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Professor Rolf-Ulrich Kunze setzt sich für mehr Ding-Geschichte und weniger Theorie ein.  Foto: Fux 

DDR-Alltag plötzlich ganz nah

Pforzheim. Kaum irgendwo wird so deutlich, welche Bedeutung Dinge für die Erinnerung haben, wie im DDR-Museum. So anschaulich Dinge erscheinen, so schwierig stellt sich die Beschreibung dar, wie anhand der Objekte die Erinnerung entsteht. Dabei geht es um subjektive und autobiografische Prozesse, die den Dingen Sinn geben und so Menschen mit der Geschichte verbinden. Über das soziale Leben der Dinge in der erlebten Zeitgeschichte referierte am Sonntag im DDR-Museum Rolf-Ulrich Kunze, Professor für Neuere und Neuste Geschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Bruder des deutschen Rocksängers Heinz Rudolf Kunze.

Kunze, der selbst in Osnabrück aufwuchs, aber familiäre und verwandtschaftliche Beziehungen in die DDR hatte, ließ in seinen Vortrag viele familiäre Erzählungen und persönliche Dinge einfließen und machte sich für Erzählcafés stark.

„Der Vortrag steht in Verbindung mit einem Projekt, das im Laufe des Jahres von einer Studentin von Professor Kunze im DDR-Museum durchgeführt werden wird“, betonte Birgit Kipfer, Vorsitzende der Stiftung Lernort Demokratie des DDR Museums Pforzheim.

An unterschiedlichen Fotos, die meist aus Bildbänden stammten, machte der Wissenschaftler „das soziale Leben der Dinge“ fest. Ein Foto zeigte beispielsweise das Speiseangebot im Palast der Republik: Ein Kännchen Kaffee, ein schmales Stück Geleekuchen mit Fruchteinlage und Sahne, ein kleines Eis – überschaubare Köstlichkeiten. „Die DDR blieb bei einem in der genossenschaftlichen Konsumbewegung grundgelegten Begriff vom Konsumluxus für kleine Leute stehen, dessen Maß die Grundversorgung war, nicht die Selbstentfaltungs- oder Vorzeigefunktion des besonderen Konsums. Das ist jedoch nicht gleichbedeutend mit einer essensfeindlichen Haltung im Gegenteil. Die ständige Erreichbarkeit von Eisbein mit Sauerkraut und Bockwurst mit Schrippe war gegeben“, betonte der Referent, der sich mit vielen Fotos auch als Eisenbahn-Fan outete, ein Ding, das ihn persönlich fasziniert. Zu den auffälligsten Besonderheiten der DDR-Lebenswelt würde im Vergleich zum Westen ein anderer Umgang mit Farbe gehören.