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Das Idol an der Wand, die Spraydosen im Bettkasten und die angebrannte Matratze auf dem Vordach– bei dem Brand im Kinderzimmer wurde ein 13-jähriges Mädchen schwer verletzt.
Das Idol an der Wand, die Spraydosen im Bettkasten und die angebrannte Matratze auf dem Vordach– bei dem Brand im Kinderzimmer wurde ein 13-jähriges Mädchen schwer verletzt. © Seibel
Nichts wie raus damit:  Die in Brand geratene Matratze wurde von den Kindern aus dem Fenster aufs Vordach geworfen.
Nichts wie raus damit: Die in Brand geratene Matratze wurde von den Kindern aus dem Fenster aufs Vordach geworfen.
Der verkohlte Rest:  ein Schulmäppchen, eine Tasche – beides nicht mehr zu gebrauchen.
Der verkohlte Rest: ein Schulmäppchen, eine Tasche – beides nicht mehr zu gebrauchen.
02.02.2010

Deo-Spray verpufft: Mädchen kämpft ums Überleben

PFORZHEIM. Mutmaßlich, weil sie einen billigen Schnüffel-Rausch haben wollten, verursachten Kinder einen Zimmerbrand. Eine 13-Jährige liegt mit schweren Verletzungen in einer Spezialkinik im künstlichen Koma.

Ein Jungmädchenzimmer, typisch für eine 13-Jährige: in einem Schuber zerlesene „Bravo“-Heftchen, an der Wand über dem Bett Poster des Teenie-Idols Miley Cyrus. Oder besser: was von dem Bett übrig blieb. Der Lattenrost ist zerbrochen, die Matraze, angekohlt wie das Laken, liegt auf dem schneebedeckten Vordach – in Panik hinausgeworfen aus dem Fenster.

„Es gibt Verletzte“

Donnerstag vergangener Woche gegen 19.30 Uhr. Agata S. (alle Namen geändert), 37, verlässt, weil kaum Betrieb ist, das Restaurant in der Innenstadt, in dem sie auf 400-Euro-Basis jobbt. Die alleinerziehende Mutter von Gordana, 13, und Josip, 8, durchquert auf dem Weg in die Nordstadt die Bahnhofsunterführung, läuft über den Pfälzerplatz, biegt auf die Hohenzollernstraße. Schon von weitem sieht sie Feuerwehr, Krankenwagen, Notarzt, Polizei, eine Menge Menschen – unmittelbar vor dem Mehrfamilienhaus, in dem sie mit den Kindern wohnt. Die gebürtige Kroatin rennt, sie befürchtet das Schlimmste.

„Wo waren Sie denn?“, herrscht ein Polizist sie an und schiebt nach: „Es gibt Verletzte.“ Da sind ihre Kinder bereits im Krankenhaus. Niemand sagt Agata, wie es um Gordana und Josip steht. Ein Rot-Kreuz-Wagen bringt sie ins Klinikum. Sie erstarrt, als sie ihre Tochter sieht. „Mama, ich liebe Dich“, flüstert sie, „bitte sag’ Papa nichts.“ Dann muss Agata gehen – die Ärzte legen ihr Kind ins künstliche Koma. Tags darauf wird sie nach Stuttgart in eine Spezialklinik verlegt.

Brandgefährlicher Rausch

Was war passiert? Erst langsam kristallisieren sich Details heraus – und es wird klar, weshalb zwei Dutzend Spraydosen im Bettkasten liegen. Mindestens ein Kind, vielleicht mehrere, haben mit Spray mutmaßlich Textilien eingesprüht, sich diese vors Gesicht gehalten und die Dämpfe eingeatmet – ein billiger, aber gefährlicher Rausch. Brandgefährlich.

Vor allem dann, wenn mit offenem Feuer hantiert wird. Im Polizeibericht ist von einem brennenden Teelicht die Rede. „Es war wohl eine Zigarette“, sagt Agata. Eine von zwei Freundinnen ihrer Tochter, das Mädchen ist 14, raucht.

Als es zur Verpuffung kommt und die Matratze in Flammen steht, versuchen die Kinder, mit allem, was nach einem Gefäß aussieht, zu löschen. Auch mit Knien, mit den Händen. So wie Gordana. Als die Feuerwehr eintrifft, ist der Brand erstickt. „Ich kann hier nicht mehr schlafen“, sagt Agata. Immer wieder holt sie die Erinnerung an diesen Abend ein. Sie übernachtet seither bei einer Freundin, Josip ist bei ihrem Ex-Mann im Schwäbischen.

Schulden erdrücken die Hartz-IV-Empfängerin schier. Bei der Schuldnerberatung und bei der Arbeitsagentur habe man ihr gesagt, sie könne doch Vollzeit arbeiten – die Kinder seien schließlich groß genug. Neben einer Urkunde über den ersten Platz bei einem Schul-Lesewettbewerb und dem Zeugnis über ein Sozialtraining beim Stadtjugendring hängt der Brief einer Freundin. „Wir gehen durch dick und dünn“, steht drauf, mit dunklem Filzstift geschrieben. „Sie kämpft so tapfer“, sagt Agata.

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