nach oben
Gesamtkunstwerk von innen und außen: Kunsthistorikerin Tanja Solombrino (Zweite von rechts) erläutert die Treppe im Reuchlinhaus.  Tilo Keller
Gesamtkunstwerk von innen und außen: Kunsthistorikerin Tanja Solombrino (Zweite von rechts) erläutert die Treppe im Reuchlinhaus. Tilo Keller
25.06.2017

Besucher tauchen bei Rundfahrt durch Pforzheim in die 1950er- und 60er-Jahre ein

Bauten der 1950er und 1960er Jahre sind bei der Architektur-Rundfahrt der Kammergruppe Pforzheim Enzkreis anlässlich des Tags der Architektur im Mittelpunkt gestanden. In die Auswahl der sechs beispielhaften Gebäude floss auch das Jubiläumsfestival „250 Jahre Goldstadt Pforzheim“ thematisch ein.

So wurde der Weg von der Ausbildungsstätte über Produktion und Versandhandel bis hin zum Museum anhand der Besichtigungsobjekte nachgezeichnet.

„Wir haben bewusst Gebäude gewählt, die nicht sofort auffallen, sondern eher auf den zweiten Blick, aber trotzdem qualitätvoll gebaut sind“, sagte Hans Göz, Vorsitzender der Architektenkammer Pforzheim–Enzkreis. Mit dem Bus ging es zur Goldschmiedeschule mit Uhrmacherschule. Es folgten mit den Gebäuden der Artur Bossert Goldkettenfabrik und Emil Hasenfratz Diamantschmuck sowie den Pforzheimer Uhrenrohwerken (PUW) drei Stätten der Produktion. Mit dem Gebäude von Bader Großversand ging es weiter zum Versandhandel und mit dem Reuchlinhaus stand schließlich ein Museumsbau im Fokus.

Kunsthistorikerin Tanja Solombrino führte den Zuhörern die wichtigsten Details der Gebäude vor Augen und erklärte die typischen Elemente der jeweiligen Bauepoche. „In den 1950er-Jahren wurde der Wunsch nach Transparenz und Beschwingtheit sichtbar“, sagte sie. „In den 1960er-Jahren wurden die Gebäude kompakter. Ein vornehmliches Baumaterial war Sichtbeton.“ Die eher schwer anmutenden Gebäude wurden bis in die 1970er-Jahre gebaut. „Bauten der 60er-Jahre haben oft etwas Trutziges“, so Solombrino. Am 1967 von Architekt Geiss erbauten Gebäude der ehemaligen Firma Emil Hasenfratz Diamantschmuck wies sie auf einen Bauschmuck hin, der in seiner Feinheit eigentlich nicht zur Massigkeit des Baus zu passen schien. Im Erdgeschoss zieren reliefartige Betonplatten die Wände. „Nachdem die Schalung weg war, wurden die Kanten von Hand abgeschlagen. Dadurch ist eine neue Struktur entstanden“, sagte Solombrino. Ein vergleichbares Relief befindet sich auch am Neuen Rathaus, das in den Jahren 1968 bis 1973 entstanden ist.

Das Gebäude der Pforzheimer Uhrenrohwerke aus dem Jahr 1950 von Architekt Hans Paul Schmohl sah die Kunsthistorikerin als frühes Beispiel für eine fein proportionierte Rasterfassade. „Das führt zu spannenden Licht- und Schattenspielen“, erklärte sie. Durch das in jüngster Zeit vorgebaute Element mit Fahrstühlen sah sie das Aussehen des Baus beeinflusst. „Es musste ein Weg gefunden werden, das Gebäude zugänglich zu machen für verschiedene Nutzer“, ergänzte Göz. Gleichwohl hätte man mit mehr Kreativität dafür sicher auch eine andere Form finden können. Im hinteren Teil des dreiteiligen Gebäudes konnten die Teilnehmer eine typische Wendeltreppe im Stil der 1950er Jahre bewundern. Ein besonders schönes Exemplar gab es auch im Empfangsbereich des Bader Verwaltungsgebäudes zu sehen, wo am Geländer flügelartige Glaselemente die Leichtigkeit unterstreichen. „Hier atmet man wirklich die 1950er Jahre“, machte Solombrino aufmerksam. Das Foyer des Verwaltungsgebäudes ist von der goldfarbenen Eingangstüre über das Wandmosaik mit Brunnen im Innenbereich bis hin zu den Lampen in seiner Originalausstattung erhalten und gehört wohl zu den besterhaltenen Gesamtkompositionen der 1950er-Jahre in Pforzheim.

Das bekannteste Gebäude der Führung war das Reuchlinhaus mit Schmuckmuseum, das in den Jahren 1957 bis 1961 nach den Plänen von Architekt Manfred Lehmbruck gebaut wurde. Vier rechteckige Kuben sind um eine gläserne Eingangshalle angeordnet. Das Reuchlinhaus zählt heute nicht nur zu den bedeutendsten Bauten der deutschen Nachkriegsmoderne, sondern war auch wegweisend für die Museumsarchitektur im In- und Ausland. „Es ist ein Gesamtkunstwerk von Innen bis Außen“, sagte Solombrino. „Ein fantastischer Bau, auf den wir in Pforzheim stolz sein können.“