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Arbeiter kümmern sich noch um die Belichtung und Schränke im neu genutzten Trakt der Thales-Unterkunft.
Arbeiter kümmern sich noch um die Belichtung und Schränke im neu genutzten Trakt der Thales-Unterkunft. © Ketterl
04.03.2016

Asyl in Pforzheim: Von der syrischen Ruine ins deutsche Spanplatten-Abteil

Das Asylbewerberheim in der ehemaligen Thales-Gewerbeimmobilie an der Ostendstraße in Pforzheim hat es der PZ ermöglicht, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Das ehemalige Fabrikgelände fungiert jetzt als Notunterkunft für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan.

Auf dem Weg in die Ostendstraße trifft man nicht wirklich auf Hinweise, dass sich hier in der Nähe ein Flüchtlingsheim befindet. Die Straßen sind leer, dort steht ein Porsche vor einem Firmenhaus. Vereinzelte NPD und AfD-Plakate scheinen aufgehängt worden zu sein, um den Asylbewerbern direkt zu zeigen, wer gegen sie ist. Schließlich kommt die Fassade des ehemaligen Thales-Firmengebäudes in Sicht. Wie man sich eben ein in die Jahre gekommenes Fabrikgelände vorstellt. Die in Signalfarben gestrichene Schranke am Wachhäuschen mit seiner Besatzung aus schwarzgekleideten Sicherheitsleuten von breiter Statur lenken jedoch von dieser Vorstellung ab.

Die Schranke öffnet sich dank dem begleitenden Heimleiter ohne Personen-Kontrolle. Er führt die Gruppe direkt durch die Eingangstüren aus Milchglas ins Innere. An Platz mangelt es nicht. Der Haupttrakt fasst momentan 405 Flüchtlinge. Ein weiterer Teil des Komplexes wird gerade umgebaut, um neuen Wohnraum zu schaffen. In diesem Neubaugebiet riecht es immer noch etwas nach Leim, ausgehend von den jeweils etwa 25 Quadratmeter messenden Abteilen aus Spanplatten. Hier sollen die Neuankömmlinge leben. Über jedem Eingang hängt ein Blechschild mit Nummer, wie es auch an deutschen Reihenhäusern hängen könnte. Nach oben sind die Holz-Rechtecke offen, es bietet sich der Anblick der Fabrikdecke mit ihren zahlreichen Rohren, Lüftungsschächten und Leitungen.

Nebenan laufen die Arbeiten noch, einige Männer sind fleißig. 50 Herde und 40 Spülen sollen in einem geeigneten Nebenraum installiert werden, damit die zukünftigen Bewohner die Möglichkeit haben, selbst zu kochen. Auch die Duschen im Keller sind renoviert, trotzdem liegt dieser bestimmte, leicht modrige Geruch von alten Badezimmern in der Luft. Dagegen hilft keine Kompletterneuerung.

Dieser gewisse Duft setzt sich im Treppenhaus der bereits bewohnten Räumlichkeiten fort, obwohl Putzleute neben den Sicherheitskräften schrubben und wischen. Durch das Verwaltungsgebäude gelangt man von der Baustelle in das mehrstöckige Gebäude. Jeweils im Westflügel, also auf der linken Seite jedes Stockwerks, befinden sich die Sanitär- und Waschräume, weißblitzend. Gegenüber in den Wohnabteilen leben pro Etage 80 bis 120 Leute. Das Ganze hat Hostel-Atmosphäre, wenngleich es sauberer ist als in so mancher Jugendherberge. Die jungen Leute, die Hostels in Australien und anderen fernen Ländern nutzen, fliehen allerdings meistens nur vor ihren Eltern oder der Kälte in Deutschland, nicht vor dem Krieg.

Die Asylbewerber bewohnen umgebaute Büroräume in einem neutralen, grauen Gang. Auf Klopfen macht ein freundlicher junger Herr mit Bart und ohne Schuhe seine Tür auf. Frau und Kinder sitzen im Zimmer, Spielsachen sind über den Boden verteilt. Die Frau ist aufgeschlossen, sie ist nicht verschleiert. Ein paar Brocken Deutsch können die Iraker auch schon. Sie scheinen nicht schüchtern, auch nicht im Angesicht der Presse. Ein einzelnes Zimmer gibt es für Notfälle, wenn dringend Platz gebraucht wird. Es steht leer. Drahtgestellbetten mit eingeschweißter Bettwäsche obenauf, zwei kleine Kühlschränke, genügend Fächer und Schränke für zehn Personen. Ausgestattet wie ein guter Hostelsaal.

Die Treppe runter und über den Hof geht es zur Kantine, einem weiteren Überbleibsel der alten Fabrik. Jeden Moment erwartet man Arbeiter aus den 70ern hereinströmen. Von dieser Vorstellung lenken allerdings Essensplan, Sicherheitshinweise und Hygienetipps auf Deutsch, Englisch und Arabisch ab. Auch gemeinsames Kochen von Gerichten mit unaussprechlichen Namen wird am schwarzen Brett angeboten. Kinder laufen herum, manche senken den Blick, aber die meisten interessiert, was hier vorgeht. Den Sicherheitsleuten nach können die Kinder teilweise schon nach ein paar Monaten richtig gut Deutsch, sie dolmetschen auch für ihre Eltern. Sie integrieren sich ganz von selbst.