nach oben
Afrikanische Lebensfreude: Martin Ngnoubamdjum in Bestform. Foto: Ketterl
Afrikanische Lebensfreude: Martin Ngnoubamdjum in Bestform. Foto: Ketterl
Martin Ngnoubamdjum und seine Frau Berthe pflegen die afrikanische Küche – zu Weihnachten gibt’s aber auch Huchenfelder Plätzchen.  Foto: Ketterl
Martin Ngnoubamdjum und seine Frau Berthe pflegen die afrikanische Küche – zu Weihnachten gibt’s aber auch Huchenfelder Plätzchen. Foto: Ketterl
„Bruder Martin“ hat auch Show-Talent – wie hier beim Ferienprogramm auf dem Haidach.  Foto: Seibel
„Bruder Martin“ hat auch Show-Talent – wie hier beim Ferienprogramm auf dem Haidach. Foto: Seibel
Ganz in Weiß: das Ehepaar Ngnoubamdjum bei der Hochzeit 1986 in Kamerun.  Foto: Privat
Ganz in Weiß: das Ehepaar Ngnoubamdjum bei der Hochzeit 1986 in Kamerun. Foto: Privat
23.12.2015

Der Mann, der die Trommel schlägt, wird 70

Martin Ngnoubamdjum hat Afrika in Pforzheim erlebbar gemacht. Am ersten Weihnachtsfeiertag feiert der Kameruner seinen 70. Geburtstag.

Er gehört zu den „Afrikanern der ersten Stunde“, denn seit 45 Jahren ist er in Deutschland zu Hause, seit 31 Jahren ist er den Pforzheimern ein vertrauter Mitbürger. In der evangelischen Kirche hat er seine Heimat gefunden, und wann immer es in Pforzheim eines Afrikaners bedarf, um Urwaldtrommeln ertönen zu lassen oder in Diskussionsforen der „Dritten Welt“ eine Stimme zu geben – er ist die richtige Adresse.

Mehr als jeder andere hat er sich als Stimme dieses geschundenen Kontinents bewährt; mit den von ihm inszenierten Afrika- und Gospel-Festivals leistet er seit vielen Jahren einen aufmerksam registrierten Beitrag zum kulturellen Leben Pforzheims. Als Mitglied der Stadtsynode Pforzheim ist er unverändert der kirchlichen Basisarbeit verbunden. Die Rede ist von „Bruder“ Martin Ngnoubamdjum. Am ersten Weihnachtsfeiertag feiert er seinen 70. Geburtstag.

Kulturarbeit „Afrika Präsenz“

Das Zusammenbringen von Menschen ist dem Mann aus Kamerun ohnehin ein Anliegen. Als großer Netzwerker hat er in Pforzheim den Verein „Afrika Präsenz“ gegründet und in der Folge Veranstaltungen unterschiedlichster Art initiiert, die stets eine Zielsetzung hatten: Europa und Afrika einander näherbringen. Eindrucksvoll ein Vortrag schon im Jahr 2000, als Martin Ngnoubamdjum Dr. Tirmiziou Diallo ins PZ-Forum brachte. Der Professor aus Guinea mit Lehrstuhl an der Frankfurter Goethe-Universität machte damals schon deutlich, „dass Afrika im Leben der Europäer immer schon präsent und Afrika nicht das Problem, sondern die Lösung ist“.

Immer wieder ist Martin Ngnoubamdjum auch Anlaufstelle für die „Association des Camerounais“, die versprengte Gemeinschaft der Kameruner in der Region; allein an der Pforzheimer Hochschule sind 40 Studenten aus dem politisch stabilen, westafrikanischen Staat eingeschrieben.

Wenn er etwa alle zwei Jahre ins Bamilekeland zurückkehrt, wo er im Heimatdorf Kondjok Häuptlingsstatus genießt, geht Martin Ngnoubamdjum mit den jungen Menschen stets ins Gespräch. Er ermuntert sie, ihre Zukunft in Kamerun zu suchen und sich nicht auf eine gefahrvolle Reise zu begeben. Europa sei nicht das Land, wo Milch und Honig fließen.

Ohnehin verfolgt der Jubilar die wachsende Brutalität in Afrika mit großer Sorge. Während Kamerun ein Hort der Stabilität ist, wüten in den Nachbarstaaten am Sahelrand Boko Haram und andere Terrorgruppen.

Wie einst auch Albert Schweitzer, war Martin Ngnoubamdjum mit „seiner“ Kirche nicht immer im Einklang. Seine etwas andere Art, die Dinge anzugehen, seine afrikanische „Entspanntheit“ entsprach oftmals nicht den Vorstellungen der evangelischen Landeskirche, was schlussendlich auch dazu führte, dass „Bruder Martins“ Vertrag bei der Begegnungsstätte Hohenwart, als deren Leiter er fünfzehn Jahre fungierte, eines Tages nicht verlängert wurde. Fortan sah man den Kameruner in verschiedenen Pflegeheimen wie im Städtischen Klinikum – als Seelsorger wie auch als Fachkraft für Altenpflege, wozu er sich durch eine Umschulung qualifiziert hatte.

Für viele Senioren war das Erscheinen eines Afrikaners am Krankenbett ein zunächst schreckhaftes „Aha-Erlebnis“, wie Ngnoubamdjum schmunzelnd sagt, seine pflegerische Tätigkeit habe aber auch dazu beigetragen, ein höheres Maß an Vertrauen gegenüber den Menschen aus dem Schwarzen Erdteil zu schaffen.

Schwarzer Mann in Schwarz

Nicht weniger spektakulär war das Erscheinungsbild des Afrikaners auf den Fußballplätzen der Bezirksliga. Insgesamt 35 Jahre hat der „schwarze Mann in Schwarz“ als Schiedsrichter für Recht und Ordnung auf dem Spielfeld gesorgt. Grundsätzlich aber – und daran lässt Martin Ngnoubamdjum keinen Zweifel – „bin ich in Pforzheim wirklich angenommen worden, die Stadt ist mir längst zur Heimat geworden“. Viele Menschen der Region hat er bei seiner seelsorgerischen Arbeit auf ihrem Lebensweg begleitet – von der Trauung bis zum Tod. Heute noch ist „Bruder Martin“ bei Andachten in Pflegeheimen ein gerne gehörter Prediger.

Oma Djuidje, Schule des Lebens

Der nun Siebzigjährige stammt aus dem Bamilekeland in Kamerun, wo die Deutschen 35 Jahre lang – bis 1919 – als Kolonialmacht regierten. Seit über drei Jahrzehnten ist dort nun Paul Biya an der Macht; mit seinen 82 Jahren ein Fossil in der afrikanischen Politik aber klug genug, um den Kamerunern ein hohes Maß an persönlicher Freiheit – auch Meinungsfreiheit – zu lassen.

Gefragt nach seinen eindrücklichsten Jugend-Erlebnissen, berichtet Martin Ngnoubamdjum von seiner Oma Djuidje, bei der er viele Jahre verbrachte: „Wir haben gesungen, getrommelt, getanzt und Geschichten erzählt. In diesem ‚Konservatorium‘ waren Lebensfreude und Gemeinschaftserleben zu Hause. Es war die beste Schule meines Lebens.“

Aber es gab auch die andere Schule. Von der französisch geprägten Missionsschule hangelte sich der junge Bamileke über theologische Seminare bis in die Berufsschule. Hinzu kamen sportliche Aktivitäten. Wie viele Afrikaner ein Bewegungstalent, stürzte sich Ngnoubamdjum in die leichtathletischen Disziplinen. Zwischen 1000 und 5000 Meter war er in seiner Jugend der nationale Champion und als solcher bei zahlreichen afrikanischen Meisterschaften unterwegs – von Senegal bis Nigeria.

Erste berufliche Sporen verdiente er sich als Leiter eines Straßenbauprojekts in der Urwaldregion von Bafang Ybassi, gleichzeitig stürzte sich Martin Ngnoubamdjum im Bamilekeland aber auch intensiv in die Gründungsarbeit zahlreicher afrikanisch-evangelischer Kirchengemeinden.

Eine tief greifende Zäsur dann im Winter 1970: Ngnoubamdjum zog nach Köln, wo er in der evangelischen Antoniterkirche Aufnahme und Unterstützung fand; bald saß er als erster Afrikaner in einer deutschen Regionalsynode. Dominierende Erfahrung aber war eine andere: „Ich machte eine erste Bekanntschaft mit Schnee und europäischer Kälte – auch menschlicher Kälte!“ Freude machte ihm die Aufgabe in Köln dennoch. Neben der Mitwirkung im CVJM war der Afrikaner vorwiegend als Arbeiterpriester unterwegs; das habe ihn standhaft gemacht und sehr nahe zu den Menschen gebracht.

Bald ein „interkulturelles Fest“

Im Jahr 1984 folgte Ngnoubamdjum einer Berufung an das Pfarramt in Ulm, wo er sich vorwiegend Fragen der Mission und Ökumene widmete. Neun Jahre später trat Martin Ngnoubamdjum – mit seiner Frau Berthe nun in zweiter Ehe verheiratet – seine Aufgabe im heutigen Evangelischen Forum Hohenwart an. Dort wird der Jubilar am 9. Januar ein „interkulturelles Fest des Lebens“ feiern, wenn er Freunde aus nah und fern zur Geburtstagsfeier empfängt. Nicht ohne Grund, „denn die interkulturelle Kommunikation sowie der interreligiöse Dialog sind prägend für mein Leben und für meine Arbeit“.

Neben einem großen Freundeskreis wird auch die Ngnoubam-djum-Familie präsent sein. Acht Kinder und vier Enkelkinder wollen den „Patron“ feiern.