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Der Jude Shlomo Reutlinger (links) floh als Kind aus Pforzheim. Hans Mann hat ihn in Jerusalem besucht und nach seinem Leben und dem Schicksal seines Bruders Erich befragt.  Privat
Der Jude Shlomo Reutlinger (links) floh als Kind aus Pforzheim. Hans Mann hat ihn in Jerusalem besucht und nach seinem Leben und dem Schicksal seines Bruders Erich befragt. Privat
11.12.2016

Auf Spurensuche - Reise nach Jerusalem zu einem 91-Jährigen Juden aus Pforzheim

Für Erich Reutlinger, der als Junge in Ausschwitz starb, existiert ein Stolperstein mit der Nummer 100. Über sein genaues Schicksal und das seines Bruder wusste Hans Mann allerdings wenig, bis er vor einem Jahr auf den Name Shlomo Reutlinger im Internet stieß.

Hans Mann, 75, ist Motor der Stolperstein-Initiative unter dem Dach der Löblichen. Seit er vor zehn Jahren mit dem Verlegen der Steine zur Erinnerung an die ermordeten Pforzheimer Juden begann, trägt er auch deren Lebensgeschichten zusammen. Wie kam es dazu, dass Erich mit 13 Jahren im Konzentrationslager starb und sein Bruder Shlomo heute im Alter von 91 Jahren mit seiner Frau in Jerusalem lebt?, fragte sich Mann.

Nach einem Mailkontakt und Informationen über den Verwandschaftsgrad verschiedener Angehöriger der Familie Reutlinger entschloss er sich, zusammen mit seiner Frau Christa nach Israel zu fliegen. „Ich wollte die schmerzlichen Erinnerungen persönlich mit ihm teilen.“ Für die Reise warb er um Sponsoren.

Mann hatte zunächst Sorge, Shlomo Reutlinger zu sehr mit seinen Fragen zu seiner Biographie zu belasten. „Aber nach anfänglicher Beklemmung war er froh, dass er mit uns reden konnte“, so Manns Eindruck. Die Reutlingers hatten an der Kronprinzenstraße 25 gelebt. Shlomo ging zunächst in eine nahegelegene Grundschule, dann 1938 auf die Reuchlin-Oberrealschule und später für drei Monate auf eine jüdische Schule in Karlsruhe. Bruder Erich besuchte das Schulghetto im Osterfeld. Obwohl der Vater ein Ausreisevisum nach Kuba für die ganze Familie beantragt hatte, spitzte sich die Lage so zu, dass der Vater die Kinder in die Obhut eines Onkels nach Belgien gab. Durch ein Programm für jüdische Jugendliche erhielt Shlomo 1940 ein Ausreisevisum nach Palästina. Erich war dafür zu jung. Die deutsche Wehrmacht besetzte Belgien. Erich kam bei Freunden des Onkels, der selber floh, unter. Die Gestapo deportierte das Kind nach Ausschwitz. Die Eltern wurden nach Gurs, dem Internierungslager am Rand der Pyrenäen, deportiert, von dort aber freigekauft. Sie emigrierten über Kuba nach Amerika, wo sie Shlomo Reutlinger, inzwischen 25 Jahre alt, endlich wiedersah. Elf Jahre waren vergangen. Er studierte Agrawissenschaft als Ergänzung zu seiner landwirtschaftlichen Lehre und war viele Jahre für die Weltbank tätig. 1994 kehrte Shlomo mit seinen beiden Kindern nach Israel zurück. Ein Jahr später besuchte er mit seinen Kindern sein Elternhaus an der Kronprinzenstraße 25 und auch den Friedhof in Königsbach, auf dem viele Reutlingers zur letzten Ruhe gebettet sind.

Gerne würde Hans Mann auch einen Stolperstein für Shlomo Reutlinger verlegen. Gleichwohl, bedauert er, sei der Besitzer des damaligen Wohnhauses der Familie Reutlinger strikt dagegen.