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Geschlagen und gedemütigt: Immer mehr Frauen suchen Hilfe bei der Fachstelle Häusliche Gewalt.
Geschlagen und gedemütigt: Immer mehr Frauen suchen Hilfe bei der Fachstelle Häusliche Gewalt. © Strobel/dpa-Archiv
31.05.2019

Brutale Täter, schlimme Verletzungen: Fachstelle registriert starken Anstieg bei Opfern von häuslicher Gewalt

Pforzheim/Tiefenbronn. Sabine Jost ist noch immer erschüttert durch die beiden Tötungsdelikte vom vergangenen Wochenende. „Frauen müssen wissen, dass sie sich bei uns Hilfe holen können, damit es soweit nicht kommt“, sagt die Geschäftsführerin der Diakonie Pforzheim bei der Vorstellung des Jahresberichts der Fachstelle Häusliche Gewalt. Denn meist haben extreme Fälle wie in Brötzingen und Tiefenbronn, bei denen Männer ihre Ehefrauen umgebracht haben sollen, eine Vorgeschichte.

Traumatisierte Opfer

Und solche Fälle von körperlicher oder sexueller Gewalt nehmen zu. So registrierte die Fachstelle laut Jost im vergangenen Jahr eine „explosionsartige Zunahme“. So stark stiegen die Fälle und damit die Wartezeiten für Frauen in Not, dass man reagierte, und Fachstellen-Leiterin Kirsten Beiter die gelernte Erziehungswissenschaftlerin und systemische Beraterin Regelindis Reusch an die Seite stellte. Beide teilen sich nun eine 100-Prozent-Stelle und haben alle Hände voll zu tun.

[ Das war in Tiefenbronn und Brötzingen passiert: Nach Tötung von Frau und Kind in Tiefenbronn: Obduktionsergebnisse liegen vor // Obduktionsergebnis: Mann stach in Brötzingen mehrfach auf seine Frau ein ]

Denn ihre Fälle werden immer komplizierter, immer brutaler. „Unsere Klienten haben so viele Baustellen, sind oft traumatisiert“, sagt Beiter. Die Gefährlichkeit der Täter habe eine neue Dimension erreicht, die Verletzungen würden schlimmer. Dabei sind die Fälle so vielschichtig wie die Hilfebedürftigen: zur Hälfte Menschen mit Migrationshintergrund, zur Hälfte Deutsche, aus sozial schwachen Familien, aber auch aus der Mittelschicht und höheren Kreisen. „Es ist ein Abbild der Gesellschaft“, sagt Beiter. Da ist die Frau, die ihrem Mann ins europäische Ausland folgt, dort 20 Jahre lang eingesperrt wird und nach der Flucht hierher Unterstützung in allen Lebensbereichen und bei der Scheidung braucht. Dort ist der jugendliche Sohn, der stundenlang vor der Spielkonsole sitzt, die Gewalt aus der virtuellen Welt auf die Mutter überträgt und auf diese einprügelt. Oder die Ehefrau, die ihren Mann so brutal in den Bauch schlägt, dass er die Treppe hinunterstürzt.

„Körperliche Gewalt geht immer einher mit psychischer Gewalt“, weiß Beiter. Die Täter demütigten ihre Partner, machten sie klein und setzten sie unter Druck – oft auch mit den gemeinsamen Kindern als Druckmittel. „Und es sind oft selbstbewusste Frauen, die Gewalt erfahren. Denn von starken Frauen geht Gefahr für den Mann aus“, sagt Beiter. Auch Partnerinnen von Narzisten, die nach außen das Bild eines Bilderbuch-Mannes abgäben, litten massiv unter ständigen Schuldzuweisungen ihrer Partner.

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„Die Fälle werden immer komplexer, und damit steigt auch die Zahl der Gespräche“, betonen Beiter und Reusch. Waren es früher im Schnitt zwei bis drei Kontakte, die ausreichten, um Frauen zu beraten, zu unterstützen, um psychologische und praktische Hilfe zu geben, so sind es heute im Schnitt 4,3. Seit 2017 hat sich die Zahl der Kontakte stetig erhöht. Zum Stichtag Oktober 2018 waren es 786, so viel wie im gesamten Jahr zuvor. Dies geht einher mit einer Zunahme an Klienten. Im vergangenen Oktober lag deren Zahl bei 186, in diesem Jahr gibt es vor Jahresmitte bereits 108 Fälle und 336 Kontakte.

Als einen Grund für die steigenden Zahlen sehen die Mitarbeiterinnen die gute Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern wie Polizei und Behörden, die häufig den Erstkontakt herbeiführten, sowie eine stärkere Sensibilisierung für die Arbeit der Fachstelle. Trotz zum Teil erheblicher Hemmschwellen werde die Einsicht stärker, dass es keine Schande sei, sich Hilfe zu holen. „Zumal man anonym bleiben kann“, sagt Jost, die das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sieht. Daher hofft sie auf eine weitere Ausstockung auf 1,25 Stellen. Dies sei nötig, um den Mitarbeiterinnen nach belastenden Fällen Zeit zur Verarbeitung zu geben, Wartezeiten zu verkürzen und Frauen mehr präventive Hilfe zur Arbeit an sich selbst anbieten zu können. Dass sie eben nicht immer wieder zum gewalttätigen Mann zurückkehrten und stets in denselben Beziehungsmustern landeten.

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