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Das Berufungsgericht sah auch das Martyrium des Kindes, ausgelöst durch ein Schütteltrauma, verursacht vom Vater, der seine Ruhe wollte, weil er verkatert war.

Baby geschüttelt: Mildere Strafe für Vater in zweiter Instanz

Pforzheim. Zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und zehn Monaten wurde ein 34-jähriger Mann polnischer Herkunft wegen Misshandlung Schutzbefohlener und schwerer Körperverletzung vor der Kleinen Strafkammer des Landgerichts Karlsruhe - Außenstelle Pforzheim verurteilt. Denn das Gericht unter Vorsitz von Richterin Diana Schick sah es am Mittwoch als erwiesen an, dass der Vater im Februar 2015 sein damals sechs Monate altes Baby so sehr geschüttelt hat, dass der Säugling in akuter Lebensgefahr schwebte und mit einem Hubschrauber in eine Klinik nach Stuttgart geflogen wurde.

Die damals vierjährige Halbschwester oder die Mutter schieden als Täterinnen aus. „Die Vierjährige hätte das Baby am Rumpf fassen und kräftig schütteln müssen. Das kann ein Mädchen in diesem Alter nicht“, sagte die Sachverständige, eine Rechtsmedizinerin. Auch an der Glaubwürdigkeit der Mutter zweifelte das Gericht nicht. Sie war einkaufen, wollte verhindern, dass ihr damaliger Lebenspartner erneut Alkohol mit nach Hause bringt. Anschließend fand sie ihr Kind auf der Schlafcouch liegend – ein Auge geschlossen, das andere nach hinten gerückt mit steifer Zunge und zuckendem Arm vor.

„Die flächenhafte Einblutung unter die harte Hirnhaut, Durchblutungsstörungen im Gehirn, Blutungen im Augenhintergrund, also der Netzhaut und im Auge selbst sind typisch für ein Schütteltrauma, besonders beim Fehlen von Verletzungen am Körper oder Prellmarken am Kopf – wie sie bei einem Sturz aus großer Höhe, beispielsweise vom Wickeltisch vorkommen“, betonte die Rechtsmedizinerin.

Im Vergleich zum Urteil in erster Instanz fiel das Gerichtsurteil dennoch milder aus, denn der damalige Pforzheimer Amtsgerichtsdirektor Karl-Michael Walz ging zu jener Zeit beispielsweise noch davon aus, dass das Kind erblindet, was glücklicherweise nicht der Fall ist. Auch die Lähmung der rechten Seite bildete sich zurück und die epileptischen Anfälle blieben aus.

Das Amtsgericht Pforzheim hatte den Automechaniker, der teilweise auf dem Bau arbeitet, im Dezember 2015 zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten verurteilt. Sowohl Verteidigung als auch Staatsanwaltschaft gingen in Berufung. Der damalige Pflichtverteidiger, der mittlerweile verstorben ist, plädierte wie auch der jetzige Anwalt auf Freispruch. Die Staatsanwaltschaft forderte – früher wie heute – eine deutlich höhere Strafe. Die Staatsanwaltschaft hatte nun auf drei Jahre und neun Monate plädiert.

Das Berufungsgericht sah auch das Martyrium des Kindes, ausgelöst durch ein Schütteltrauma, verursacht vom Vater, der seine Ruhe wollte, weil er verkatert war.

Fünf Operationen liegen mittlerweile hinter dem Jungen. Um die Blutungen zu entlasten wurde die Schädeldecke geöffnet, ein Knochen herausgenommen, der später wieder eingesetzt und schließlich durch einen künstlichen ersetzt werden musste. Doch noch immer gibt es offene Stellen, wie ein Neurologe erklärte. „Vermutlich kommt zwischen zehn und 14 Jahren eine weitere Operation auf das Kind zu oder er muss einen Helm tragen“, sagte der Kinderneurologe. Auch spätere motorische und logopädische Probleme, die nun im Kindergarten auftreten, schloss der Mediziner nicht aus. Aber welche Folgeschäden noch auftreten werden und ob diese dann tatsächlich mit dem Schütteltrauma in Verbindung stehen, können weder Mediziner hundertprozentig belegen, noch das Gericht, denn Ursache könnte auch die Genetik oder die Geburt sein.

Drei Monate des Urteils gelten bereits als vollstreckt, denn der Fall war aus justizinternen Gründen, sprich wegen Überlastung des Gerichts, lange liegengeblieben und nicht bearbeitet worden. Die lange Zeit spielt für den Angeklagten, denn in diesem Zeitraum wurde er nicht erneut straffällig und hat auch keine Vorstrafen.