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Manche schreiben den Urlaub im eigenen Land aber noch nicht ab.  Foto: von Ditfurth 

Auslandsreisen bleiben im Sommer unerfüllter Traum - Pforzheimer Reisebüros mit Rücken zur Wand

Pforzheim. Normaler Sommerurlaub an der Riviera? Darauf können die Menschen in Deutschland nach Einschätzung von Bundesaußenminister Heiko Maas in der Corona-Krise nicht hoffen. „Eine normale Urlaubssaison mit vollen Strandbars und vollen Berghütten wird es diesen Sommer nicht geben können“, so Maas. Der SPD-Politiker schloss dabei aber nicht aus, dass Urlaubsreisen mit gewissen Einschränkungen möglich werden. In Deutschland gilt eine weltweite Reisewarnung für Touristen bis zum 3. Mai. Ende April werde entschieden, wie es damit weitergehe, sagte der Außenminister.

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Etwas mehr Hoffnung verbreitet Entwicklungsminister Gerd Müller. Er hält Reisen außerhalb Deutschlands für möglich. Auch der Reiseverband DRV warnte gestern vor einem „pauschalen Abgesang“ auf den Sommerurlaub. Peter Wagner, Geschäftsführer vom Pforzheimer Reisebüro Eberhardt, sieht es skeptisch. Solange es keinen Impfstoff gebe, könne er sich nicht vorstellen, dass der Reisebetrieb zur Normalität zurückkehren werde.

Fast leerer Strand in Saint-Gilles auf der französischen Insel La Reunion im Indischen Ozean. Foto: Richard Bouhet/AFP/d
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Maas: Keine «normale Urlaubssaison» in diesem Sommer möglich

Dann also doch Urlaub im eigenen Land? Jüngst hatten Baden-Württembergs Tourismusminister Guido Wolf und Martin Keppler, Hauptgeschäftsführer der IHK Nordschwarzwald, für Lockerung plädiert (die PZ berichtete). Auch die FDP-Fraktion im Landtag fordert eine Perspektive für die Sommerferien: „Mit der Gewöhnung an Abstands- und Hygienemaßnahmen sowie des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes in der Öffentlichkeit sollte die Wiedereröffnung zumindest von Übernachtungsmöglichkeiten auf Sicht möglich sein“, sagt Erik Schweickert, Landtagsabgeordneter aus Niefern-Öschelbronn. Für die erfolgsverwöhnte Branche könnte das ein Rettungsanker sein. Seit 2010 steigen die Gäste- und Übernachtungszahlen: Mehr als 57 Millionen Übernachtungen wurden im vergangenen Jahr gebucht – ein erneuter Rekord.

„Diese Überlegungen sind notwendig und wichtig“, sagt Wagner, dessen Reisebüro auch Deutschlandreisen im Programm hat. „Im Schwarzwald wurde viel bewegt und Nischen aufgebaut.“ Doch die Krise zeige zugleich den Nachholbedarf auf – etwa marode Straßen oder die schlechte Internetverbindung auf dem Land. „Das alles gehört aber zum Urlaub dazu“, so Wagner.

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Bis es so weit ist, heißt es für die Touristiker: warten. Dabei liegen die Nerven bei vielen blank. „Es ist eine wirtschaftliche Katastrophe“, sagt Heribert Frey, Chef des Pforzheimer Reisebüros/Lufthansa Citycenter an der Bahnhofstraße. Alle seine 49 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Das Büro ist für Besucher derzeit nicht geöffnet. Warum auch, denn Urlaubsreisen werden derzeit ohnehin nicht gebucht. Am Telefon und per Mail werden die wichtigsten Anliegen der Kunden bearbeitet. Meist sind es Umbuchungen von bestehenden Reisen. Seit im Januar die Geschäftsreisen eingebrochen sind, gibt es kein Neugeschäft mehr. „Wir waren fast ausschließlich mit Rückholaktionen und Stornierungen beschäftigt“, sagt Frey.

Auch Wagner berichtet: „Wir sind zeitig in die Produktion für 2021 gegangen, bieten Alternativen für die zweite Jahreshälfte an.“ Treue Kunden würde Reisen umbuchen, lassen das Geld somit im Umlauf – „Das hilft uns sehr“, sagt Wagner. Denn: „Wir wollen das Geschäft behalten.“

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Der 11. September 2001 und die Finanzkrise 2008/09 hätten Spuren im Tourismusgeschäft hinterlassen, ergänzt Frey. Doch derartige Auswirkungen habe noch keine der Krisen gehabt. Zumal die Folgen global spürbar seien.

„Es trifft die Fluggesellschaften, die Reiseveranstalter und die Kreuzfahrtunternehmen“, sagt Frey. Aber auch die Zimmermädchen in den geschlossenen Hotels, die Straßenhändler an der Ecke sowie die Surfschulen am Strand, die alle plötzlich und für lange Zeit keine Einnahmen hätten. Zudem seien Länder wie Spanien, Italien und Griechenland auf die Tourismuseinnahmen angewiesen – und schauen derzeit in die Röhre.

„Die Politik in Deutschland hat vieles gut und schnell gemacht“, stellt der Tourismusfachmann fest – vielleicht nicht alles richtig. „Die Soforthilfe für kleinere und mittlere Betriebe war wichtig.“ Auch wenn diese dringend erforderliche Liquiditätshilfe angesichts der längeren Durststrecke gerade auch für Hotel und Gastronomie rasch aufgezehrt sei. „Wir haben zum Glück in den vergangenen Jahren gut gewirtschaftet und Rücklagen gebildet.“ Ewig könne kein Unternehmen einen kompletten Umsatzausfall verkraften. „Was uns fehlt, ist eine klare Per-spektive, ein Konzept, wie es nach der Krise weitergeht.“

Eines steht für Frey aber fest: „Die Menschen wollen irgendwann wieder in Urlaub fahren und das Leben genießen.“ Momentan wisse keiner, wann das wieder möglich sein werde. Es gebe verschiedene Szenarien, sagt  Frey auch im Blick auf Geschäftsreisen. Kreuzfahrten würden aktuell auf das Jahr 2021 umgebucht. „Die Reisefreiheit ist ein kostbares Gut, doch wir müssen wohl alle noch Geduld haben.“

Katharina Lindt

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Lothar Neff

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