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Unhaltbarer Zustand: In Kliniken herrscht akute Personalnot.  Foto: Dietze/dpa 

Chirurg und Publizist über Privatisierung von Krankenhäusern: „Das ist eine haarsträubende Situation“

Der Chirurg und Publizist Bernd Hontschik prangert die massenhafte Privatisierung von Krankenhäusern an – und erklärt, warum der Südwesten bei der medizinischen Versorgung besonders schlecht dasteht. Am 14. Juli ist er im PZ-Autorenforum zu Gast. Er stellt dort sein neues Buch „Heile und Herrsche: Eine gesundheitspolitische Tragödie“ vor.

PZ: Herr Hontschik, nach der Lektüre Ihres Buches hat man beinahe Angst, krank zu werden. Steht es so schlimm um das deutsche Gesundheitswesen?

Bernd Hontschik: Wenn die Privatisierung und die Profitorientierung voranschreitet – dann ja. In den 40 Jahren meiner ärztlichen Tätigkeit hat sich viel geändert. In meinem Buch beschreibe ich, wovor man sich fürchten muss – sowohl im Krankenhausbereich als auch in der Pflege: Riesige Konzerne, die sich fast monopolartig bewegen. Jetzt trifft es auch den ambulanten Bereich, wo Versorgungszentren gegründet werden und sich Private Equity-Gesellschaften daran bereichern können. Warum betreibt ein kanadischer Lehrer-Pensionsfonds 160 Augenarztpraxen in Deutschland? Das ist zum Fürchten. Aber es gibt auch unglaublich viele Initiativen, die dagegen angehen – lokal, regional und bundesweit. Die kann man unterstützen.

Was stört Sie an der Privatisierung? Oft steht eine Klinik nach dem Kauf besser da als in kommunaler Hand.

Das ist ganz einfach: Wenn ein privater Klinik-Konzern ein Krankenhaus übernimmt, dann kündigt er als Erstes die Tarifverträge und zwingt das Personal in einen sogenannten Notlagentarifvertrag. Das heißt, die Beschäftigten verdienen weniger. Als Nächstes werden Entlassungen vorgenommen – überall dort, wo der Betrieb nicht gleich zusammenbricht. Danach kommt das Outsourcing zum Zuge, wo immer es geht. Outsourcing heißt: Arbeitsaufträge an Fremdfirmen, die unkontrollierbar unterbezahltes, unqualifiziertes Personal einsetzen. Dann werden die einzelnen Abteilungen angeschaut: Welche produzieren schwarze Zahlen, welche rote. Und wenn eine Abteilung zu lange roten Zahlen schreibt, dann muss sie geschlossen werden. Schauen Sie sich mal in Deutschland um, wie viele Kinderkliniken und Kreißsäle dicht gemacht worden sind – eine haarsträubende Situation. Und alles nur deswegen, weil das diagnoseorientierte Krankenhausfinanzierungssystem (DRG) zu schlecht bezahlt. Unprofitable Bereiche werden zurückgefahren oder geschlossen, weil der Versorgungsauftrag, den eine kommunale Klinik hat, von den privaten Konzernen ignoriert wird.

Was ist profitabel?

Die Orthopädie. Wenn ich eine Operation am Rücken durchführe, weil ein Patient seit Jahren Schmerzen hat, bekomme ich Tausende Euro. Wenn ich nichts mache: Null. Ich habe aber in meiner ärztlichen Laufbahn die Erfahrung gemacht, dass ein Teil meiner besten Leistungen darin bestand, dass ich nichts tat. Dass ich dem Patienten sagte: „Sie müssen nicht operiert werden, wir machen stattdessen etwas anderes.“ Das Bezahlsystem nach Diagnose zerstört die Medizin. Das ist etwas, das private Klinik-Konzerne ganz massiv ausnutzen. Deshalb sieht es von außen so aus, als könnten sie besser managen.

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Baden-Württemberg ist bundesweiter Spitzenreiter bei Klinikschließungen. Wie erklären Sie sich das? Immerhin haben wir mit Manne Lucha einen grünen Gesundheitsminister.

Ich habe mit der Gesundheitspolitik der Grünen leider die größten Probleme. Leider – weil sich die Grünen die Rettung des Planeten vor der Klimakatastrophe auf die Fahne geschrieben haben, allen anderen Parteien glaube ich das nicht. Wenn ich aber dann sehe, was die Grünen in der Gesundheitspolitik anrichten, dann sträuben sich mir die Haare. Ich habe das Gefühl, dass die Grünen von ihrer ursprünglichsten Herkunft her eine Partei sind, die sich nicht nur gegen Obrigkeit, sondern auch gegen Eliten aufstellt. Und Ärzte sind für die Grünen anscheinend ein Teil des Feindbildes, denen man Schwierigkeiten machen muss. Bezüglich der Krankenhausschließungen: Es ist faszinierend und erschreckend, was Lucha macht. Eine Politik, die auf ganz wenige Zentralkliniken hinaus läuft und an den Bedürfnissen der Menschen auf dem flachen Land vollkommen vorbei geht.

Sie üben auch am Pandemie-Management Kritik: Medizin wurde fürs Durchregieren instrumentalisiert. Können Sie ein Beispiel geben?

Ende des vergangenen Jahres sprach man von einer Pandemie der Ungeimpften – ein wahnsinniger Unfug, der mit Wissenschaft nichts zu tun hat. Es ist auch von vielen Politikern einfach so nachgeplappert worden. Man pickt sich das raus, was einem gefällt, und was dem eigenen Standpunkt etwas widerspricht, das lässt man dann weg. Dass Wissenschaft eine diskursive Angelegenheit ist, wurde dabei völlig vergessen: Es gibt nicht eine Wahrheit – und bei Corona schon gar nicht. In Baden-Württemberg hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann als einer der ersten dazu aufgerufen, Nachbarn zu denunzieren. Ich war fassungslos, dass in unserem Land die Denunziation als politisches Konzept Platz greift.

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Setzt sich leidenschaftlich für das Gesundheitswesen ein: Bernd Hontschik. Foto: Barbara Klemm

Woher kommt das Bedürfnis, Unvernünftige zu bestrafen?

Woher das kommt, kann ich nicht sagen. Es widerspricht jedenfalls den Grundsätzen unseres Gesundheitswesens, das auf einem Solidarprinzip basiert. Denn sobald man die Schuld einführt, muss man auch Strafen verhängen. Betreiben Sie Extremsportarten?

Wenn Joggen dazu gehört …

Was, wenn Sie verunfallen? Oder ein Fußballspieler, der sich nach fünf Jahren den Meniskus verletzt – ist er schuld? Es gibt keine Möglichkeit, diese Frage zu begrenzen. Entweder es gibt das Schuldprinzip oder das Solidarprinzip. Das Solidarprinzip ist das Einzige, was gut funktioniert und was man mit allen Mitteln verteidigen muss.

Verstehe ich Sie richtig, dass die Corona-Pandemie an unserem Solidarsystem gerüttelt hat?

Während der Pandemie ist zweifellos massiv Hand angelegt worden. Weil man bestimmte Verhaltensweisen erzwingen wollte. Ein Beispiel sind die Impfungen: Man sagte, diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen, seien unsolidarisch. Aber mit diesem Trick kann man jede Verhaltensweise als unsolidarisch bezeichnen.

Was hätten Sie anders gemacht?

Das ist eine ganz schwierige Frage, weil ich auch nicht mehr weiß als alle anderen. Aber die ganze Sache fängt ja schon vor sieben Jahren an, als dem Bundestag eine Risikoanalyse vorlag, die ironischerweise mit einem Coronavirus durchgespielt wurde. Da steht drin, was wir machen müssten, um uns auf eine Seuche vorzubereiten. Die Politik hat systematisch verschlafen: Es sind keine Notfallausrüstungen, keine Masken angeschafft worden. Zudem hätte ich dafür gesorgt, dass es in der Gesellschaft nicht zu einer Zerstörung des Zusammenhalts kommt. Dass alte Menschen einsam ohne Angehörige in den Altersheimen – ich sage es jetzt extra deutlich – verrecken, das hätte nicht für möglich gehalten.

Gibt es niemanden, den Sie loben würden?

Wer sich super verhalten hat, ist die Ständige Impfkommission (Stiko). Das sind wirklich sehr gute Ärzte und Wissenschaftler, die sich nicht dem politischen Druck gebeugt hatten, aber jeden Tag angefeindet worden sind. Vor deren Rückgrat muss ich wirklich meinen Hut ziehen.

Halten wir es fest: Insgesamt kann man Vieles reformieren ...

Ja, man muss es nur wollen – und kämpfen. Wenn ich sehe, dass das Klinikpersonal auf die Straße geht, macht mich das froh im Herzen. Ärzte sind allerdings ein Problem – das ist ein zerstrittener Haufen. Auf das Pflegepersonal setze ich aber größte Hoffnungen. Die Pflege muss nämlich endlich anständig bezahlt werden. Zehntausende Schwestern und Pfleger haben den Beruf verlassen, weil sie ein hohes Ethos haben und sehen, dass man in dieser Arbeitshetze keine wirkliche gute pflegerische Arbeit mehr machen kann.

Trauen Sie dem Gesundheitsminister Karl Lauterbach zu, etwas zu ändern?

Er ist zwar Mediziner, aber kein Arzt. Er saß auch jahrelang im Aufsichtsrat der Rhön-Klinik, einer der fürchterlichsten Konzerne in unserem Land. Wie soll ich so einem Menschen glauben?

Bernd Hontschik ...

... ist in 1952 in Graz geboren. Nach dem Medizinstudium in Frankfurt begann er 1978 eine chirurgische Ausbildung. Bis 1991 war er Oberarzt an der Chirurgischen Klinik des Städtischen Krankenhauses Frankfurt/Main-Höchst. Bis 2015 war in einer eigenen chirurgischen Praxis tätig. Hontschik ist publizistisch aktiv – unter anderem für die Frankfurter Rundschau – und engagiert sich in zahlreichen medizinischen Organisationen.

Bernd Hontschik ist am Donnerstag, 14. Juli, um 19 Uhr im PZ-Autorenforum zu Gast. Eintrittskarten zum Preis von 10,50 Euro (Inhaber der PZ-AboCard: 6,50 Euro) gibt es unter der Telefonnummer (07231) 933-125.

Katharina Lindt

Katharina Lindt

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