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01.06.2009

Durlacher Straße 6 wird zum sozialen Brennpunkt

PFORZHEIM. Das Wohnhaus an der Durlacher Straße 6 entwickelt sich zu einem sozialen Brennpunkt mitten in der Stadt: Die Polizei spricht von durchschnittlich zehn Einsätzen im Monat, regelmäßig muss auch die Feuerwehr anrücken. Bei der Polizei sieht man für das Problem derzeit keine Lösung.

My home is my castle. Wer sich in die Abgeschiedenheit der vier Wände zurückzieht und dies in einem der 64 Ein-Zimmer-Appartements an der Durlacher Straße 6 tut, der sieht sein Heim nicht als Schloss. Der ist froh, dass er als „Hartz-IV“-Empfänger ein Dach über dem Kopf hat. 26 Quadratmeter, 200 Euro kalt, 300 Euro warm, das Sozialamt zahlt. Alle Böden gekachelt – die Endreinigung geht so erheblich leichter vonstatten. Oder das Säubern zwischendurch, wenn mal wieder ein Hund einen Haufen gesetzt hat im Gang; oder jemand hat im Flur uriniert oder im Rausch den Kopf gegen die Wand gehämmert, dass Blut spritzte.

Zwei Millionen Euro investiert

Früher wurden hier Uhren montiert, dann stand der 1959 erbaute Komplex ein paar Jahre leer. Die EMG Group (Berlin) kaufte den knapp 900 Quadratmeter großen Industriebau und gab der Projektgesellschaft Immotime Real Estate zwei Millionen Euro in die Hand, um die ehemalige Fabrik einer anderen Bedeutung zuzuführen. Praktischerweise sitzen beide Firmen unter einem Dach an der Französischen Straße in Berlin.

Auch in Basel residieren zwei Unternehmen in ein- und derselben Adresse: die Immotime AG als Treuhandgesellschaft und die FHB Finanzhaus Basel Holding als Muttergesellschaft der EMG Group in Berlin.

Die Fäden zieht laut Schweizerischen Handelsamtsblatt der Deutsche Michael Köfeler – er besitzt auch gegenüber der Durlacher Straße 6 zehn Wohnungen, allerdings großzügigeren Zuschnitts – als einziger Verwaltungsrat und Zeichnungsberechtigter. Weiteren Selbstauskünften entzieht sich die Ein-Mann-Holding – Telefon, Fax, E-Mail, Webseite: alles nicht transparent. Nur das Grundkapital – 100 000 Franken – und der Zweck: „Der Erwerb, die Verwaltung und der Verkauf von Beteiligungen sowie die Durchführung von Finanzgeschäften aller Art. Die Gesellschaft kann Liegenschaften erwerben, halten und veräußern, Zweigunternehmen im Inland und Ausland errichten.“

Davon weiß keiner der Mieter, allerhöchstens Hausverwalter Günther Spinner, der von der Immotime Real Estate Anfang 2007 eingesetzt, um in Pforzheim den Laden am Laufen zu halten – und den Unmut der Anwohner in unmittelbarer Nachbarschaft auszuhalten.

„In manchen Nächten ist an Schlaf nicht zu denken“, sagt Karel S. (Namen geändert). Er wohnt im Haus nebenan. „Weil alles gefliest ist, hört man jedes Geräusch verstärkt – zum Beispiel, wenn leere Flaschen über den Boden kullern.“ Oder wenn bei einem Spiel der Fußball-Nationalmannschaft aus dem offenen Fenster die erste Strophe des Deutschlandliedes hallt. Oder Flaschen – auch mal ein Stuhl, ein elektrischer Wasserkocher oder ein Kochtopf – aus dem Fenster fliegt und auf Straße oder Bürgersteig kracht. S.: „Ich wart' bloß drauf, dass es mal einen Fußgänger trifft – der ist dann alle.“

Dass die Polizei von den genervten Anwohnern angerufen wird, ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel. „Die haben richtig Mitleid mit uns“, sagt S., „das hier ist Getto im Getto.“

Deshalb will Michael F., 27, auch raus aus der Ex-Fabrik. Eineinhalb Jahre wohnt er schon hier. Nach Jahren in Norddeutschland und Südeuropa ist er in seine Heimatstadt zurückgekommen. Drogen („aber jetzt bin ich clean“), Straftaten, zwei uneheliche Kinder, die bei der Mutter leben, keine Arbeit – welcher Vermieter will so einen wie den gelernten Gebäudereiniger? Den nimmt nur ur einer, der das Geld pünktlich von der Kommune überwiesen bekommen möchte.

Mit der Kamera festgehalten

F. zeigt Bilder und Videos auf seinem Laptop, aufgenommen in den Fluren, durch den Spion seiner Tür, die man erst jüngst aufgetreten hat, beim Blick aus dem Fenster. „Das da unten ist die Spurensicherung“, „da nehmen sie einen Verdächtigen mit“, „und das ist der Russe mit dem nackten Oberkörper, der aus der Wohnung rausgekommen ist, wo das mit der Frau passierte“ – es passiert viel im Haus. Das mit der Frau: Am 15. April erhält die Polizei einen Anruf. Eine Frau liege bewusstlos in einem der Appartements. Drei Männer sind bei der 45-Jährigen – alle schwer alkoholisiert, nicht vernehmungsfähig. Die Frau ist ohne Bewusstsein, stirbt einen Tag später im Krankenhaus an multiplem Organversagen. Es war nicht der erste Todesfall.

Vor ein paar Monaten stürzt sich Manfred J. aus dem Fenster in den Innenhof. Vorher hat er sich F. anvertraut, ein im Haus wegen seiner Gewaltausbrüche berüchtigter Mieter. Markus K., habe ihn – zusammen mit zwei Zechkumpanen – vergewaltigt. „Das hat er nicht verkraftet“, sagt Michael F. Im Januar wird K. vom Schöffengericht zu zwei Jahren Knast ohne Bewährung verurteilt, weil er im Suff einem 24-Jährigen mit einem Messer fast das gesamte Ohr abgeschnitten hat.

Am 14. Mai schließlich dringt Qualm aus einer Wohnung im ersten Stock. Man riecht bis in F.s Appartement, dass hier etwas nicht stimmt. Heftiges Klopfen an der Wohnungstür fruchtet nichts. Als die Feuerwehr eintrifft, ist sie weniger zimperlich. Der Mieter ist wieder aufgewacht durch den Lärm, hat nicht mitbekommen, wie die Herdplatte immer heißer wurde. „Irgendwann fackelt mal einer aus Versehen die Bude ab“, sagt K.

„Wir haben vielleicht drei, vier Mieter, die aus der Art schlagen – der Rest sind ganz normale ,Hartz-IV'-Bezieher. Die darf man nicht alle über einen Kamm scheren“, sagt hingegen der Verwalter, „das Problem sind nicht die Mieter, sondern die Leute, die sie mitbringen“ – Problemklientel aus dem Benckiser- park, vom Messplatz und unten von der Enz am Turnplatz.

Keine Lösung in Sicht

Durchschnittlich zehn Einsätze pro Monat fährt das Polizeirevier Nord. „Ein echter Schwerpunkt mitten in der Stadt“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Schick. Man habe für das städtische Ordnungsamt eine Zusammenstellung gefertigt. Eine Lösung sieht er nicht. Da ist er nicht der Einzige.