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27.01.2009

Bildung geht durch den Magen

PFORZHEIM. Trotz Schulmittelfonds und kommunaler Zuschüsse für arme Familien haben nicht alle betroffenen Jungen und Mädchen gleiche Startchancen im Kindergarten und in der Schule. Dabei wäre es dort am nötigsten.

Die neue Ganztagsschule in Brötzingen ist für viele Kinder aus problematischen Familien eine wichtige Chance, soziales Miteinander beim Essen und Spielen zu erleben und die deutsche Sprache zu lernen. Das Essen als Kernstück (Kosten: drei Euro) ist verbindlich. An der Brötzinger Schule mit neuer Mensa schlagen die Kosten mit monatlich 40 Euro pro Kind zu Buche. Das Geld, sagt Rektor Wolfgang Müller, buche die Stadtkasse einmal im Monat bei den Eltern ab.

Im Schuljahr 2007/2008 hatten 66 Schüler noch das Essensangebot im Paul-Gerhardt-Heim angenommen. Damals lief die Kostenabwicklung über den Förderverein. Bis heute hat er nach eigenen Angaben Außenstände in Höhe von 3000 Euro.

Der stellvertretende Vorsitzende Udo Kaupisch, früher Rektor der Brötzinger Schule, hatte Ende November 15 Mahnbriefe an die Eltern geschickt. Ohne Erfolg. „Manche haben drei oder vier Kinder bei uns an der Schule, da kommen Kosten fürs Essen zusammen“, sagt Müller. Ganz versteht es Müller aber nicht: „Wer den Pforzheim Pass mit Stufe F hat, der bekommt neuerdings das Essen für die Hälfte.“ Doch nicht jeder ist in der Lage, entsprechende Anträge auszufüllen.

Zum Nulltarif möchte Müller das Essen nicht herausgeben. Jetzt hat er sich an die Stadt gewandt mit Bitte um die Übernahme der Kosten. Schulamtsleiter Manfred Maschek sagt: „Erst wenn der Förderverein einen Kostennachweis erbringt, kann man sich über einen höheren Zuschuss unterhalten.“

Maschek kennt Fälle auch anderer Ganztagsschulen oder dem Hort an der Schule, wo Eltern das Geld in Raten abstottern, weil sie zu wenig verdienen. Über eine Statistik verfügt er nicht. „Wir haben aber noch nie ein Kind vom Essen oder der Ganztagsschule ausgeschlossen, nur weil der Beitrag nicht bezahlt war.“ Wie viele Eltern ihre Kinder aus Kostengründen erst gar nicht zur Ganztagsschule anmelden, ist unklar. Sicher ist nur: Es geht um Kinder, die es nötig haben.

Bei der Schulkindbetreuung an der Sonnenhofschule, die das Diakonische Werk Pforzheim-Stadt seit September für 30 Jungen und Mädchen organisiert, hat die Schulleitung Kinder von sich aus vorgeschlagen und sich mit den Eltern abgesprochen. „Wenn es finanzielle Schwierigkeiten gab, haben wir mit den Eltern die Anträge für die wirtschaftliche Jugendhilfe gestellt“, sagt Diakonie-Mitarbeiterin Sabine Jost. Ein erster Schritt, um gezielt zu helfen. Ein weiterer Schritt: Essenspaten etwa an der Inselhauptschule verhelfen armen Kindern mit einem Obolus zu einer warmen Mittagsmahlzeit. Das steigende Ausmaß der Bedürftigkeit aber, das sich auch darin niederschlagen kann, dass Kinder keine angemessene Kleidung haben oder Schulbücher fehlen, erfasst die Stadtverwaltung nicht.

Laut Abteilungsleiter Harald Metzger gilt für Kindergärten: Deckten die Elternbeiträge für den Kindergartenbesuch vor vier oder fünf Jahren noch 18,2 Prozent der Kosten ab, waren es im vergangenen Jahr nur noch 16,5 Prozent. Diese vermehrte Bezuschussung durch die Kommune sei ein Indikator dafür, dass es den Familien schlechter geht als früher. In Einzelfällen komme es bei ausbleibenden Zahlungen auch mal zum Ausschluss der Kinder.

Kosten übernehmen

Udo Kaupisch erklärt: Die öffentliche Hand sollte zum Wohl der Kinder die Kosten für den Besuch einer Ganztagsschule und Kindergärten übernehmen. Genauso sieht es Wolfgang Stoll, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Pforzheim-Stadt. Die Diakonie unterhält 24 Kitas in der Stadt. Kinder, die morgens hungrig in die Einrichtung kämen, seien keine Seltenheit. Er sagt: „Der Zusammenhang von Bildung und Armut ist eng.“ Je höher die Bildung eines Menschen sei, desto größer sei die Chance, dass er seinen Weg geht. „Wir müssen erkennen, dass Bildung die Gesellschaft etwas kostet und keine Privatsache ist. Wir müssen Armut verhindern, damit Bildung möglich wird.“