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Barbara Große  Foto: Frommer
Barbara Große Foto: Frommer
19.06.2017

Barbara Große berichtet im DDR-Museum von Bespitzelung und ihrer unmenschlichen Haft im Zuchthaus

Pforzheim. Sie saß im berüchtigtsten Frauengefängnis der ehemaligen DDR: Barbara Große, Jahrgang 1947, berichtete im Pforzheimer DDR-Museum von Repressalien und Bespitzelung, von ihrer Haft im Zuchthaus Hoheneck und von ihrem späteren Freikauf durch die Bundesrepublik im Jahr 1984.

Im Frauengefängnis Hoheneck, erinnerte sie sich im Rahmen ihrer Lesung aus ihrem selbstverlegten Buch „Aus der DDR-Diktatur in die Mainzer Freiheit“, seien bis zu 1600 Frauen inhaftiert gewesen. Sie macht deutlich: „Unter unmenschlichen Bedingungen“, denn in ihrer nur 20 Quadratmeter großen Zelle seien insgesamt 18 Frauen untergebracht gewesen, in dreistöckigen Betten. „Jeweils zwölf Kindermörderinnen und sechs politische Gefangene.“

Die Kontrolle von Licht und Toilettenspülung der Zelle sei nur dem Wachpersonal, den sogenannten „Wachteln“ – von außen – möglich gewesen. „Mörderinnen“, berichtete Große, „haben in Hoheneck immer wieder Gabeln oder Nadeln geschluckt, um wenigstens für ein paar Tage in die Haftklinik zu gelangen.“ Die politischen Gefangenen seien für die Wärter (und alle anderen) durch einen gelben Streifen auf dem Hemdrücken immer leicht zu erkennen gewesen. Wie gelangte jemand, der kein Verbrechen begangen hat, in diesen üblen Knast? Im Unrechtsregime der DDR brauchte es offensichtlich nicht viel: Barbara Große wurde in Leipzig christlich erzogen und 1961 konfirmiert. Den direkten Weg zum Abitur durfte sie nicht einschlagen. Um sich ihre Ausbildungschancen nicht völlig zu verbauen, legte sie die Jugendweihe ab, sie vermied es aber, den Eid mitzusprechen.

Leipzig war durch die jährlich stattfindende Messe nie ein „Tal der Ahnungslosen“ und so konnte Barbara Große westlichen Chic wenigstens in Augenschein nehmen. Die Westfirmen ließen oft in Staaten des Ostblocks fertigen, so schrieb und sandte sie sich selbst eine Einladung nach Ungarn. Mit einer Schere befreite sie das Kuvert von der DDR-Briefmarke, reichte ihren Antrag ein – und durfte 1967 zu ihrem eigenen Erstaunen an den Plattensee reisen. Dort begann eine lebenslange Freundschaft zu zwei holländischen Urlauberinnen, die später Paten ihrer Tochter wurden und Barbara Große und ihre Familie unterstützten. Als sie befürchten musste, ihr Sohn könne zum Grenzdienst eingezogen werden, stellte sie 1976 den Ausreiseantrag. Der blieb ohne Antwort. Ab 1981 wiederholte sie ihren Antrag wöchentlich. Zwei Jahre später wird sie wegen mehrmaligen Besuchen der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin zu einer 30-monatigen Haft verurteilt und von acht Stasi-Schergen in die U-Haft überführt. „Zelle durften wir gar nicht sagen“, erinnerte sich Große, „das war ein Verwahrraum“. Angeklagt wurde sie wegen „landesverräterischer Agententätigkeit“. Erst nach ihrem Freikauf erfuhr sie, dass die Stasi 17 inoffizielle Mitarbeiter auf sie angesetzt hatte – und sie auch in Mainz, ihrem neuen Wohn- und Arbeitsort, weiter beobachten ließ. „Der letzte Bericht datierte vom 28. Oktober 1989“: „Vernichten stand in meinen Akten, und damit waren nicht die Papiere gemeint.“