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Symbolbild: dpa
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26.03.2017

Anklage gegen Pforzheimer Zahnarzt - Vorwurf: 33-malige gefährliche Körperverletzung

Pforzheim. Die Staatsanwaltschaft Pforzheim hat nach jahrelangen Ermittlungen und dem Einholen von mindestens drei medizinischen Gutachten Anklage gegen einen früher in Pforzheim praktizierenden Zahnarzt erhoben.

Das bestätigte der für Presseauskünfte zuständige Erste Staatsanwalt Bernhard Ebinger auf PZ-Nachfrage. Die Anklagebehörde wirft dem Zahnmediziner gefährliche Körperverletzung in 33 Fällen vor. Zwar lagen der Kripo über 100 Fälle vor, in denen frühere Patienten des Zahnarztes schilderten, wie dieser ihnen nahegelegt hatte, sich angeblich irreparable natürliche Zähne ziehen und durch teuere Implantate ersetzen zu lassen. Doch die Anklagebehörde will sich nach PZ-Informationen nur auf die Fälle konzentrieren, wo sie – auf Gutachter gestützt – den Nachweis sieht, dass ein medizinische Indikation nicht vorgelegen habe, dass das Zähneziehen also nicht notwendig war. In einem Fall, den eine Patientin der PZ schilderte, wurden in einem Rutsch während der Narkose 17 Zähne gezogen.

Kein Verfahren wegen Betrugs

Ursprünglich hatte die Staatsanwaltschaft auch Ermittlungen wegen des Verdachts des Betrugs geführt, doch diese wurden eingestellt. Die Vielzahl der Fälle führt aber auch so dazu, dass Anklage bei der Auswärtigen Kammer des Landgerichts Karlsruhe erhoben wird und nicht etwa beim Schöffengericht. Dass die Staatsanwaltschaft letztlich Anklage erhoben hat, ging den Prozessbeteiligten erst in diesen Tagen zu – von daher wäre es verfrüht, zu spekulieren, auf wann der Vorsitzende Richter Andreas Heidrich den Prozess terminiert. Zumal es für den Anwalt des Zahnarzts noch eine großzügig bemessene Einwendungsfrist gibt. Und gespannt darf man sein, ob – und wenn ja, wann – die Pforzheimer Staatsanwaltschaft beim Landgericht einen Haftbefehl beantragt. Denn der Zahnarzt praktiziert nach PZ-Informationen seit einiger Zeit in der Hauptstadt eines wohlhabenden Staates im Nahen Osten.

Der Zahnmediziner hat im Verlauf der Ermittlungen immer wieder betont, es handle sich nicht um Fehlbehandlungen – was sowohl der Gutachter der Uni Leipzig als auch die kassenzahnärztliche Vereinigung in Mannheim komplett anders sahen. Nach längerem Zuwarten entzog der zuständige zahnärztliche Zulassungsausschuss, in dem auch Mitglieder der kassenzahnärztlichen Vereinigung sitzen, dem Zahnarzt die Kassenzulassung – ein fundamentaler Eingriff mit weitreichenden Konsequenzen. Fortan durfte der Zahnarzt nur noch Privatpatienten behandeln oder Kassenpatienten, die die Behandlung aus der eigenen Tasche bezahlten.

Der damals Beschuldigte und jetzige Angeklagte wehrte sich mit allen Mitteln, versuchte einerseits, über einen Medienanwalt gegen einzelne Presseberichte vorzugehen (was gerichtlich scheiterte) und andererseits, die Beschlagnahme von Dokumenten durch Kripo und Staatsanwaltschaft für rechtswidrig erklären zu lassen (was vom Landgericht Karlsruhe abgelehnt wurde). Das alles kostete Zeit, weshalb es von den ersten bekannten Fällen bis zur Anklage mehrere Jahre dauerte.

Ermittlungsgruppe „Zahn“

Immer wieder fragten ehemalige Patienten, wann es zu einer Anklage kommen werde. Den Beamten der Ermittlungsgruppe „Zahn“ gingen manche Fälle an die Nieren. Das müsse man finanziell, körperlich und seelisch verkraften, so ein Ermittler. Auch die Pforzheimer Zahnärzteschaft blickt auf den Prozess – seit die PZ den Fall publik gemacht hatte, sah mancher die ganze Zunft an den Pranger gestellt.

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