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Zahlreiche Unwägbarkeiten belasten derzeit die deutsche Automobilbranche. Die schwächelnde Nachfrage aus dem Ausland sorgte für Produktions- und Exportrückgänge. Foto: dpa/Sarbach
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Arbeiten an der Brennstoffzelle: Andreas Heinrich (rechts) von Continental und Vladimir Buday (TU Chemnitz). Foto: dpa
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Elektrischer Hoffnungsträger: Alexander Van der Bellen (von links), Bundespräsident von Österreich, Porsche-Chef Oliver Blume und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) an einem Porsche Taycan. Foto: dpa/Murat

Die Lage ist ernst: Zuliefererfirmen in der Region spüren automobile Flaute

Pforzheim/Enzkreis. Die Lage ist ernst: Die aktuellen Insolvenzanträge der Firmen Weber Automotive (Markdorf/Neuenbürg) und Sihn (Mühlacker) machen deutlich, dass die fetten Jahre in der Automobilindustrie vorbei sind.

Mahle, Conti und Marquardt haben Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau angekündigt. Das weiß auch Gerrit Christoph, Leiter Team Technologie und zuständig für das Automotive Cluster der wvib Schwarzwald AG. Er hat den Überblick über 300 Mitgliedsbetriebe des Wirtschaftsverbands, die in der Automobil-Zulieferbranche aktiv sind. Etliche Hidden Champions aus dem Nordschwarzwald sind darunter.

Kurzfristig sieht Gerrit Christoph große Herausforderungen für Zulieferbetriebe, die jedoch keinesfalls mit der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008/09 vergleichbar seien. Es gebe vereinzelte Standortschließungen und Kurzarbeit. „Die Warnlampen leuchten. Es wird etwas ungemütlicher.“ Tatsächlich sei der weltweite Fahrzeugabsatz gesunken, was auf den schwächelnden chinesischen Markt und den Handelskonflikt mit den USA zurückzuführen sei.

„Für unserer Zulieferer gibt es auch genügend Chancen, denn in den Fahrzeugen werden immer mehr elektronische Komponenten, kleine Antriebsmotoren und Sensoren bis hin zu Heizungs- und Klimaanlagen für reine E-Autos benötigt,“ sagt Christoph. „Langfristige Prognosen gehen für das Jahr 2030 von einem Anteil bei den weltweiten Neuzulassungen von 30 Prozent reinen Elektroautos, 40 Prozent Hybridfahrzeugen und 30 Prozent Verbrennern aus. Die Zahl der verkauften Fahrzeuge soll von 80 auf 120 Millionen Einheiten steigen. Das heißt zwei Drittel der Neufahrzeuge werden noch einen Verbrennungsmotor haben.“

In China werden derzeit die Vergünstigungen für E-Autos abgebaut. Das Reich der Mitte setzt verstärkt auf die Brennstoffzelle. Das Problem bei der E-Mobilität sei nicht nur der aktuell noch sehr hohe Fahrzeugpreis, sondern auch die mangelnde Energie-Infrastruktur. „Der Transformationsprozess zur Elektromobilität kann trotz des Strukturwandels bei der Beschäftigung wichtige Impulse zur Weiterentwicklung des baden-württembergischen Clusters für industrielle Innovationen liefern“, heißt es in der Strukturstudie „BW mobil 2019“. Dies könne nur gelingen, wenn sich die Unternehmens- und Standortstrategien, gepaart mit dem Veränderungswillen der Beschäftigten und der Unterstützung aus Politik und Wissenschaft, an diesem Entwicklungsziel ausrichten.

Kai Burmeister von der IG Metall Baden-Württemberg: „Alle Standorte müssen deshalb heute klären, wie sie für das Jahr 2025 aufgestellt sein wollen – welche Produkte für die neue automobile Wertschöpfungskette es braucht.“ Nur mit verbindlichen Zukunftskonzepten für die Standorte und Qualifizierung könne diese Transformation gelingen. Auch der Gewerkschafter ist überzeugt, dass der Verbrennungsmotor nicht ganz verschwinden wird, aber der Trend zeige eindeutig in Richtung Elektromobilität. „Nur Qualifikation reicht nicht, wenn es keine belastbaren Zukunftskonzepte für die Standorte gibt. Aus Renditegründen würden Produkte nach Slowenien, Spanien oder Ungarn verlagert.

Bei einer Großkundgebung in Bad Cannstatt wollen die Beschäftigte von Mahle am kommenden Mittwoch Beschäftigungsgarantien einfordern, wie Betriebsratsvorsitzender Dieter Kiesling von Mahle/Behr aus Mühlacker erklärt. „In jedem zweiten Automobilzulieferbetrieb wurden als Reaktion auf gesunkene Abrufzahlen Sparprogramme aufgelegt“, weiß Burmeister. Mit der Kürzung von Reisekosten und punktuellem Personalabbau löse man jedoch keine strukturellen Probleme. Eine Umfrage unter Betriebsräten habe gezeigt, dass eine konjunkturelle Abkühlung erfolgt ist. Von einer Krise wie 2008/09 will Burmeister indes nicht sprechen.

Das sieht auch die Agentur für Arbeit Nagold-Pforzheim so: „Momentan ist alles noch im normalen Bereich“, sagt Pressesprecher Stefan Gauss. Dennoch beobachtet die Agentur, dass sich Anfragen nach Kurzarbeit häufen – besondern aus dem Werkzeugbau, Stanztechnik oder Oberflächentechnik. „Der Bedarf an Information nimmt zu, wenn die Auftragslage zurückgeht“, so Gauss. „Erst einmal müssen die Überstunden abgebaut werden“, erklärt er die Bedingungen für Kurzarbeit. Generell sei diese eine effektive Möglichkeit, Entlassung zu vermeiden – allerdings helfe sie nur dabei, ein Auftragsloch zu überstehen. Aktuell seien 16 Betriebe in Pforzheim mit 912 Mitarbeitern und im Enzkreis 17 Betriebe mit 670 Mitarbeitern in Kurzarbeit. Betroffen seien aber unterschiedliche Branchen. Dass die Krise in der Automobilbranche eine Kettenreaktion nach sich zieht, zeigt ein Beispiel aus der Region: Nachdem Mahle angekündigt hat, Stellen zu streichen, muss das Präzisionstechnik-Unternehmen Kolektor (ehemals Conttek) einen Auftragsrückgang von zehn Prozent hinnehmen. Für die Mitarbeiter bedeutet das: keine Überstunden und keine Samstagsarbeit mehr.

Katharina Lindt

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Lothar Neff

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