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Doroteja Vinkovic (21) und Tanja Dietz (20). Foto: Seibel
Doroteja Vinkovic (21) und Tanja Dietz (20). Foto: Seibel
27.02.2015

Azubi des Monats Februar: Dorftheater und Schalterhalle

Mit ihrem Profil steht sie in ihrer Klasse ganz alleine da. Denn wenn sich Tanja Dietz (20) nach Stuttgart zur Berufsschule aufmacht, gilt sie unter ihren Klassenkameraden als ziemlich exotisch – und das bei einem Arbeitgeber, der sonst nicht gerade für Exotik steht: der Sparkasse Pforzheim-Calw. Hier aber, in den Kursen der Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule, ist Tanja Dietz etwas Besonderes.

Die restlichen 29 Schüler arbeiten in kleinen Werbeagenturen, fühlen sich als Teil einer besonders kreativen Kaste – sind Stadtmenschen. Nicht so Tanja Dietz. Sie kommt aus Pfinzweiler, vom Dorf also. Hier – in der Weite zwischen Pforzheim und Karlsruhe – ist ihre Familie verortet, ihre Oma führt die kleine Metzgerei – und hier will Tanja auch nicht mehr weg. Wie passt das alles zusammen? Dort das schnelle Geschäft aus Kampagnen, Claims und Copy-Tests, indem heute mittag schon verstaubt ist, was morgens noch aufpoliert wurde – und hier die Beständigkeit, Eintönigkeit aber auch Verlässlichkeit des Dorflebens. Tanja scheint mit ihrem Leben zwischen den Welten, zwischen Metzgerei und Kreativbüro, ganz gut zurecht zu kommen – ihre Ausbildung wirkt wie auf den Leib geschneidert. Seit 2013 arbeitet sie bei der Sparkasse Pforzheim-Calw als Kauffrau für Marketingkommunikation mit Zusatzqualifikation Kommunikationsmanagment – grob gesagt ist sie für die Werbung zuständig.

Denn im Gegensatz zu den meisten anderen, kleineren Sparkassen sind in einem so großen Haus wie in Pforzheim auch die Nischen des Geschäftes voll ausgebaut. „Wir vermarkten uns vollständig selbst“, sagt Tanja Dietz. Was das heißt? Hier begleitet sie jeden Schritt einer Kampagne – „von den ersten Ideen über die grafische Gestaltung bis hin zum fertigen Produkt bin ich mit dabei“. Bei einer so speziellen Ausbildung ist es logisch, dass die Sparkasse nicht jedes Jahr einen Ausbildungsplatz für diesen Bereich anbieten kann, Tanja ist die einzige Auszubildende, die seit Herbst 2013 hier eingestellt wurde. Warum sie die Richtige war? „Ich habe eigentlich schon immer alles Mögliche fotografiert. Als es dann aufs Abi zuging, war mir klar, dass ich meine Kreativität unbedingt auch im Beruf ausleben will.“ Durchgesetzt hat sie sich aber auch, weil sie sich nicht verstellt hat, authentisch war – und auch ihren Dialekt nicht versteckt hat. „Im Gymnasium bin ich bloß mitgeschwommen; aber hier habe ich auf einmal richtig Ehrgeiz entwickelt.“ Vielleicht liegt das daran, dass sich die 20-Jährige im Betrieb wohlfühlt – und sich besonders gut mit einer ihrer Kolleginnen versteht: Doroteja Vinkovic (21).

Die Verbundenheit geht so weit, dass sich beide zusammen für den PZ-Azubi des Monats beworben haben. Sie machen auch außerhalb der Arbeit viel zusammen, treffen sich zum Fernsehen oder Feiern. „Ich liebe ihren Hamster Monsieur Detlev“, meint Doroteja. Auch sie fühlt sich dort wohl, wo sie ist – sie repräsentiert den klassischen Ausbildungsberuf des Bankgewerbes. Denn als Finanzassistentin arbeitet sie wie eine Bankkauffrau, besitzt aber noch weitergehende Kompetenzen. „Weil ich Abi habe, ist meine Ausbildung etwas umfangreicher; ich habe insbesondere tiefere Kenntnisse in den Bereichen Immobilien, Steuern und Versicherungen und zusätzlich noch Wirtschaftsenglisch in der Berufsschule“, sagt sie.

Zudem ist ihre Ausbildung auf zwei Jahre verkürzt: 2013 hat sie begonnen und ist bald schon fertig. Ihr Weg in den Job ist weniger gradlinig. Geboren wird Doroteja in Slowenien, kommt jung mit ihrer Mutter und den Geschwistern nach Deutschland, lebt lange in Bad Herrenalb-Rotensol, zieht später um nach Calw. Eigentlich weiß sie schon früh genau, wo sie hin will. Doch die Berufsberaterin an der Realschule rät ihr ab, die Finanzindustrie, das sei nicht das richtige für sie. Sie lässt sich überreden, macht ein biotechnologisches Abitur in Pforzheim – bereut es aber früh. Jetzt will sie nur durchhalten, bloß das Abi machen. Ihren Ehrgeiz aber weckt die Schule nicht. Ganz anders das Praktikum, das sie auf Empfehlung eines Freundes in Calw-Heumaden in einer kleinen Sparkassen-Filiale macht. „Ich kam jeden Tag sehr zufrieden von der Arbeit. Dann und besonders in den Wochen danach war mir klar, wo meine berufliche Zukunft liegt.“

Sie bewirbt sich und bekommt den Ausbildungsplatz vor allem wegen einer Qualität: ihrer Kontaktfreudigkeit. Denn der Hauptteil ihrer Arbeit besteht aus Gesprächen. Da gibt es die Beratungsgespräche, in denen Berufsanfänger schon in jungen Jahren ihre finanzielle Zukunft planen; die Gespräche, in denen Familien das richtige Zuhause suchen – oder auch den Small Talk am Schalter. „Das muss auch mal sein“, sagt Doroteja: „Ich versuche immer den Eindruck zu vermitteln, dass ich Zeit für die Kunden habe. Da kann es schon passieren, dass aus dem bloßen Geldabholen eine halbe Stunde Gespräch wird – über die Kinder, den Hund, einfach über ganz alltägliche Dinge.“ Hier also kann Doroteja ihre Stärken ausspielen. Wie Tanja ist sie glücklich, eine berufliche Heimat gefunden zu haben, in der sie sich wohlfühlt. Beide wissen aber, dass es noch mehr gibt als den Beruf. Zumindest Tanja hat heute ganz andere Sorgen: Denn am Abend steht sie auf der Bühne – beim Laie