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Thomas Raufeisen erzählt den Besuchern von seinem bewegten Leben mit einem Vater, der als Stasi-Spion arbeitete. Foto: Falk
Thomas Raufeisen erzählt den Besuchern von seinem bewegten Leben mit einem Vater, der als Stasi-Spion arbeitete. Foto: Falk
21.02.2017

Das Leben mit einem Spion: Thomas Raufeisen liest im DDR-Museum aus seinem Buch

Pforzheim. Für Thomas Raufeisen brach am 22. Januar 1979 sein Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammen. An diesem Tag erfuhr der damals 16-Jährige aus Hannover, dass sein Vater über 20 Jahre lang als Spion für die DDR gearbeitet hatte. Raufeisen hat über seine Lebensgeschichte ein Buch geschrieben. Am Sonntag las der 54-Jährige im DDR-Museum auf dem Haidach vor rund 40 Interessierten aus „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“.

Ein geteiltes Deutschland und eine geteilte Welt waren meine Jugenderfahrung“, erzählt Raufeisen. Damals habe der in Hannover lebende Jugendliche nicht viel mit der DDR zu tun gehabt. Großeltern auf Usedom und zwei Onkel in Thüringen waren die einzige Verbindung zum Osten. Zumindest glaubte Thomas Raufeisen das. „Die Besuche bei der Familie waren für mich als Kind komisch“, erinnert er sich. Wochen vorher musste ein Visum beantragt werden, „das war alles so aufwendig, dabei wollten wir doch nur die Großeltern besuchen.“

An der Grenze zwischen West- und Ostdeutschland habe man die Familie behandelt „wie die letzten Feinde“, erzählt Raufeisen. Alles war verboten, nicht einmal ein Mickey-Maus-Heft war im Gepäck erlaubt. Diese Besuche bei der Familie kamen dem heute 54-Jährigen damals vor wie eine Zeitreise: „Alles in der DDR hatte diesen Grauschleier.“ Als Kind habe er gedacht: „Haben die die Farbe vergessen?“ Die Ferien bei den Großeltern auf Usedom seien schön gewesen, nach ein paar Wochen sei man aber froh gewesen, wieder in Hannover leben zu dürfen. Dieses unbeschwerte Leben in Westdeutschland – Raufeisen war gerade in die Oberstufe gekommen – sollte 1972 ein jähes Ende nehmen.

„Unser Vater sagte uns, dass unser Großvater auf Usedom erkrankt sei, und wir uns um ihn kümmern müssten“, erinnert sich der Zeitzeuge. In einem Gästehaus der Stasi in Ostberlin angekommen, flog alles auf. „Das war wie ein böser Albtraum, aus dem ich erwachen wollte“, sagt Raufeisen. Der Vater nannte sich selbst einen „Kundschafter des Friedens“. Das Wort „Spion“ habe er niemals in den Mund genommen. Für Raufeisen, seinen älteren Bruder und die Mutter brach eine Welt zusammen, der Vater war ihnen plötzlich völlig fremd. Von da an lebte die Familie im Gästehaus der Stasi in Ostberlin, bezog später eine Wohnung direkt an der Berliner Mauer. Raufeisen besuchte für kurze Zeit eine Schule in Ostberlin, brach diese dann aber ab und machte eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker. Der Vater konnte weiter als Geologe arbeiten. Einzig Raufeisens Bruder, der bereits volljährig war, weigerte sich vehement, die ostdeutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen, und konnte nach wenigen Monaten nach Hannover zurückkehren.

Verlorene Jahre

Dem Vater wurde nach und nach klar, dass das Bild, das er sich von der DDR-Gesellschaft gemacht hatte, ein völlig falsches war. Die Familie unternahm zwei Fluchtversuche über die deutsche Botschaft in Budapest – erfolglos. Kurze Zeit später sollte das zu Haftstrafen für alle drei führen. Drei Jahre saß Thomas Raufeisen im Stasi-Gefängnis „Bautzen II“.

Nach Absitzen ihrer Haftstrafen konnten Raufeisen 1985 und seine Mutter 1989 nach Hannover zurückkehren, der Vater überlebte die Haft nicht. „Zurück in Westdeutschland habe ich bestimmt zehn Jahre gebraucht, um alles zu verarbeiten“ erzählt Raufeisen. Er holte schließlich seine verpassten Jugendjahre nach, machte sein Abitur und studierte. In seinem Buch verarbeitet der 54-Jährige seine bewegte Lebensgeschichte – außerdem gibt er Führungen im Gefängnis Hohenschönhausen, das heute eine Gedenkstätte ist.