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Neun Monate lang besuchen die philippinischen Pflegekräfte eine Schule – dann kommen sie klassenweise zum Arbeiten nach Deutschland. Foto: Globogate

Dank Schweizer Hilfe: Filipinos lindern deutsche Pflegenot

Die Frage, die Dr. Thomas Gehrig und seine Kollegen in Interviews als erstes hören, ist für viele Bewerber zugleich die wichtigste: „Dürfen wir für immer bleiben?“ Ein Leben in Deutschland, das wünschen sich viele philippinische Fachkräfte. Und gut ausgebildete Pflegekräfte, das wünschen sich die Deutschen.

Gehrig will mit seiner Firma Globogate beide Seiten glücklich machen. Das Schweizer Unternehmen rekrutiert ausgebildetes Pflegepersonal auf den Philippinen für deutsche Heime und Kliniken. Die haben es auch bitter nötig. Nicht umsonst ist das Wort „Pflegenotstand“ in aller Munde. Vor gut einem Jahr veröffentlichte die Bundesagentur für Arbeit alarmierende Zahlen: In der Branche fehlen mindestens 36.000 Fachkräfte. Auf 100 offene Stellen kommen rechnerisch gerade einmal 21 Bewerber.

Die Große Koalition, allen voran Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), versprach Besserung. Im Koalitionsvertrag schrieben Union und SPD ein Sofortprogramm nieder, das 8000 zusätzliche Stellen bringen sollte – für Alten- und Krankenpflege zusammen. Das reicht vorne und hinten nicht. Dass die Deutschen immer älter werden und die Zahl der Pflegebedürftigen weiter steigen wird, kommt erschwerend hinzu.

Auf den Philippinen sieht die Situation anders aus. Dort genießt der Pflegeberuf zum einen eine hohe Anerkennung. Zum anderen sagt Gehrig: „Die Filipinos haben die beste Ausbildung der Welt.“ Angelehnt an das US-System erhalten Pflegefachkräfte dort ein Master-Studium. Hinzu kommt, dass es auf den Philippinen nicht unüblich ist, das Land zu verlassen und anderswo zu arbeiten. „Das ist Teil der philippinischen DNA“, sagt Gehrigs Kollege und Kundenberater Matthias Geisler. Und fügt hinzu: „Wir nehmen also nicht anderen Ländern ihre Pflegekräfte weg und verursachen so dort einen Mangel.“

Die rekrutierten Männer und Frauen sind zwischen 26 und 35 Jahre alt.

Von all dem berichten Gehrig und Geisler an einem sonnigen Nachmittag bei einem Kaffee in der kleinen Firmenzentrale. Sie liegt versteckt in einem Hochhaus im Zentrum von Zug, dem kleinsten Kanton der Schweiz. Das Stockwerk teilt sich Globogate noch mit anderen Firmen, es herrscht Start-up-Feeling.

Kein Wunder: Das Unternehmen, das Gehrig gemeinsam mit zwei Partnern gegründet hat, gibt es erst seit gut drei Jahren. Doch seit 2016 hat eine Handvoll Mitarbeiter bereits mehr als 600 Filipinos vermittelt, rund 400 von ihnen werden Ende dieses Jahres ihre Arbeit in Deutschland aufgenommen haben. In Koblenz und Offenburg etwa sind von Globogate rekrutierte philippinische Pflegekräfte bereits im Einsatz. „Es ist ein Riesenaufwand“, sagt Gehrig. Aber eben auch ein Business – und „eine Herzensangelegenheit“. Viermal im Jahr reist er selbst auf die Philippinen.

Gut aufpassen: In Kursen werden die Filipinos auf Deutschland vorbereitet.

Von dort, mehr als 10.000 Kilometer entfernt, begeben sich die Fachkräfte, die eine mehrjährige Berufserfahrung aufweisen müssen, auf eine lange Reise. 12 bis 18 Monate dauert es, bis sie ihre Arbeit in Deutschland aufnehmen können. In dieser Zeit absolvieren sie nicht nur einen fundierten Sprachkurs, sondern werden auch aufgeklärt über ihren Arbeitsalltag in Deutschland. „Wir sind keine Recruiter, wir sind Risikomanager“, sagt Gehrig. Soll heißen: Die Kliniken bestellen klassenweise Pflegekräfte – das sind mindestens 25 – und übernehmen die Kosten für den gesamten Prozess. Globogate und seine Partner auf den Philippinen sorgen dafür, dass alles reibungslos läuft – und die jungen Menschen auch wirklich das Vorbereitungsprogramm durchziehen. In der Globogate-Zentrale wird über alle Entwicklungsphasen der potenziellen neuen Mitarbeiter mit eidgenössischer Gewissenhaftigkeit Buch geführt.

Glückliche Gesichter im März 2018: Die ersten Globogate-Schüler kommen in Deutschland an. 

Die Bürokratie ist das größte Problem

Das größte Problem dabei: die Bürokratie. Da sind sich Gehrig und Geisler einig. Bis zu vier Monate beträgt allein die Wartezeit für ein deutsches Visum. Doch auch die Anerkennung der Ausbildung im Ausland ist ein schweres Stück Arbeit, weil jedes Bundesland andere Regularien praktiziert. Gerade Baden-Württemberg hat da keinen guten Ruf.

Projektmanagerin Olivia Landert hat alle Daten der Pflegekräfte im Blick.

Ein weiteres Problem, mit dem das junge Unternehmen zu kämpfen hat, ist die Intransparenz dieses Marktes. Und die vielen schwarzen Schafe, die hier unterwegs sind. „Wir stehen in Konkurrenz zu Menschenhändlern“, sagt Thomas Gehrig klarsichtig. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass viele Deutsche skeptisch gegenüber ausländischen Pflegekräften sind. Auch das hat sich Globogate auf die Fahne geschrieben: Aufklären über Pflegekräfte aus Drittländern.

Dass es außerhalb Deutschlands großes Potenzial williger Alten- und Krankenpfleger gibt, hat auch die Bundesregierung erkannt. Gesundheitsminister Spahns Idee: Pflegeschulen im Ausland aufbauen – von Bosnien bis Vietnam. Diese Pläne bekräftigt auch der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, bei einem Termin in Pforzheim. „Ja, natürlich“ ist seine klare Antwort auf die Frage, ob der Pflegekollaps überhaupt noch verhindert werden kann. Aber wie?

Mit einem Maßnahmenbündel. „Der Schlüssel ist vor allem: mehr Personal“, sagt Westerfellhaus. Aber: „Mehr Personal bekommen Sie nur, wenn die Menschen sagen: Ich kann damit eine Karriere planen, gut Geld verdienen, Wochenenden planen, Freizeit planen und selber gesund bleiben.“ Für ihn geht es nicht nur darum, neue Pflegekräfte anzuwerben. Er will diejenigen, die es gibt, auch in ihrem Beruf halten – und Aussteiger zurückholen. Tatsächlich könnten sich einer Studie der Bundesregierung zufolge 48 Prozent der Berufsaussteiger durchaus eine Rückkehr vorstellen. Westerfellhaus zufolge wären das 100.000 bis 120.000 Menschen.

Auch die Dokumentationspflicht ist dem Pflegebevollmächtigten ein Dorn im Auge. „Ich möchte ein Ergebnis, das klar definiert: Die Versorgung ist hier gut gelaufen, der Mensch hat keine Druckgeschwüre, er ist mobil. Das ist das, was zählt. Auf welchem Weg ich diese Qualität erreicht habe, da muss ich nicht minutiös kontrollieren.“ Das wäre ein erster Schritt hin zu einem Bürokratieabbau.

Ebenso wie schnellere Anerkennungsverfahren für ausländische Pflegekräfte, für die Westerfellhaus plädiert. Zudem soll noch in diesem Monat die Konzertierte Aktion Pflege, die die GroKo ins Leben gerufen hat, erste Ergebnisse präsentieren. Bis die Pläne der Bundesregierung Früchte tragen, kann es aber dauern. Und während in Berlin noch beraten und debattiert wird, geht bei den Schweizern die Arbeit weiter. Ebenso wie auf den Philippinen, wo Globogate gerade einen eigenen Campus gebaut hat. Dort sollen die Pfleger auf die Arbeit in ihrer neuen Heimat Deutschland intensiv vorbereitet werden, während sie auf ihr Visum warten.

Das Schweizer Unternehmen will seine Zahlen in den kommenden Jahren noch steigern – auf bis zu 1000 vermittelte Pflegekräfte pro Jahr. Der Bedarf ist in jedem Fall da. „Die Babyboomer sind das Rückgrat der Pflege“, sagt Matthias Geisler. Doch die gehen bald in Rente. „Dann haben wir wirklich ein Problem.“

Gesundheitssorgen bei Pforzheimer Angehörigen

Pflegende Angehörige sind in Pforzheim öfter krank als Menschen, die nicht pflegen müssen. Das belegt der im April veröffentlichte Pflegereport der Barmer. Demnach litten 13 Prozent der pflegenden Angehörigen in Pforzheim im Jahr 2017 unter Belastungsstörungen wie Nervenzusammenbrüchen. In einer nach Alter und Geschlecht vergleichbaren Gruppe von Nicht-Pflegenden kamen Belastungsstörungen (neun Prozent) deutlich seltener vor. Auch der körperliche Zustand von pflegenden Angehörigen ist in Pforzheim schlechter als der von Nicht-Pflegenden. So waren laut Barmer-Pflegereport 55 Prozent der pflegenden Angehörigen im Jahr 2017 wegen Rückenschmerzen bei ihrem Arzt. Die nach Alter und Geschlecht vergleichbare Gruppe Nicht-Pflegender musste sich seltener wegen Rückenschmerzen in ärztliche Behandlung begeben (50 Prozent). „Pflegende Angehörige werden oft als größter Pflegedienst der Nation bezeichnet. Der Pflegereport zeigt, wie dringend sie Hilfe für sich selbst brauchen“, sagt Timo Fahrer, Regionalgeschäftsführer der Barmer in Pforzheim. 

So ist die Situation in der Region

Helios Klinikum Pforzheim

Am Helios in Pforzheim fehlen vor allem Kinderkrankenpfleger. Foto: PZ-Archiv

Auch am Helios Klinikum Pforzheim ist man kontinuerlich auf der Suche nach neuem Pflegepersonal, wie Klinikdirektor Bernd Maier sagt. „Dies hängt zum einen mit der üblichen Personalfluktuation zusammen, zum anderen erfordert die Sicherstellung unserer Behandlungsqualität und die Erfüllung neuer gesetzlicher Vorgaben eine entsprechende Ausweitung der personellen Ressourcen in der Pflege.“ Aktuell arbeiten am Helios mehr examinierte Pflegekräfte denn je. Trotzdem gebe es noch offene Stellen. Im Oktober diesen Jahres übernimmt das Helios zudem 21 neu ausgebildete Pflegekräfte aus der eigenen Gesundheits- und Krankenpflegeschule.

„Wir sind ein multikulturelles Krankenhaus und das ist gut so“, sagt Maier. Im gesamten medizinisch/pflegerischen Dienst arbeiten im Helios Mitarbeiter aus 43 Nationen. Die meisten kommen aus der Türkei, Italien, Kroatien, Rumänien und Polen. Welche Erfahrungen macht der Ärztliche Direktor? „Gute und manchmal auch nicht so gute, wenn es zu Verständigungsschwierigkeiten zwischen Patient und Klinikmitarbeiter kommt.“ Normalerweise könne man aber schnell Abhilfe schaffen.

Der größte Personalbedarf, so Maier, bestehe aufgrund der gesetzlichen Vorgaben derzeit im Bereich der Kinderkrankenpflege. „Das gilt sogar deutschlandweit.“ Hier ging die Schere zwischen Anzahl der angebotenen Ausbildungsplätze und Bedarf in den Kliniken sehr auseinander. Dies ist mit ein Grund dafür, dass das Helios Klinikum Pforzheim seit 2016 die Ausbildung in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege anbietet. 

Enzkreis-Kliniken

In der Klinik in Mühlacker schmerzt jeder Ausfall. Foto: PZ-Archiv

Die Enzkreis-Kliniken in Mühlacker und Neuenbürg gehören zur Regionalen Kliniken Holding. Dominik Nusser, Regionaldirektor in Mühlacker, sagt: „Uns geht es wie jedem Krankenhaus. Auch wir suchen immer wieder Personal für offene Stellen.“ Die Suche sei meist aufwendig, passender Ersatz wird nicht immer gleich gefunden. „Aus diesem Grund haben wir auch seit einigen Jahren begonnen die Ausbildung neuer Kollegen zu intensivieren“, so Nusser. Wo die größten personellen Engpässe liegen, könne man pauschal nicht sagen, denn: „Jeder personelle Ausfall in einem Bereich schmerzt.“ Jedoch könne man feststellen: „Je spezialisierter ein Mitarbeiter ist, umso schwieriger wird die Suche nach einer entsprechenden Nachfolge. Die Suche kann dann schon einmal deutlich länger dauern, weshalb wir versuchen, immer mehrere Mitarbeiter mit einer ‚Spezialqualifikation‘ zu haben.“ Im pflegerischen und medizinischen Bereich sind Mitarbeiter aus 37 Nationalitäten im Einsatz – etwa aus der Türkei, Griechenland, Rumänien, Kroatien und Italien.

Klinik Öschelbronn

Das Krankenhaus Öschelbronn ist auf Onkologie und Schmerztherapie spezialisiert. Einen Mangel an Pflegekräften gibt es dort nicht. In der Klinik Öschelbronn übernimmt das Pflegepersonal nur die Aufgaben, für die es auch wirklich ausgebildet ist – für Tätigkeiten wie Essenbringen sind eigene Servicekräfte zuständig. So bleibt den Pflegekräften mehr Zeit für Patienten. Zudem sind die Tagesabläufe in der Klinik strukturiert. Es gibt Therapiepläne für die Patienten, an die sich Pfleger, Therapeuten und Ärzte halten. Die Patientenakten sind vollständig digitalisiert – und zwar seit zehn Jahren. Das spart im Alltag Zeit. Einmal wöchentlich tauscht sich zudem das medizinische Personal über die Patienten aus, von der Pflegefachkraft bis zum Arzt. Wirtschaftlich zu sein und gut zu pflegen „ist ein Spagat“, sagt Geschäftsführerin Maria Wert in der SWR-Sendung „betrifft“. „Aber es ist kein Widerspruch.“ 

Den SWR-Beitrag „betrifft“ zum Thema Pflege unter anderem in der Klinik Öschelbronn finden Sie unter http://pzlink.de/70m 

Korian/Schauinsland

Auch in Tiefenbronn hat Schauinsland eine Pflegeeinrichtung. Foto: PZ-Archiv

„Der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff der Pflegestärkungsgesetze hat den Kreis der Anspruchsberechtigten und das Leistungsspektrum stark ausgeweitet“, sagt Joschua Birkemeyer, Regionaldirektor bei Korian, wozu auch die Schauinsland-Gruppe gehört. „Dadurch hat sich in einem vorher schon schwierigen Arbeitsmarkt der Bedarf an Fachkräften stark erhöht, der Mangel an qualifiziertem Personal hat weiter zugenommen.“ Dieser Mangel werde sich noch verstärken. Zudem, so Birkemeyer, gilt der Pflegeberuf als nicht sonderlich attraktiv. An diesem Image will auch Korian arbeiten. In seinen 235 Einrichtungen beschäftigt Korian über 22 000 Mitarbeiter aus mehr als 120 Nationen. Allein bei Schauinsland arbeiten in Pforzheim und dem Enzkreis über 500 Mitarbeiter aus 47 Nationen – allerdings keine Filippinos.

Die Korian-Gruppe betreibt demnach langfristige Projekte in Rumänien, Vietnam und Albanien. Um Sprachbarrieren abzubauen, finanziert Korian Sprachkurse bis zum B2-Niveau. Das, so Birkemeyer, ist Voraussetzung für die Arbeit im Pflegebereich. In Pforzheim und dem Enzkreis hat Korian/Schauinsland fünf stationäre Pflegeeinrichtungen: in Tiefenbronn, Dillweißenstein, Würm, Eisingen und Eutingen. Die größten Engpässe bestehen dem Regionaldirektor zufolge im Bereich der Pflegefachkräfte. 

Landkreis Calw

Aus dem Kreis Calw machten in der vergangenen Woche überraschende Nachrichten die Runde: Laut Kreispflegeplan gibt es dort schon jetzt und noch bis zum Jahr 2025 zu viele Pflegeplätze. Und zwar nicht nur in der stationären, sondern auch in der Tages- und Kurzzeitpflege. Die Experten um Landrat Helmut Riegger gehen sogar davon aus, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden sechs Jahren von knapp 1800 auf 1400 sinkt. Bei den Kreisräten sorgten die Zahlen jedoch für erhebliche Zweifel. 

Lisa Scharf

Lisa Scharf

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