Moment, wo Onkel Jakob ihm nach Ende der Ferien zehn Mark in die Hand drückt: „Da Bub, kauf’ dir auf dem Heimweg eine Brezel oder ein Eis!“

Das Einjährige am Gymnasium absolviert, holten Jakob und Rosa Esslinger den „Kerle“ – inzwischen für „würdig“ befunden – Ende der 1950er- Jahre zu sich nach Pforzheim. Ein früher Fall von „Kindesentführung“. Sein Zimmer war neben der Redaktion, wegen dem Stallgeruch. Abitur und Schriftsetzerlehre gleichzeitig zu absolvieren – das war der Jüngling den beiden schuldig. Der junge Kerle aus dem Schwarzwald und das in die Jahre gekommene, kinderlose Verleger-Ehepaar – es gab Irrungen und Wirrungen. Und Fluchtversuche: zunächst ins Urwaldhospital zu Albert Schweitzer in Lambarene. Zwölf arbeitsame Monate im Bannkreis des „Grand Docteur“. Bis zu dem Tag, als Albert Schweitzer meinte: „Jetzt musst du aber gehen.“ Jakob Esslinger hatte in seinen Briefen nach Lambarene zuletzt deutliche Worte gefunden: „Entweder du kommst jetzt zurück und kümmerst dich um das Geschäft, oder du kannst gleich bei den Negern bleiben!“ 700 Mark drückte Albert Schweitzer seinem angelernten „Bettenbauer“ in die Hand. Mit denen zog er ein weiteres Jahr lang jene Wege, die heute die jungen Afrikaner gehen – quer durch Westafrika, die Sahel und die Sahara.

Aber die beiden Dickschädel waren immer noch nicht kompatibel, so dass der junge Mann nach dem Journalismus-Volontariat noch ein Druckingenieur-Studium draufsattelte, bis der endgültige Einzug in die Poststraße 5 erfolgte und das ernsthafte Dasein eines Zeitungsmachers beginnen konnte.

Jakob Esslinger ist 1974 im Alter von 80 Jahren verstorben. Nun war der nicht mehr so junge Mann mit seiner Tante Rosa allein – 22 Jahre lang. Bis zu ihrem 95. Lebensjahr kam sie jeden Morgen um fünf Uhr aus ihrer Wohnung die Treppe herunter – eine von sparsamer Lebensweise und harter Arbeit geprägte Frau, die an den Bank-Depots weniger interessiert war als an der Arbeit, die auch im hohen Alter bewältigt werden musste. Da saß sie dann an ihrem Schreibtisch und prüfte – vor allem! – die Rechnungen, damit ja der Skontoabzug in Anwendung gebracht wurde. Und wenn am Sonntagnachmittag eine Person am Anzeigenschalter stand, um Todesanzeigen entgegen zu nehmen – es war Rosa Esslinger.

Als sie eines Morgens – 95-jährig – hinunter zu Fußpfleger Ruck ging, stürzte sie auf dem Kopfsteinpflaster der Poststraße – Oberschenkelhalsbruch. Es war der unfreiwillige Abschied aus einem nimmer enden wollenden Arbeitsleben. Rosa Esslinger war zum Pflegefall geworden. Es war ein schmerzhafter Tag, als am 29. Februar 1996 aus dem St.-Trudpert-Krankenhaus die Nachricht kam „Sie ist friedlich eingeschlafen.“ Im Alter von 101 Jahren.

Tante Rosa und Onkel Jakob – sie haben Maßstäbe gesetzt. Und ohne es zu wissen, hatten sie mit Albert Schweitzer, dem großen Humanisten im Urwald von Äquatorialafrika, eines gemein: Sie waren glaubwürdig im Denken und Tun. Man muss sie in Erinnerung behalten.

Diese Geschichte ist Teil der großen Jubiläumsausgabe, die am 1. Oktober 2019 erschienen ist. Die PZ gibt es an diesem Tag seit genau 70 Jahren. Die Geschichte der Zeitung in Pforzheim ist noch ein gutes Stück älter. Seit 225 Jahren wird über das Geschehen in und rund um die Stadt geschrieben und gelesen. Kommen Sie mit auf eine Zeitreise.

Die komplette Jubiläumsausgabe als PDF finden Sie online hier.

Albert Esslinger-Kiefer

Albert Esslinger-Kiefer

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