760_0900_96177_vortrag_jpeg.jpg
Christian Jakob recherchierte für „Diktatoren als Türsteher Europas“ direkt in Afrika – und berichtet im Kulturhaus Osterfeld von seinen Erfahrungen. Foto: Seibel.

Die Flucht endet in Afrika: Lesung mit Journalist Christian Jakob

Pforzheim. Die Zeiten, in denen die Flüchtlingsthematik die Tagespolitik bestimmt hat, scheinen vorbei. Immer weniger Migranten kommen in Europa an, auch Meldungen über gesunkene Boote auf dem Mittelmeer scheinen abzunehmen. Dass sich die Situation der Flüchtlinge dadurch gebessert hat, wäre jedoch die falsche Schlussfolgerung. Anstatt auf dem Mittelmeer sterben diese jetzt in der Sahara, weit weg von der Wahrnehmung in der Festung Europa. Das ist das Ergebnis der Recherchen von Christian Jakob.

Der Redakteur, der bei der „taz“ in Berlin arbeitet, hat als Co-Autor des Buches „Diktatoren als Türsteher Europas“ darüber geschrieben, wie europäische Abkommen mit demokratiefernen Staatschefs in Afrika verhindern sollen, dass Flüchtlinge die Grenzen der EU überschreiten und stattdessen noch auf dem Heimatkontinent aufgehalten werden. Im Kulturhaus Osterfeld hat der Journalist jetzt von seinen Recherchen berichtet. Eingeladen dazu hatten das Forum Asyl, die evangelische Erwachsenenbildung Pforzheim sowie die Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg.

Geld beruhigt das Gewissen

Unter dem Etikett Entwicklungshilfe würde die EU gewaltige Summen in afrikanische Staaten transferieren, die sie aus nachvollziehbaren Gründen wie zweifelhaften Menschenrechtslagen vor Jahren noch sanktioniert habe. Der ostafrikanische Sudan sei ein solches Beispiel. Ob die Gelder tatsächlich in der Entwicklungshilfe ankämen oder doch innerhalb des in weiten Teilen korrupten Regimes versickern, sei kaum nachvollziehbar, da keine unabhängigen Beobachter zugelassen würden. Was aber funktioniert, sei die Verhaftung und Internierung ostafrikanischer Flüchtlinge etwa aus dem benachbarten Eritrea, die das Land auf ihrem Weg in den Norden passieren müssen. Auf der Flucht vor Repression und Unterdrückung gerieten sie im Sudan, aufgegriffen von unkontrollierten Milizen, in eines der riesigen Lager auf sudanesischem Boden, bevor sie als Flüchtlinge in eine unkalkulierbar gefährliche Situation in ihr Heimatland zurückverbracht werden. In der EU hätten sie aufgrund dessen gute Chancen, Asyl gewährt zu bekommen. Doch so weit kommen sie in vielen Fällen gar nicht.

Ein anderes Beispiel sei der Wüstenstaat Niger. Hunderte Millionen Euro lässt sich die EU die Beihilfe des bettelarmen Staates bei der Migrationsvermeidung kosten. Auf der einigermaßen ausgebauten Hauptroute durch die Sahara nach Norden gelangen die Menschen kaum noch durchs Land. Sie würden an einem der zahlreichen Checkpoints aufgegriffen. Die Alternative, auf eine der Nebenrouten auszuweichen, ist lebensgefährlich. Augenzeugen berichteten von der Sahara als einem „riesigen Friedhof“. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass Journalisten in diese Gegenden des Landes nicht reisen dürften.

Die Vertreter der afrikanischen Staaten, so Jakob, sähen das Ganze durchaus geschäftsmäßig. Die Europäer müssten dafür zahlen, dass die Migration schon im Keim und auf dem afrikanischen Kontinent erstickt wird. Ob mit den horrenden Summen die Lebenssituation der Menschen vor Ort so verbessert werden könnte, dass die Fluchtursachen beseitigt würden, bezweifelt er dagegen sehr.