nach oben
Als Zerspannungsmechaniker muss Mousa El Arkoubi Bauteile für komplexe Fertigungsmaschinen herstellen. Foto: Seibel
Als Zerspannungsmechaniker muss Mousa El Arkoubi Bauteile für komplexe Fertigungsmaschinen herstellen. Foto: Seibel
04.09.2015

Azubi des Monats August: CfR-Spieler Mousa El Arkoubi stellt sich vor

Pforzheim. Sein Leben ist verplant. Leidenschaftlich geht Mousa El Arkoubi in seinem Job als Zerspanungsmechaniker auf. Wenn er gerade nicht an der Werkbank steht, gibt es nur noch eins für ihn: Fußball. Er spielt beim 1. CfR Pforzheim. Und hinter beiden Polen seines Lebens steht er mit ganzem Einsatz.

Sich einfach mal auf die faule Haut legen, das geht bei Mousa El Arkoubi nicht so leicht. Wann denn auch – er hat schlicht keine Zeit dafür. Denn sein Leben pendelt zwischen zwei Polen hin und her: Rastlos wechseln sie sich ab und lassen wenig Platz für Nebensächliches. Sein Beruf und sein Hobby – der Fußball – haben den 20-Jährigen ganz im Griff. Das beginnt am frühen Morgen. Um viertel vor fünf klingelt der Wecker. Egal ob es gestern später geworden ist – Mousa muss raus. Muss von Weil der Stadt – seiner Heimat – nach Pforzheim pendeln. Pünktlich um halb sechs steht er an der Bushaltestelle, setzt sich in den Bus, steht um sieben Uhr an der Werkbank. Bei Böhmler Drehteile auf der Wilferdinger Höhe macht er eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker – und er macht sie gut.

Er sei immer pünktlich und sehr zuverlässig, sagen seine Ausbilder. Jetzt muss er sich konzentrieren; muss begreifen, wie die komplexen Maschinen funktionieren. Er geht durch die dröhnende Maschinenhalle, der Boden ist von Maschinenflüssigkeit ganz nass poliert. Um ihn herum das Rattern der Maschinen. Sie schneiden aus groben Klötzen filigrane Teile; präzise Stücke, die in anderen Firmen weiterverarbeitet werden – und die passen müssen, sonst sind sie wertlos. Kein Wunder, dass solche Maschinen nicht einfach vor sich her schuften, sie müssen beaufsichtigt werden. Über ein Labyrinth aus Schaltern macht Mousa der Maschine klar, was er von ihr will. Auf das Sichtglas spritzt braune Flüssigkeit, Schläuche bewegen sich: ein sirrendes Schneiden setzt ein. Und kurz darauf plumpsen sie in den Behälter, die Drehteile, deren Glanz noch vom braunen Schimmer des Maschinenwassers beschmutzt ist. Das geht langsamer voran als gedacht. Wenn man aber das fertige Produkt betrachtet, weiß man warum: Das einst unförmige Metall ist in unzähligen Arbeitsschritten in eine verwinkelte Landschaft aus Linien und Höhen verwandelt worden – wie die Miniaturansicht einer fernen Architektur, bloß in Metall. Die Apparate, die so genau arbeiten, muss Mousa nicht nur beaufsichtigen; er lernt sie auch zu bauen. Er lernt, so präzise zu denken wie sie. Und das ist zäh.

Am Anfang der Ausbildung steht eine Sisyphusarbeit in Form eines Stahlteils. Es begleitet ihn schon seit drei Monaten. Jeden Tag sieht er es an, legt Hand an, fräst, bohrt und feilt. Und mit jedem Tag bringt er es der Form näher, die es haben soll – und die Mousa aus einem Konstruktionsplan abliest. Eine schweißtreibende Arbeit. Doch auch nach dem Feierabend wartet keine Ruhe auf ihn. Leistung wird jetzt ebenso von ihm gefordert. Dreimal in der Woche bleibt er länger im Geschäft, macht sich dann auf ins Brötzinger Tal, um für den CfR zu trainieren. Schon immer war Mousa ein Talent, hat in Freiberg und Backnang – sogar in der Jugend-Bundesliga gespielt. An einem Punkt aber musste sich der Fußball hinten anstellen. „Als ich meinen Realschulabschluss gemacht habe, habe ich mit dem Fußball aufgehört. Ich wollte einen guten Abschluss haben.“ Auf der Technikschule ist Mousa in seinem Element.

Er, der immer schon leidenschaftlich gern gebastelt und repariert hat, kann in den technischen Fächern glänzen, wird zum Schulsprecher gewählt und erreicht sein Ziel: einen guten Abschluss. Dass er dafür aber sein wichtigstes Hobby aufgegeben hat, hat sich rumgesprochen. „Du hast Talent“, sagt der CfR-Trainer Ruzhdi Selimi. Er kommt auf Mousa zu und will ihn überzeugen, weiterzumachen – und zwar beim CfR. Mousa schlägt ein. Dort findet er eine neue Fußballheimat – und am Ende auch seinen Job. Denn Böhmler unterstützt den CfR als Sponsor. So wird Mousa auf seinen zukünftigen Arbeitgeber aufmerksam, bewirbt sich und wird genommen. Seit einem Jahr ist er in der Ausbildung und geht in seinem Job auf: „Ich komme gerne in die Arbeit.“ Anders, meint er, würde er mit der zeitlichen Belastung auch gar nicht klarkommen. Denn nach dem Training wird es spät, bis er zu Hause ist. Nur ein Tag ist wirklich stressfrei.

Sonntags geht es nicht um Arbeit oder Fußball, sondern um die Familie. Und die ist groß. Seine Mutter hat neun Kinder großgezogen. Mousa ist das Jüngste. „Es tut gut, wenn man mit der Familie klarkommt“, sagt er. Seine Familie stammt aus Marokko, ist in den 1980er-Jahren nach Deutschland gekommen. Und geblieben. Nur den Vater hat es zurück nach Marokko verschlagen. Aber Mousa will es seinen Geschwistern nachtun, nicht ihm. Sie sind hier geblieben, haben Arbeit gefunden, Familien gegründet, sind hier zu Hause. Wie Mousa. „Mit meinen Geschwistern rede ich Deutsch“, sagt er. Nur im Gespräch mit der Mutter gebraucht er sie noch, die Muttersprache Marokkanisch. Oder, wenn er seine Oma besucht, in Nador. Dort, wo seine Familie herkommt, aus dem Norden Marokkos. Aber auch der längste Urlaub geht zu Ende. Und sein Alltag, der ist hier. Bei den Freunden vom Fußball, bei der Familie – und da, wo der Wecker jeden Morgen so unbarmherzig klingelt.