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Auf den Tag genau vor einem Jahr trat Gert Hager die Nachfolge von Christel Augenstein als Pforzheimer Oberbürgermeister an. An diesen Tag erinnert die Ausgabe der "Pforzheimer Zeitung" in seiner Hand.  © Ketterl
Ein Jahr im Amt: Oberbürgermeister Gert Hager hatte gleich zu Beginn mit Katastrophenmeldungen über den Schuldenstand der Stadt Pforzheim zu kämpfen. © Seibel
22.07.2010

Ein Jahr OB Hager: „Da ist noch Luft nach oben“

PFORZHEIM. Ein undankbares Erbe hat Gert Hager bei seinem Amtsantritt als Pforzheimer Oberbürgermeister vor einem Jahr am 23. Juli 2009 angetreten. Der Kulturdezernent hatte im zweiten Wahlgang die amtierende Oberbürgermeisterin Christel Augenstein abgelöst. Und gleich zu Beginn seiner Amtszeit kam es knüppeldick: Das Derivate-Debakel tat sich auf, die Ausgaben stiegen exorbitant, die Wirtschaftskrise schlug voll durch. Glaubt Hager, Tritt gefasst zu haben? Wie blickt er in die Zukunft? 

Bildergalerie: Interne Amtseinführung von OB Gert Hager

Bildergalerie: Glückwünsche an Hager zur OB-Amtseinführung - Teil 1

PZ: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie Ihrer Vorgängerin Christel Augenstein begegnen?
Gert Hager: Wir grüßen uns ganz normal. Frau Augenstein war schließlich acht Jahre lang Oberbürgermeisterin.

PZ: Sie haben von Ihrer Vorgängerin eine schwere Bürde übernommen. Das war vor einem Jahr in dieser Tragweite nicht zu erwarten gewesen. Wie soll das wieder etwas werden mit Pforzheim?
Hager: Wir sind auf einem guten Weg. Ich nenne als Beispiele den in Kürze erfolgenden Ausstieg aus den Derivate-Geschäften, den frisch verabschiedeten Haushalt, der Sparen und Investieren gleichermaßen in sich birgt sowie die neu ausgerichtete Wirtschaftsförderung.

Bildergalerie: Glückwünsche an Hager zur OB-Amtseinführung - Teil 2

Bildergalerie: OB-Wahl in Pforzheim: Freude bei Gert Hager

PZ: Wenn Sie Ihre persönliche Leistungsbilanz nach einem Jahr ziehen – was steht da ganz oben?
Hager: Zum einen, dass die Bürger das Gefühl haben, ernst genommen zu werden, in Entscheidungen mit einbezogen und auch gebraucht zu werden wie im Wartbergbad. Zum anderen ist da eine neue Ebene der Partnerschaft mit den Wirtschaftsunternehmen.

PZ: Viele Menschen warten darauf, dass sich sichtbar etwas tut, zum Beispiel beim Verkehr. Wann ist es soweit?
Hager: Die Ämter arbeiten mit Hochdruck daran, den Innenstadtring zu überplanen. Er wird 19 Knotenpunkte beinhalten. Nächstes Jahr geht das Ganze in die Umsetzung, und fertig gestellt wird er voraussichtlich 2011/2012. Das wird genauso ein Quantensprung wie der Zentrale Omnibusbahnhof, der ebenfalls 2012/2013 fertig sein soll. Weiter entfernt ist die Querspange in der Nordstadt auf einigen Gleisen der Bahn. Hier ist keine Zeitprognose möglich – wir sind in Gesprächen mit der Bahn. Es wird um Summen in mehrfacher Millionenhöhe gehen. Auch die Umgestaltung der Zerrennerstraße kann erst in den nächsten Jahren angegangen werden.

PZ: Welche Perspektiven ergeben sich für die Innenstadt?
Hager: Für die Parkplatz suchenden Autofahrer ist ein entsprechendes Leitsystem enorm wichtig. Wir müssen das Umland stärker nach Pforzheim reinholen und um unsere Kunden werben – gerade um gute Kunden. Dann erledigt sich manches wie zum Beispiel mit den Billigläden von selbst. Es war ein Riesenfehler in der Vergangenheit, die Verkehrsverbindungen zum Enzkreis einzuschränken und die Schüler aus den umliegenden Gemeinden quasi rauszuwerfen aus Pforzheimer Schulen. Ich will ein neues Verhältnis zum Umland entwickeln – und das ist keine Einbahnstraße. Das Umland profitiert ja ebenso von einem erstarkenden Oberzentrum. Es geht in beiderseitigem Interesse darum, zusammen zu arbeiten.

PZ: Apropos Zusammenarbeit – da gibt es immer noch den Gemeinderat . . . Muss sich die CDU nicht im Hinblick auf die nächsten Kommunal- und OB-Wahlen stärker profilieren, und geht das zu Lasten des SPD-Oberbürgermeisters?
Hager: Ich sage ganz deutlich, mit dem Gemeinderat ist eine gute Zusammenarbeit möglich. Es geht heute um Grundsatzfragen, beispielsweise das Zusammenfügen von Detailplänen zu einem Masterplan. Der Stadtentwicklungsplan Step war vor einigen Jahren der richtige Ansatz. Nur die Umsetzung war falsch. Niemand kann es sich leisten, sich einer Vorwärtsentwicklung zu verweigern. Was die Profilierung angeht: Die nächsten Kommunalwahlen finden erst in vier, die nächste OB-Wahl findet in sieben Jahren statt . . . Und was mein Amt betrifft: Ein Oberbürgermeister darf ohnehin nicht parteipolitisch denken.

PZ: Wie geht es mit dem Wartbergbad weiter?
Hager: Nächstes Jahr werden wir bewerten, wie das Wartbergbad funktioniert. Aber davon einmal abgesehen, ist die jüngere Geschichte um den Erhalt des Bad-Betriebes ein ermutigendes Zeichen, das weit über das Badevergnügen hinaus geht. Es war und ist ein Schritt in die Bürgergesellschaft. Es geht ein Ruck durch Pforzheim. Stadt und Bürger arbeiten Hand in Hand – eine tolle Sache.

PZ: Wie will die Stadt finanziell wieder auf die Beine kommen?
Hager: Mir wäre es lieber gewesen, die Stadt hätte die Millionen von Euro für Investitionen ausgegeben statt für Casino-Spiele. Wir sind, nebenbei bemerkt, guten Mutes, dass wir nach den jüngsten Urteilen einzelner Gerichte gegenüber den Banken immer bessere Karten haben. Wir haben sicherlich noch drei bis vier harte Jahre vor uns, und Mittel für Wohlfühlprogramme wird es keine geben. Aber die Wirtschaft zieht seit November an. Das findet natürlich nicht von jetzt auf nachher seinen Niederschlag, aber wir sind zuversichtlich. Im Buchbusch wird Ende 2012/Anfang 2013 eines der größten Gewerbegebiete in Baden-Württemberg mit 45 Hektar entstehen. Wir schaffen so Rahmenbedingungen für die Wirtschaft. Wir schaffen auch Rahmenbedingungen für die Kultur – ich bekenne mich ohne Wenn und Aber zur Beibehaltung des Drei-Sparten-Theaters. So genannte weiche Standortfaktoren werden immer mehr zu harten Niederlassungskriterien. Wir stehen in natürlicher Konkurrenz zu Karlsruhe als Technologieregion, Ulm als Wissenschaftsstandort oder Ludwigsburg als Stadt für Film und Medien.

PZ: Achim Rummel, scheidender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer, fordert von der Verwaltung, die analytische Phase zu verlassen und Dinge jetzt schnell umzusetzen. Welches könnten die ersten Maßnahmen einer solchen Umsetzung sein?
Hager: Wir können nicht plötzlich den Schalter umlegen – über 30 Jahre lang hat man auf den Strukturwandel kaum reagiert und die notwendigen Maßnahmen nicht vollzogen. Die Wirtschaftsförderung wurde inhaltlich in den vergangenen Monaten neu aufgestellt zum Beispiel mit Blick auf die Präzisionstechnik. Es entsteht eine völlig neue Zusammenarbeit mit den Unternehmen. Goldstadt ist eine eingeführte Marke – aber wir müssen gerade mit Blick auf die Designer die Zusammenarbeit mit der Hochschule intensivieren. Auch was Unternehmensgründungen angeht – Stichwort zehn Jahre Innotec –, gibt es noch Luft nach oben.

PZ: Ganz anderes Thema – Iraker. Niemand weiß so richtig, woran es liegt, dass Pforzheim so attraktiv für diese Migrantengruppe ist. Entsprechend hoch gingen in den vergangenen Wochen die Wogen. Was ist letzter Stand?
Hager: Zunächst einmal gilt festzuhalten, dass diese Menschen als anerkannte Flüchtlinge das Recht der freien Wohnortwahl haben, das kommt oft nicht so rüber in der Öffentlichkeit. Wir müssen die Leute integrieren – vom Analphabeten bis zum Uni-Professor. In Berlin ist das Problem bekannt, ich habe es bei einem Gespräch mit dem Staatssekretär besprochen. Nach den Sommerferien werden wir bis Ende des Jahres ein Musterkonzept entwickeln und nach Berlin schicken. Pforzheim wird dann Modellprojekt für die Integration von irakischen Migranten.

PZ: Stichwort Kultur – Sie haben gesagt, das Drei-Sparten-Haus stehe außerhalb der Diskussion. Es gibt ein anderes Aushängeschild der Goldstadt, das Südwestdeutsche Kammerorchester. Nachdem Sebastian Tewinkel eine Professur in Trossingen erhalten hat und sein Vertrag geändert wurde – begeben Sie sich nun auf die Suche nach einem neuen Chefdirigenten?
Hager: Wir werden verschiedene Gast-Dirigenten nach Pforzheim holen. Mehr kann ich dazu im Augenblick nicht sagen. Wir sind ganz am Anfang. Ich möchte Sebastian Tewinkel danken, dass er durch sein weiteres Engagement einen weichen Wechsel möglich macht.

PZ: In welchen Ligen wird Pforzheim zur Halbzeit Ihrer Amtsperiode sportlich mitspielen?
Hager: Hoffentlich in möglichst vielen. Sie spielen sicherlich auf die Fusion von FCP und VfR im Fußball an. Man darf nicht erwarten, dass es nun in kurzer Zeit nach oben geht. Aber die Basis ist gelegt. Ich bin guten Mutes, dass wir mit dem CfR irgendwann in der fünften oder vierten Liga spielen.

PZ: Wo wird dann die Stadt stehen?
Hager: Sie wird sich wirtschaftlich, in der Bildung und Infrastruktur nach vorne entwickelt und finanziell andere Spielräume haben.

PZ: Sie haben gerade am vergangenen Wochenende jede Menge Termine gehabt – wie halten Sie sich körperlich fit?
Hager: Ich mache Lauftraining. Außerdem kann ich im Kreise meiner Familie auftanken. Dafür bin ich ihr sehr, sehr dankbar.

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