nach oben
08.04.2010

Arnold: "Wir wären in der Höhle zugrunde gegangen"

PFORZHEIM. Der „Hoffnungsschimmer“ tat sich gegen zwei Uhr nachts auf, nach mehr als 50 Stunden in der Schneehöhle. Die vier in Tirol vermissten deutschen Bergsteiger sahen die Sterne - nach drei Tagen heftigen Unwetters kündigte sich Aufhellung an. „Die Rettung kommt auf jeden Fall am Morgen“, schilderte Klaus Arnold aus Tiefenbronn seine Gedanken in jenem „erlösenden“ Moment. Am Donnerstagmittag berichteten die Rückkehrer in Pforzheim erstmals über die lebensgefährlichen Geschehnisse in Österreich.

Bildergalerie: Die Ausrüstung, die Uhlig das Leben rettete

Bildergalerie: Aus dem Eis zurück: Eindrücke von Uhligs Pressekonferenz

Die vier erfahrenen Bergsteiger inklusive des Pforzheimer Bürgermeisters Uhlig (CDU) und des Mönsheimers Hauptamtsleiters Arnold waren am Gründonnerstag zum 3700 Meter hohen Großvenediger gestartet. Den Gipfel erklommen die Schneeschuhwanderer laut Uhlig schließlich am Samstagmittag und teilten den Ausblick mit einigen Skitourengehern, die alle wohlbehalten unten ankamen. Die Deutschen jedoch wurden auf dem Rückweg vom schlechten Wetter überrascht und verloren die Orientierung.

Bildergalerie: Große Schlagzeilen: Presseschau zum Bergdrama

Bildergalerie: Uhlig wohlauf: Eindrücke von der Gletscher-Rettung

„Es ist eiskalt, der Wind pfeift noch und nöcher“, schilderte Uhlig den Wetterumschwung. Der Schnee sei in Form von „Eiskristallen“ gefallen. Die Gruppe habe sich angeseilt. Den nur wenige Meter vorauslaufenden Vordermann habe man aber kaum noch gesehen. Dann grub die Gruppe die Biwakhöhle. „Wir hatten keine andere Möglichkeit“, betonte der 45-Jahre alte Bürgermeister. In der Höhle lag die Temperatur um die null Grad, während sie draußen auf unter zwölf Grad minus fiel.

Bildergalerie: Alexander Uhlig - Baubürgermeister in Pforzheim

In den rund 60 Stunden bis zur Rettung fielen etwa 70 Zentimeter Neuschnee. Die Männer wechselten sich anhand eines „Schichtplans“ damit ab, den Eingang frei zu schippen. „Es ging darum zu überleben“, sagte Uhlig. Gesprochen hätten sie wenig, um Kräfte zu sparen. Die Gruppe habe sich über „rein rationale Dinge“ ausgetauscht, „Zweifel, Ängste, Sorgen“ habe hingegen jeder für sich behalten. „Das war der wesentliche, stabilisierende Faktor in dieser Zeit.“ In all den Stunden habe es nur einen humorvollen Moment gegeben, als einer in der Gruppe bedauert habe: „Schade, dass wir keine Spielkarten dabei haben.“

Arnold fügte hinzu, die Gruppe sei „ein super Team“ gewesen. Alle hätten „Ruhe bewahrt“, Nahrungsmittel geteilt und keiner sei „ausgeflippt“. Als die Getränke zur Neige gingen, kratzten die Bergsteiger Schnee von den Höhlenwänden und lutschten ihn. „In der dritten Nacht hatten wir fast nichts mehr zu essen“, erinnerte sich Arnold. Noch mehr als der leere Magen habe in diesen Stunden aber das unverändert schlechte Wetter an ihnen genagt, das einen Hubschrauberflug unmöglich machte.

„Wenn es am nächsten Morgen genauso schlecht ist wie vorher, dann ist es vorbei“, dachte Arnold damals. Weiterschaufeln oder Absteigen „wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen“. Arnold betonte: „Wir wären in unserer eigenen Höhle zugrunde gegangen.“

Schließlich verzog sich das schlechte Wetter und die österreichischen Rettungskräfte kamen. „Die haben ihr Leben für uns riskiert, das ist beispiellos und das macht uns unendlich dankbar“, sagte Uhlig am Donnerstag sichtlich bewegt. Er und seine Kameraden blieben fast unversehrt. „Uns geht es allen vier gut bis sehr gut“, versicherte Arnold. Nur an Fingern, Fußsohlen und Zehen hätten die Bergsteiger teils leichte Erfrierungen erlitten. „Die Haut ist einfach aufgeplatzt.“

Trotz der tragischen Erlebnisse will Uhlig auch künftig nicht auf die Alpen verzichten. „Ich geh wieder in die Berge“, versicherte der zweifache Familienvater. „Die Berge können nie schuld sein.“ Er nimmt nächstes Mal auch wieder seinen Talismann mit, einen kleinen Gummiteddybären, ein Geschenk von seiner 13-jährigen Tochter.