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Handtaschenraube machen 70 Prozent der Gewaltdelikte gegen Senioren aus.
Handtaschenraube machen 70 Prozent der Gewaltdelikte gegen Senioren aus. © Kurtz
11.02.2011

Blaulicht-TV: Wenn Senioren Opfer von Gewalt werden

PFORZHEIM. Immer wieder werden Senioren in Pforzheim Opfer von Gewalttaten. Um ihnen die Angst zu nehmen, die sie haben, wenn sie trotzdem in Dunklen auf den Straßen unterwegs sind, bietet die Polizei Selbstbehauptungskurse für die Senioren an. PZ-news hat für Blaulicht-TV hinter die Kulissen geschaut.

"Stehen Sie auf und setzen Sie sich da rüber. Und Sie, Sie gehen dort rüber. Und Sie hier auf den freien Platz“, sagt Karl-Heinz Joos, Präventionsbeamter bei der Polizeidirektion Pforzheim. Joos steht mitten in einem Stuhlkreis, um ihn herum die Teilnehmerinnen des Selbstbehauptungskurses der Polizei, rund 25 Frauen, im Durchschnitt 60 bis 70 Jahre alt.

Und die Frauen stehen auf und befolgen seine Anweisungen. Bis eine der Frauen sich plötzlich wehrt und fragt: „Warum soll ich das eigentlich machen?“ Da erklärt Joos den Frauen, dass sie gerade unwissentlich an einem Provokationsspiel teilgenommen haben. Die Frauen, die ohne Murren den Anweisungen von Joos gefolgt sind, sind entsetzt. „Das ist genau mein Problem. Ich bin immer so vertrauensselig und mache die Dinge, die man mir sagt. Später ärgere ich mich dann wenn ich merke, dass ich das eigentlich gar nicht tun wollte“, sagt eine. Eine andere ergänzt: „Das ist halt die gute Erziehung.“ Und eine dritte meint: „Ich bin richtig betroffen darüber, wie leicht ich mich mal wieder manipulieren lassen habe.“ In bestimmten Situationen einfach „Nein“ sagen und auch mal an sich selbst denken, das sind Dinge, die die Teilnehmerinnen des Kurses lernen sollen. Dieser Kurs, der im Paul-Gerhardt-Heim stattfindet, richtet sich speziell an Seniorinnen. Viele von ihnen berichten, dass sie mittlerweile Angst hätten, vor allem abends alleine auf Pforzheims Straßen unterwegs zu sein. „Ich traue mich schon gar nicht mehr alleine auf die Straße“, sagt eine der Frauen. Manche schildern Situationen, in denen es ihnen mulmig geworden ist: „Wenn ich in der Innenstadt bin und heim in die Nordstadt will, muss ich durch die Unterführung laufen. Weil ich davor Angst habe, fahre ich mittlerweile mit dem Bus oder dem Taxi“, sagt eine der Teilnehmerinnen. Immer wieder werden Senioren auch in Pforzheim Opfer von Betrügereien oder sogar Gewalttaten. Handtaschenraub, der Enkel-Trick an der Haustür oder Überfälle beunruhigen die Menschen – auch wenn die Zahlen nach Angaben der Polizei ein anderes Bild abgeben. „Vier Prozent der Gewaltopfer im Jahr 2009 waren über 60 Jahre alt“, sagt Polizeisprecher Frank Otruba. Über 70 Prozent der Gewaltdelikte gegen Senioren wiederum seien Handtaschenraube, insgesamt waren es im Jahr 2009 fünf Seniorinnen, denen die Handtasche geklaut wurde. Raub und räuberische Erpressung, Nötigung, Bedrohung oder Körperverletzung seien weitere Gewaltdelikte gegen Senioren – auch wenn die Zahlen insgesamt eher gering seien. Dennoch: Die Teilnehmerinnen des Kurses wollen nach eigenen Angaben lernen, sich in brenzligen Situationen zu behaupten, die richtigen Worte zu finden und sich auch bei Dunkelheit sicher zu bewegen. Manche sind schon selbst Opfer eines Überfalls geworden.

„Ich möchte auch lernen, wie ich anderen helfen kann, ohne mich dabei selbst zu gefährden“, sagt eine Frau. Eine andere meint: „Ich möchte lernen, sicher aufzutreten und somit kein leichtes Opfer zu sein. Denn wenn ich so unsicher bin und Angst habe, habe ich das Gefühl, dass die anderen dann erst recht auf mich aufmerksam werden.“

Doch manche sind skeptisch: „Ich glaube ja sowieso nicht, dass ich dann, wenn es ernst wird, das befolgen kann, was wir jetzt hier lernen. Wenn ich unter Schock stehe, kann ich mich sowieso nicht erinnern“, sagt eine Teilnehmerin. Birgit Hammer, die den Kurs mit Karl-Heinz Joos leitet, widerspricht: „Es geht nicht darum, dass wir Ihnen sagen, was Sie im Ernstfall tun sollten. Sondern wir zeigen Ihnen Werkzeuge auf, die Sie immer bei sich tragen. Sie müssen dann nur üben, diese Werkzeuge auch einzusetzen.“ Es gehe eben darum, Strategien für bestimmte Situationen zu entwickeln.

Und manche der Teilnehmerinnen haben auch Angst, zu rasch überzureagieren: „Ich bin schnell aggressiv und habe Angst, dadurch etwas falsch zu machen“, sagt die Kursteilnehmerin, die sich im Provokationsspiel vom Anfang als einzige gewehrt hat.

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