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Auch Besucher des PZ-Autorenforums haben schon die Erfahrung gemacht, dass die Patientenverfügung ihres Angehörigen von Ärzten schlicht ignoriert wurde. Von dieser unethischen Praxis handelt das Buch von Dr. Matthias Thöns. Seibel
01.02.2017

Ein Arzt, der Klartext redet: Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns füllt das PZ-Autorenforum

Freie Plätze? Die waren am Dienstagabend im PZ-Forum nicht mehr zu haben. Das Interesse an dem, was Dr. Matthias Thöns zu sagen hatte, war enorm.

Der 50-Jährige ist derzeit in Funk und Fernsehen ein gefragter Mann, weil er ein heißes Eisen zu seinem Thema gemacht hat: Das Geschäft mit dem Lebensende. Der Untertitel seines Buches „Patient ohne Verfügung“ ist so konkret und schonungslos wie das ganze Buch, das er im PZ-Autorenforum vorstellte. Thöns’ Kernthese: Viele Ärzte in Deutschland zocken Schwerstkranke durch eine überbordende Intensivbehandlung gnadenlos ab, indem sie den Willen der Sterbenden ignorieren – wohlwollend unterstützt von der Pharmaindustrie und den Krankenkassen.

Bildergalerie: Palliativmediziner Dr. Matthias Thöns im PZ-Autorenforum

Eines war dem Palliativmediziner aus dem nordrhein-westfälischen Witten wichtig, gleich zu Beginn seines Vortrags klarzustellen: „In Deutschland gibt es sehr viele gute Ärzte. Punkt.“ Aber es gebe eben auch die schwarzen Schafe, die längst nicht mehr nur Einzelfälle seien. Beispiele aus der Praxis ließ er folgen – zuhauf. Wie den Fall des 78-Jährigen, der mit gleich drei diagnostizierten tödlichen Erkrankungen reanimiert und mittels künstlicher Beatmung noch wochenlang am Leben gehalten wurde – sogar noch einen Tag über seinen Tod hinaus, weil der durch die Apparatemedizin nicht bemerkt wurde. Kostenpunkt: rund 200 000 Euro. Dass insbesondere die Intensivbeatmung ein lukratives Geschäft für Kliniken beziehungsweise ambulante Pflegedienste ist, legen Zahlen nahe, die Thöns nennt: Wurden 2003 noch 500 Schwerstkranke zu Hause intensivbeatmet, waren es zehn Jahre später bereits 15 000 – 30 Mal so viele.

Dass der 78-Jährige eine Patientenverfügung hatte, mit der er genau das verhindern wollte, interessierte den Intensivpflegedienst nicht. Eine von Thöns selbst durchgeführte Befragung mithilfe einer fingierten Geschichte, bestätigt diesen Eindruck: Satte 90 Prozent der 254 von ihm angeschriebenen Dienste hätten seinen erfundenen schwerstkranken Onkel trotz Patientenverfügung und dem damit verbundenen Rechtsbruch mittels künstlicher Beatmung im Wachkoma „am Leben“ gehalten.

Thöns belegt anhand von Zahlen und Fällen aus der Praxis, dass dieses dreiste Geschäftsgebaren mit sterbenden Menschen viele medizinische Gesichter hat: In Deutschland werden so viele Herzkatheter verlegt wie nirgendwo sonst, in Sachen Sterblichkeit nach Herzinfarkt aber liegt die Bundesrepublik auf dem viertletzten Platz der Industriestaaten. Zufall? Nein, sagt Thöns, sondern teure Operationen an schwerkranken Herzpatienten, denen ein Katheder nicht (mehr) hilft. Dasselbe wirtschaftliche Prinzip beobachtet er auch im Bereich der Chemotherapien. Selbst in sehr fortgeschrittenen Krebsstadien verordneten Ärzte diese teure Behandlung.

Was also tun als Laie, wenn der Arzt sagt, die Therapie hilft? Thöns rät in solchen Fällen immer zur Zweitmeinung, beispielsweise vom Hausarzt. Der kann sich in gewachsenen lokalen Strukturen durchaus auch mit der Klinik in Verbindung setzen. Thöns rät ferner, Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht sehr detailliert zu fassen. Beide Dokumente sind ohne notarielle Beurkundung rechtswirksam. Wenn all das nicht hilft und der Arzt sich über die Patientenverfügung hinwegsetzt, bleibt dem Angehörigen laut Thöns nur der Gang zum Anwalt.