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Zeigen vor der nostalgischen Konzert-Orgel ganz viel Herz für Brötzingen: Organisator Jörg Augenstein, Schausteller Sascha Barth, die Gastronomen Susanne Nikolaus mit Sohn Kevin Hölzle („Amalienstube“) sowie Rifat Keles („Lucky Wok“) und Mitorganisator Arno Täsch (von links).  Foto: Moritz 
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Halten Abstand und doch fest zusammen: Etliche Bewohner und Freunde des Stadtteils Brötzingen genießen die Spontanaktion.  Foto: Moritz 

Brötzingen zeigt Herz und starken Zusammenhalt

Pforzheim-Brötzingen. Es ist eine so außergewöhnliche wie eindrucksvolle Aktion, die Brötzingen an diesem Samstagvormittag erlebt. Eine nostalgische Konzert-Orgel verbreitet Jahrmarktatmosphäre auf dem Museumsareal. Es gibt Süßes. Man winkt sich zu und plaudert – aus der Distanz und mit Masken vor Mund und Nase, aber vielleicht gerade deshalb umso herzlicher. „Wir sind gemeinsam stark und können nur gemeinsam das Beste aus dieser Misere machen“, ruft Organisator und CDU-Stadtrat Jörg Augenstein ins Mikrofon.

Dies sei keine angemeldete und öffentlich beworbene Veranstaltung, schon gar keine Demo, wie Augenstein betont. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda haben hier für knapp eine Stunde einfach etliche jener Menschen zusammengefunden, die in Brötzingen leben oder denen dieser Stadtteil am Herzen liegt. Betreiber von Läden und Lokalen sind darunter, Vertreter von Vereinen und kulturellen Einrichtungen, aber auch Profis des kollektiven Vergnügens, die die Corona-Krise „besonders bestialisch“ trifft, wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum im PZ-Gespräch sagt.

Brötzinger Feste abgesagt

Aus Andernach mit der Konzert-Orgel, die nach diesem Treffen auch noch zu Augensteins Gesang Senioren im Haus Maihälden unterhält und erfreut, ist Sascha Barth, der Vizechef des Schaustellerverbands Rheinhessen, angereist. Enrico Becker aus Kaiserslautern stellt Schaumküsse und Lebkuchenherzen zur Verfügung, die eigentlich für den Verkauf auf Volksfesten gedacht waren und nun gratis verteilt werden. Etliche weitere in Pforzheim bekannte Gesichter sind hinter den Masken auszumachen, darunter Artur Dingeldein, Vorsitzender des Schaustellerverbands Pforzheim, und sein Vorstandskollege Karl Müller. Auch wenn das Brötzinger Frühlingsfest wie die Pforzemer Mess wegen Corona abgesagt werden mussten und alle Geschäftsleute darben: „Ob Schausteller, Gastronomen oder Einzelhändler – wir in Brötzingen halten zusammen“, betont Susanne Nikolaus („Amalienstube“), die mit dem Erlös aus ihrer weihnachtlichen Charity-Aktion den Druck der überall prangenden Mutmach-Plakate finanzierte.

Auf Anregung der „Pforzheimer Zeitung“, wie Augenstein mit dankenden Worten an Verleger Albert Esslinger-Kiefer herausstellt, habe er die herzige Kampagne entwickelt. Die Botschaft: „Gemeinsam sind wir Brötzingen, gemeinsam sind wir stark.“ Nur vereint könne man nach der Krise „wieder in eine erfolgreiche Zukunft schauen und das Unmögliche möglich machen“. Petra Bösl (Grüne Liste), die wie die weiteren Stadtratskollegen Michael Schwarz (Freie Wähler) und Oana Krichbaum (CDU) vor Ort Herz für Brötzingen zeigt, spricht von einem „wichtigen Zeichen“. Natürlich gibt es politische Forderungen. Nikolaus, die am Montag wieder mit ihrem Speiselokal starten darf, plädiert für eine möglichst rasche Öffnung auch von Bars und Kneipen. Wenn ihre Gäste nach dem Essen den Abend dort ausklingen lassen dürften, könnte sie ihre wegen der Abstandsregelung reduzierten Tische ein zweites Mal besetzen. Eine Lösung, die allen gebeutelten Wirten helfen würde. „Wir werden dafür sorgen, dass hier kein Geschäft kaputtgeht“, gibt sie sich kämpferisch.

Dingeldein stellt heraus, wie sehr Schausteller auf staatliche Hilfen angewiesen sind, und appelliert an Kommunen, Feste so spät wie möglich abzusagen, weil sich die Lage sehr dynamisch ändere. Die Stadt Pforzheim, die auch von Nikolaus Lob fürs Krisenmanagement erntet, agiere hier bislang gut, so Dingeldein. Alle hoffen inständig, den Martini-Markt austragen zu können, der von fünf auf sieben Tage verlängert werden und vom 11. bis 17. November stattfinden würde. Und laut Oana Krichbaum wurde ein Treffen am runden Tisch vereinbart, um auszuloten, ob vielleicht im Herbst eine Art Mini-Mess mit einzelnen, übers Stadtgebiet verteilten Buden und Fahrgeschäften umzusetzen sei.