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Frauke Janssen (vorne), Gründerin von „GoldenHearts“, informiert Susanne Knöller, Vorsitzende von „Menschen in Not“, über die Online-Angebote.  Foto: Knöller 

Deutschkurs mit Herz: „Menschen in Not“ spendet 11.000 Euro an Insel-Schule

Pforzheim. Die Stimme von Ingrid Titel krächzt etwas. Sie ist aber nicht erkältet, sondern durch die Online-Übertragung hört sich alles ein bisschen spröde an. Bei der Unterrichtsstunde per Zoom ist das aber nicht schlimm. Denn die Frauen, die mitmachen, wollen lernen. „Zu Beginn möchte ich ein bisschen mit Ihnen sprechen“, sagt Lehrerin Ingrid Titel. „Lisa stellt eine Frage und überlegt sich, wen sie ansprechen möchte.“ Lisa entscheidet sich für Juliana: „Seit wann in Deutschland gekommen?“, fragt Lisa. „Wann sind Sie nach Deutschland gekommen?“, korrigiert die Lehrerin. Und so unterhalten sich die Damen noch eine Weile. Es sind vermeintlich einfache Fragen, von den Frauen erfordern sie aber höchste Konzentration.

An der Insel-, Wald-, Osterfeld-, Nordstadt-, Maihälden-, Sonnenhof- und Buckenberg-Schule ist „GoldenHearts“ mit Kursen präsent. „Mit weiteren Schulen gibt es Gespräche“, verrät Frauke Janssen, Gründerin der privaten Initiative. Die ehemaligen Lehrer, die die Kurse leiten, erhalten eine Ehrenamtspauschale. „Alle bringen Herzblut, Zeit und Energie ein.“ Parallel zu den Kursen für die Mütter finden Kinder-Programme und Hausaufgabenbetreuung statt. Die Kosten in Höhe von 11 000 Euro für den Kurs an der Insel-Schule hat die PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ übernommen. Nun hofft Janssen, dass nach den Sommerferien endlich wieder richtig unterrichtet werden kann.

Die meisten Teilnehmerinnen kommen über die Schulen ihrer Kinder zu „GoldenHearts“. Die Schulleitungen und Lehrer kennen das Programm. „Und wenn der kleine Ahmet kein Deutsch kann, dann kann seine Mama vermutlich auch kein Deutsch“, weiß Janssen. Flyer in den unterschiedlichsten Sprachen werden an die Kinder verteilt und fänden so den Weg nach Hause. „Und dann meldet sich die Mama hoffentlich an.“

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Durch Bücher wie diese müssen sich die Frauen arbeiten. Foto: Knöller

Durch Corona hätten alle Kurse unterteilt werden müssen. „Die elf Teilnehmer dieses Kurses sind in Gruppen mit zweimal vier und einmal drei gesplittet“, sagt Janssen. Dafür würden aber nicht mehr Lehrkräfte benötigt. „Jede Gruppe trifft sich weniger lange, dafür sind die Gruppen kleiner. Am Ende profitieren die Frauen sogar davon“, weiß die Gründerin. Dieser Art des Austauschs in Form einer Unterhaltung wäre in einer großen Gruppe gar nicht möglich. Manchmal seien auch viele Kinder bei den Frauen zu Hause am Toben, da werde es dann auch schwierig mit der Kommunikation. „Für manche Frauen war Corona ein Segen, weil sie in diesen Kleinstgruppen jetzt viel intensiver gefordert sind.“

Bei „GoldenHearts“ gebe es zwei Niveaus der Gruppen: „Zum einen die Frauen, die alphabetisiert werden, zum anderen die Frauen, die schon ein bisschen Deutsch sprechen können und im Heimatland eine Schule besucht haben.“ Diese wüssten, was Lernen bedeutet, wie man sich im Buch mit einer Frage beschäftigt, wie man recherchiert und gut antwortet. „Wir würden sagen, die Grundlagen, die ein Grundschulkind mitbekommt.“ Die Frauen, die am Unterricht teilnehmen, sind in der Gruppe, die heute stattfindet, alle um die 30 Jahre alt. „Alle sind vorbeschult.“ An der Osterfeldschule sei das Verhältnis ganz anders. Dort hätten drei Viertel der Frauen irakische Wurzeln. „Zwei Drittel von ihnen hat noch nie eine Schule von innen gesehen“, weiß die „GoldenHearts“-Gründerin. „Da sind die Voraussetzungen ganz andere.“ Allen gemein ist, dass sie eine Aufenthaltserlaubnis haben.

Mit dieser aktuellen Zielgruppe könne super gearbeitet werden. Es gebe andere, da beginne die Lehrerin im Minusbereich. Ganz wichtig ist, dass die Frauen konstant teilnehmen. Derzeit seien 61 Frauen aktiv, die über Zoom oder WhatsApp-Video unterrichtet werden, berichtet Janssen weiter.

„Bei manchen klappt es ganz toll, und andere haben wir verloren. Die können wir hoffentlich wieder einfangen, wenn normaler Unterricht stattfindet. Alle, die einen Alphabetisierungskurs erhalten, werden mit Buchstaben vertraut gemacht, es werden Worte eingeführt, und man muss viel üben“, erklärt sie weiter.

Das sei der Beginn der Alpha-Kurse. Weiter führe der Weg in die Vorkurse, in denen etwas mehr geschrieben werde. „Da ist man dann im Satzbereich.“ Wer dann nach einem Jahr einigermaßen solide sei, habe den A1-Bereich erreicht. „A1 bedeutet: Ich kann mich vorstellen, ich kann einkaufen gehen, ich kann nach dem Weg fragen, Grundlagenwissen im Deutschen, damit ich hier so klarkomme.“ Das sei für viele der Frauen aber ein ganz weiter Weg. Geprüft werden die Frauen dann beim Internationalen Bund (IB), „der hat eine Zertifizierung dafür“. Dieses Jahr habe jede der sechs Frauen bestanden. „Das zeigt dann auch den anderen: Es lohnt sich.“

Allerdings reiche A1 noch nicht aus. „Damit kann man sich nicht für einen Job bewerben“, erklärt Janssen weiter. „Ziel für alle Frauen ist B1.“ Dann könnten sie beruflich Fuß fassen und was gebe es für die Integration Wichtigeres, als finanziell auf eigenen Beinen zu stehen.

Susanne Knöller

Susanne Knöller

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