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22.03.2008

Die tägliche Route für das internationale Verbrechen

„Die Autobahnen in Baden-Württemberg sind die Lebensadern der internationalen Kriminalität“, sagt Landespolizeipräsident Erwin Hetger. Auf der A8, die um Pforzheim herumfließt, werden Diebesgut, Schmuggelware und Drogen transportiert, sie dient dem Menschenhandel und als Fluchtweg. Der einfache Autofahrer merkt nicht viel davon, aber die Polizei weiß, was auf der Autobahn jeden Tag aufs Neue im Verborgenen geschieht.

Der Tag ist grau, es windet, dem Audi-Fahrer weht es die Baseballkappe vom Kopf. Sie wirbelt durch die Luft, bleibt liegen vor dem linken Hinterreifen eines E-Klasse-Mercedes. Der zivile Polizei-Benz hat es in sich, sowohl was sein Innenleben als auch die persönliche Ausstattung angeht. Und alles hängt mit allem zusammen. Just an diesem Vormittag muss Erwin K. (Name geändert) seinen Zwischenstopp an der Tank- und Rastanlage Pforzheim um ein paar Minuten verlängern. Das liegt an Männern wie Peter Lopianecki und Georg Risch.

„Lop“, wie seine Kollegen den 50-Jährigen nennen, ist Leiter des Fahndungsdienstes – jener Einheit, die auf den knapp 300 Kilometern Autobahn im Regierungsbezirk Karlsruhe (also zwischen Viernheim und Appenweier, Karlsruhe und Heimsheim) im Strom mitschwimmen oder an Raststätten und Parkplätzen das tun, was Lopianecki „Bergwerks-Tätigkeit“ nennt: mal schauen, was der Stollen so hergibt.

Alles im Computer

Bei Erwin K. bleibt das Schürfen ohne Erfolg. Er ist sauber. Das ergibt die Anfrage, die die Polizisten an den "Großen Bruder" in Wiesbaden stellen. Dort, im Bundeskriminalamt, stehen die Super-Computer, auf denen gespeichert ist, wer mit dem Gesetz in Konflikt gekommen, verurteilt, zur Fahndung oder Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben ist. Oder welches Auto als geklaut gemeldet oder wo die Versicherung abgelaufen ist. Alle relevanten Daten geben die Fahnder in ihren Car-PC ein, einen portablen Computer, ihre Online-Verbindung zum Landeskriminalamt in Bad Cannstatt und von dort weiter an das BKA.

Mindestens so wichtig wie das elektronische Helferlein sei der Instinkt, sagt Lopianecki. „Meine Leute sollen intuitiv an die Sache rangehen.“ Da war, erinnert sich sein Kollege Risch, jenes Vater-Sohn-Duo aus dem Nahen Osten: Der Wagen, in dem sie unterwegs waren, war reif für die Zwangsentstempelung, meldete die Stimme aus dem Funk auf Anfrage. Die Fahnder beließen es nicht bei der Feststellung – eher ein Beifang im Vergleich zu dem, was sie im Motorraum zutage förderten: ein Kilo Rohopium.

Dealende Rentner

Apropos: In Holland entdeckten Ruheständler beziehungsweise ihre Auftraggeber, wie die schmale Rente aufgebessert werden könnte: durch das Schmuggeln von Rauschgift nach Deutschland. Mindestens drei der rüstigen Kuriere gingen den badischen Fahndern ins Netz. Das sprach sich in der Szene rum. Im Augenblick herrscht Ruhe an dieser Front. Doch was heißt Entspannung?

Schusssichere Westen

„Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel“ sagt der Chef der Einheit, der vorhin seine sechs Streifenwagen-Besatzungen, die er aus dem Hauptquartier in Walldorf mitgebracht hat, für die rund fünfstündige Kontrolle vorbereitet hat. Über 75 000 Fahrzeuge brettern täglich über die A 8 zwischen Karlsbad und Pforzheim, die allermeisten unbescholtene Bürger.
Aber auch solche, bei denen selbst erfahrene Beamte wie Polizeihauptmeister Risch leicht nervös werden – wie damals, als es nicht Kommissar Zufall oder der Instinkt war, der sie auf die Spur eines Verbrechers brachte, sondern ein Ringalarm.

Im November 1998, erinnert sich Risch, hielten sie am Nieferner Hang hinter einem gesuchten Auto. Der Fahrer hatte es in einem dortigen Baustellenbereich abgestellt. Stark alkoholisiert, war er eingenickt. Was viel schlimmer war: Seine Kleidung, seine Hände waren voll Blut. Er hatte versucht, den Bekannten seiner Frau umzubringen. Neben ihm fanden die Polizisten eine schwere Pistole, Kaliber .45, sowie mehrere Magazine und etliche Messer. Risch weiß, weshalb er und seine Kollegen schusssichere Westen tragen.

Anfangsverdacht bestätigt

Keine Gefahr geht an diesem Morgen von einem jungen Mann aus, der ein Auto überführen will. Er wird gefilzt, sein Wagen ebenfalls. Der tragbare PC schluckt seine Daten, und was der Computer des BKA ausspuckt, bestätigt den Anfangsverdacht der Fahnder: Haile F. ist von einer Staatsanwaltschaft zur Aufenthaltsermittlung ausgeschrieben. Nach Aktenlage hat er sich nicht mit der Anklagebehörde in Verbindung gesetzt, die ihn wegen des Besitzes der im arabischen und ostafrikanischen Raum verbreiteten Droge Kat – junge Blätter eines bis zu 20 Meter hohen Strauchs, die gekaut werden und zu einem wohligen Rausch führen – im Visier hatte.

„Ist alles geklärt“, sagt Haile F. zu Lopianecki. Kann sein – oder auch nicht. Gefahr ist keine im Verzug, eine Festnahme nicht erforderlich. Die Sache wird weitergegeben. Das nächste Fahrzeug wartet.

Wird es – wie vor einiger Zeit bei Hockenheim geschehen – ein Lastwagen sein mit 30 geschleusten Chinesen auf der Ladefläche? Oder ein Auto, dessen Fahrer sofort nach dem Anhalten in den Wald flüchtete und im Fond illegal Eingereiste zurück ließ? Michael Braun, auch er Hauptmeister, ist „Giftler“ – so nennen sie polizeiintern die Frauen und Männer, die sich im Lauf der Jahre auf Rauschgift spezialisiert haben –, ein anderer Kollege Experte, was falsche Papiere angeht.

Aber jeder kann noch dazulernen. Da waren, erinnert sich Lopianecki, eigentlich gelernter Flugzeugmechaniker, die vier Männer vom Balkan, die sich mittels Chips und Motorradbatterie präpariert hatten, um Wegfahrsperren außer Gefecht zu setzen. Und da war noch der Zeitgenosse, dessen Aktenkoffer sie beschlagnahmten, weil ihnen der Inhalt – eine Batterie, zwei Funkantennen, ein Modul – suspekt vorkam. Ein Anruf beim Landeskriminalamt brachte die Bestätigung: Es handelte sich um einen sogenannten GMS-Jammer. Der legt jede Handy-Verbindung innerhalb von ein paar Hundert Metern lahm. „Haben wir ausprobiert“, sagt Lopianecki, „da lief nix mehr.“

In Deutschland ist die Importware streng verboten – mit gutem Grund: Auch Alarmanlagen von geschützten Objekten machen die Grätsche, wenn der Jammer aktiviert wird.

Kampf gegen Schmuggler und Schleuser

Nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden wird auf der A 5 und der A 6 Rauschgift aus den Niederlanden oder über die BalkanRoute transportiert. Die Ost-Route führt über die A 6 und A 8 – sie wird vor allem von Schleusern aus dem asiatischen Raum genutzt, die Südost-Route (A 7 und A 5) von Schleusern aus der Türkei und dem arabischen Raum.

So wichtig wie die Erfahrung und Intuition sind gezielte Fahndungsraster anhand aktueller Lagebilder aufgrund von Auswertungen durch das Landeskriminalamt. Dabei fließen Erkenntnisse über Methoden und aktuell frequentierte Reiserouten der Gangster in die Fahndung mit ein. In Zusammenarbeit mit der Bereitschaftspolizei, der Bundespolizei oder dem Zoll habe es im Jahr 2006, so Landespolizeidirektor Erwin Hetger vor einem halben Jahr, knapp 400 Einsätze gegeben, darunter 22 Großkontrollen (wo jeder Verkehrsteilnehmer überprüft und die Autobahn in einer Richtung gesperrt wird), 69 regionale Großfahndungen, 218 Einsätze bei örtlichen Bekämpfungskonzeptionen sowie 81 anlassbezogenen Kontrollen.

Die Fahndungsdienste im Land – sie wurden Anfang 2005 auf 60 Beamte aufgestockt, was einer Verdoppelung der Einsatzkräfte gleich kam – spürten im Jahr 2006 über 200 Kilo Rauschgift auf (was knapp 20 Prozent der gesamten Sicherstellungen in Baden-Württemberg entspricht). 992 Personen wurden festgenommen. Davon waren knapp 200 zur Fahndung ausgeschrieben, über 600 waren Illegale. Rund 80 Fahrzeuge wurden sichergestellt, die gestohlen waren oder als Schmuggeltransporter benutzt wurden. 77 Schusswaffen wurden ebenso sichergestellt wie 40 Kilo Sprengstoff.

Die Bilanz, so Hetger damals, habe bestätigt, dass „wir mit unseren spezialisierten Fahndern und professionellem Technikeinsatz international agierende Täter im wahrsten Sinne aus dem Verkehr ziehen können“. In den vergangenen Jahren habe das Land knapp 60.000 Euro in die Verbesserung der technischen Ausstattung gesteckt, darunter Endoskope zum Aufspüren von Schmugglerverstecken in Hohlräumen und Spezialausrüstungen zum Erkennen von gefälschten Dokumenten. ol