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Lesung in ungewohnter Umgebung: Juliane Uhl und Christian Frosch.  Frommer
Lesung in ungewohnter Umgebung: Juliane Uhl und Christian Frosch. Frommer
27.08.2017

Das Sterben in Worte gefasst: Lesung zum 100-jährigen Bestehen des Krematoriums

Tod und Krematorium – ein Themenkreis, den Menschen vorzugsweise aus dem Blick bannen. Darüber spricht man nicht – solange es sich vermeiden lässt. Vielleicht erklärt genau diese Sprachlosigkeit das Interesse an einer Reihe aktueller Buchpublikationen, die sich um vielerlei Antworten zur Palliativpflege, zum würdevollen Umgang mit Verstorbenen und zu Bestattungsvarianten bemüht.

Anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Pforzheimer Krematoriums las die in Halle ansässige Autorin Juliane Uhl am Samstagabend dort aus ihrem Buch „Drei Liter Tod – Mein Leben im Krematorium“. Musikalisch begleitet wurde ihr Vortrag vom mitgereisten Pianisten Christian Frosch, die Anmoderation übernahm Aike Kremser, der Geschäftsführer des Krematoriums.

Juliane Uhl (36) hat Soziologie studiert. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Töchter. Die erste persönliche Erfahrung mit dem Tod beschreibt sie in ihrem Buch in dem Kapitel über das mehrwöchige Sterben ihrer Schwiegermutter. In Ostdeutschland habe sie zahlreiche Bestattungen erlebt, sagte Uhl, „die nicht christlich hinterlegt waren“. Diese Erfahrung spiritueller Leere, mehrere Praktika und ihre spätere Arbeit im „Flamarium Osmünde“, dem zweitgrößten Krematorium Deutschlands, haben sowohl ihren Blick auf den Tod als auch auf das Leben verändert. „Wir gehen mit den Toten nicht mehr um – das kann kein Abschied sein“, sagte sie. „Man kann im Umgang mit den Toten den Umgang mit den Lebenden erkennen.“

Aus einem beklemmenden Passus zur Rechtsmedizin zitierte Uhl: „Es herrscht Pragmatismus“, denn entnommene Organe würden zuletzt nur „eingefüllt“ – nie an ihrer ursprünglichen Stelle. Nach dieser Schilderung spielte Frosch, Mitglied der Hallorer Salzwirker-Brüderschaft, auf Wunsch von Uhl den von Miley Cyrus bekannt gemachten Song „Wrecking Ball“ (zu Deutsch: „Abrissbirne“). Denn ihr Buch sei genau das, sagte Uhl, „eine Abrissbirne“. Und sie rief nachdrücklich zu einem bewussten Leben im Augenblick auf.