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In der Ausbildung von Serpil Kestek kommt es auf Präzision an.
In der Ausbildung von Serpil Kestek kommt es auf Präzision an.
30.01.2015

Azubi des Monats Januar: Über Umwege an die Werkbank

Serpil Kestek hat in ihrem Arbeitsleben schon viel ausprobiert – und macht nun seit September beim Pforzheimer Unternehmen Witzenmann eine Ausbildung zur Maschinen- und Anlagenführerin. Die „PZ“ stellt die 28-jährigePforzheimerin in ihrer neuen Serie vor.

Unauffällig bleiben will sie. Sie versuche es jedenfalls, sagt Serpil Kestek. Dabei macht die junge Frau tagtäglich das Gegenteil – zumindest an ihrem Arbeitsplatz. Als Auszubildende sticht sie bei der Firma Witzenmann sofort ins Auge. Denn Kestek sitzt nicht wie viele ihrer Kolleginnen im kaufmännischen Bereich am Schreibtisch, sondern dreht, fräst und bohrt in der Ausbildungswerkstatt des Pforzheimer Unternehmens – und das auch noch mit 17 weitaus jüngeren Männern. Im September hat die 28-Jährige eine zweijährige Ausbildung zur Maschinen- und Anlageführerin begonnen. Und geht auch sonst oft andere Wege.

Einen Sechser im Lotto nennt sie ihre Ausbildung. Viele Frauen würden solche Worte wohl kaum über die Lippen bringen, wenn Hände und Arbeitskleidung am Ende des Tages mit Öl verschmiert wären. „Der Umgang mit Maschinen hat mir schon immer viel Spaß gemacht“, sagt Kestek. Auch zu Hause habe sie immer mit angepackt. Möbel aufbauen, Autoreifen und Motoröl wechseln – für die 28-Jährige kein Pro-blem. „Ich bin eben praktisch veranlagt und will mit anpacken.“


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Anreißen, bohren, körnen und fräsen gehören heute zum täglichen Sprachrepertoire für Kestek. Das Lichtspaltverfahren erklärt sich für sie von selbst. Dabei sah es lange Zeit nicht danach aus, dass Kestek den Weg in den gewerblichen Bereich einschlagen würde. In der Lebensmittelindustrie und Gastronomie habe sie früher gearbeitet, erzählt sie und leider nicht nur gute Erfahrungen damit gemacht. Vor knapp zwei Jahren sei sie dann als zeitlich befristete Produktionshilfe an den Remchinger Standort von Witzenmann gekommen. Das Datum hat die junge Frau noch genau im Kopf: „Das war am 21. März 2013.“ Ihr dortiger Meister habe sie später für einen Ausbildungsplatz empfohlen. Von den rund 100 Bewerbern setzten sich nach mehreren Tests und Gesprächen 18 für eine Stelle in der Ausbildungswerkstatt durch – darunter Serpil Kestek als einzige Frau. „Wir schauen auch sehr auf die Persönlichkeit“, sagt Bettina Vogler, Personalreferentin für die Ausbildung bei Witzenmann.

Dass sie nur mit Männern in der Werkstatt zusammenarbeitet, stört die 28-Jährige nicht – im Gegenteil: „Ich mag den rauen Umgang. Es ist unkomplizierter“, sagt sie. Und schiebt gleich nach: „Das wollte ich jetzt eigentlich nicht so sagen.“ Dennoch sei der Stolz manchmal zu groß, die anderen Lehrlinge bei einem Problem gleich um Hilfe zu bitten – auch wenn man sich immer gegenseitig helfe, wie alle in der Ausbildungswerkstatt sagen, und „ein Auge auf Serpil“ habe. „Ich möchte gleichgestellt sein. Trotzdem versuche ich nicht krampfhaft, ein Mann zu sein. Ich bin ja schließlich immer noch eine Frau.“ Zwar sei es angenehm sich morgens vor der Arbeit nicht überlegen zu müssen, was man anziehen soll – Kestek und ihre Ausbildungskollegen tragen Sicherheitsschuhe, dunkelblaue Arbeitshosen und hellblaue Polohemden – , trotzdem mache sie sich gerne „schön“. Und ein bisschen eitel sei ja jeder, sagt die Frau mit Ölflecken auf dem Arbeitshemd, die das Foto von sich auf ihrem Arbeitsplatz falsch herum angebracht hat, weil sie darauf „schrecklich“ aussehe.

Die 28-Jährige gibt sich generell bescheiden. „Ich habe wohl einen guten Eindruck hinterlassen“, sagt sie zu der Tatsache, dass bei der Suche nach dem „Azubi des Monats“ Januar zwei Witzenmann-Mitarbeiter unabhängig voneinander auf sie gekommen sind. „Das macht mich stolz und gibt mir Selbstvertrauen“, meint sie eine Stunde später. Dass sie Lehrling in einem Unternehmen ist, dessen Ausbildung erst vor Kurzem von der Industrie- und Handelskammer Nordschwarzwald prämiert wurde, bestätige ihren sehr guten Eindruck von der Firma.

Ihre Vorgesetzten sehen in Kestek „eine offene und herzliche Person“ und schätzen, dass sie durch ihre Reife oft einen anderen Blickwinkel auf Dinge hat. Auch Ehrgeiz, Ausdauer und Mut – für ihre Entscheidung in ihrem Alter noch einmal eine Ausbildung anzufangen – werden ihr bescheinigt. Denn auf ihrem Weg zur Maschinen- und Anlagenführerin hat die 28-Jährige auch Nachteile gegenüber ihren jüngeren Azubi-Kollegen. Nach der Arbeit büffelt die junge Frau freiwillig Mathe. Schließlich habe sie seit zwölf Jahren keinen Unterricht mehr gehabt. Ihre Freizeit nutzt sie nach Arbeit und Pauken aber dennoch auch für andere Dinge. Früher sei sie bei der Jugendfeuerwehr in einem Ort bei Bremen gewesen – Kestek ist vor drei Jahren „wegen der Liebe“ nach Pforzheim gekommen. Auch in einem Shakespeare-Stück habe sie mal mitgespielt. Heute ist sie beim Tierheim als Gassigeherin eingetragen, treibt Sport und engagiert sich bei der IG-Metall. „Ich schaue auch regelmäßig türkische Nachrichten und Sendungen, um mir ein bisschen von meiner Identität zu bewahren und die Sprache nicht zu vergessen“, erzählt Kestek, deren Familie ursprünglich aus der Türkei stammt.

Fragt man sie nach ihren Zielen für die Zukunft, antwortet die 28-Jährige wie aus der Pistole geschossen: „Feste Mitarbeiterin dieser Firma werden, mich weiter bilden und in fünf Jahren eine Eigentumswohnung besitzen.“ Serpil Kestek macht ihrem Vornamen eben alle Ehre. Übersetzt heißt er so viel wie „Werde groß! Wachse! Gedeihe!“.