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27.08.2009

Das Leiden einer jungen Mutter

PFORZHEIM. Die Frau, die ihre Kinder vom Balkon warf und sich selbst umbrachte, war laut Arzt-Diagnose psychisch krank. Am Tag vor dem Familiendrama vom Mittwoch hatte sie ihr Medikament nicht eingenommen.

Man habe nichts gefunden, was auf einen Abschiedsbrief hindeuten würde, so Oberstaatsanwalt Christoph Reichert. Er führt die Ermittlungen in dem Fall des Selbstmords einer 27-jährigen türkischstämmigen Frau an der Forstraße 10. Und so blieb Donnerstagvormittag noch rätselhaft, weshalb sie am Mittwoch gegen halb neun Uhr morgens erst ihre zweimonatige Tochter und danach ihren vier Jahre alten Sohn vom Balkon im vierten Stock in die Tiefe warf und hinterher sprang.

Mehrfach in Behandlung

Allerdings gab es Indizien, die bereits am Tag der Tat als Gerücht die Runde machten: dass Yasemine K. (Name geändert) psychisch krank gewesen sein könnte. Das wurde im Lauf des Tages zur Gewissheit: Es gibt die Diagnose, dass K. seit 2005 an paranoider Schizophrenie litt, also Bewusstseinsspaltung und Verfolgungswahn. Sie war mehrfach in psychiatrischer Behandlung, bekam Medikamente, die sie aber nicht regelmäßig nahm – angeblich wegen des Stillens. Am Dienstag schließlich , so die Ermittlungsbehörden, habe sich die Frau geweigert, ein jüngst vom Arzt verschriebenes Medikament einzunehmen. Hinweise auf das Krankheitsbild hatten Polizei und Staatsanwaltschaft bereits in der Wohnung gefunden: Yasemine K. hatte neben Gebetstexten eine Art handschriftlichen Lebenslauf hinterlassen, der durch Notizen zu bestimmten psychischen Krankheitsbildern ergänzt wurde – unter anderem zur paranoiden Schizophrenie.

Am Freitag Obduktion

Wenn die Obduktion der Leichen von Mutter und Säugling, die heute in der Heidelberger Gerichtsmedizin vorgenommen wird, erfolgt ist und das rechtsmedizinische Gutachten vorliegt, wird der Fall voraussichtlich eingestellt. Rein rechtlich war es vor dem Eintreten des Todes der Frau ein vollendetes und versuchtes Tötungsdelikt, eher Totschlag als Mord.

Der vierjährige Sohn habe, so die Staatsanwaltschaft, keine sehr schwerwiegenden Kopfverletzungen oder innere Verletzungen davongetragen, wohl aber mehrere Beinbrüche. Offensichtlich wurde der Aufprall dadurch gemindert, dass er zunächst auf den Blumenkästen des Balkons im Hochparterre aufkam und dann erst auf den Rasen prallte.

Das betrifft den Körper. Aber was ist mit der Seele? Wird der Junge Zeit seines Lebens unter dem Trauma leiden, dass seine eigene Mutter ihn töten wollte? Kann er es verdrängen? Hat er es vielleicht gar nicht wahrgenommen? Erfährt er die Gnade der sogenannten infantilen Amnesie, also des Sich-nicht-Erinnerns an frühkindliche Vorkommnisse?

Noch nicht abgeschlossen ist die Aufarbeitung der Vorkommnisse auch für den Notfallnachsorgedienst des Deutschen Rotes Kreuzes. Thaddäa Weixler, im Hauptberuf Erzieherin, leitete den Einsatz ihrer vier Kollegen, die sich um Zeugen, Nachbarn und vor allem die Verwandten kümmerten, insbesondere den Ehemann, der während des Vorgangs bei der Arbeit war, und die Eltern der Frau, die in der Wohneinheit nebenan leben. „Wir drängen uns nicht auf, aber wenn jemand unsere Hilfe braucht, bekommt er sie.“ Und das nicht nur ein paar Stunden lang. „Wir werden auch in den nächsten Tagen mit der Nachbetreuung weitermachen“, sagt Weixler – was theoretisch bis zur Beerdigung gehen könne.

Nachbesprechung der Helfer

Und weil auch Helfer Hilfe brauchen, findet auch in diesem Fall eine Nachbesprechung der Mitarbeiter des DRK-Notfallnachsorgedienstes und der Feuerwehr statt.