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Zeitungmacher aus Amerika  auf Visite beim Zeitungmacher von Pforzheim. PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer schenkt Werner Baroni (rechts) das Buch „Die Geschichte der Deutschen in Amerika“.
Zeitungmacher aus Amerika auf Visite beim Zeitungmacher von Pforzheim. PZ-Verleger Albert Esslinger-Kiefer schenkt Werner Baroni (rechts) das Buch „Die Geschichte der Deutschen in Amerika“.
16.06.2010

Ein Pforzheimer ist „back in town“

Seit zehn Jahren ist er nicht mehr hier gewesen. Länger als je zuvor. Aber jetzt ist er „back in town“ – zurück in Pforzheim. Zu groß war das Heimweh! Fünf Wochen hat er sich Zeit genommen, um alte Freunde und Bekannte zu besuchen: „Bloß i komm’ net rom!“. Wie er da so sitzt und spricht, so Pforzemerisch ohne jeden Unterton, fällt es schwer zu glauben, dass Werner Baroni seit 53 Jahren in Amerika lebt.

Er war im Nachkriegs-Pforzheim der erste und tüchtigste Zeitungsreporter, ein Hansdampf in allen Gassen. Als er 1957 – gerade dreißig – nach Chicago auswanderte, fand er unter den einst 300 deutschsprachigen Zeitungen in den USA ein reiches Betätigungsfeld. Heute sind es gerade noch drei Blätter, die in seiner Muttersprache erscheinen, darunter die „Amerika Woche“. Mit seiner im Vorjahr verstorbenen Frau Edith hat er das Blatt einst gegründet, zu großer Blüte gebracht und schließlich verkauft, um sich nach einem umtriebigen Berufsleben im Sonnenstaat Florida, auf Marco Island, zur Ruhe zu setzen.

Verlässlicher Korrespondent

Für seine qualifizierten journalistischen Beiträge, mehr aber noch wegen seines großen Engagements um die atlantische Freundschaft ist Werner Baroni gleich dreimal mit dem Friedrich-List-Preis ausgezeichnet worden. Für die Deutsche Presse-Agentur war er ein verlässlicher Korrespondent und kluger Interpret.

„Ich bin immer wieder begeistert von meiner Heimatstadt“. Dass sie im Lauf der Jahrzehnte ihr Gesicht verändert hat, im Guten wie im Schlechten – Werner Baroni sieht es mit der Gelassenheit eines Zeitungsmannes, dem auch die hintersten Ecken dieser Welt nicht fremd sind. Bei der Fahrt durch die Stadt kommen teils wehmütige Erinnerungen auf. Zu tief sitzt das Erleben jener Bombennacht des 23. Februar 1945. Und so führte ihn ein erster Weg auch hinauf auf den Wallberg, zu den Stelen: „Da wird man für Minuten das Frieren nicht los!“, berichtet er. Und so ist alles – auch 53 Jahre nach dem Weggang – noch sehr präsent. Jede Straße ist ihm geläufig; nur den Reitturnierplatz drunten am Kanzlerweg, wo er einst Rugby spielte, findet er nicht mehr. Und mit Staunen sieht er, wie sich das Garnisonsgelände auf dem Buckenberg verändert hat und wie schön die Hochschule dasteht.

Lebhaft sind seine Erinnerungen an die Pforzheimer Jugend in den Vierzigerjahren, präsent die „Blutsbrüderschaft im Kämpfelbachtal“, „das Wiesle in der Nordstadt, das einem Brandweiher weichen musste“ und die engen Familienangehörigen, die als politisch untragbar galten und von den Nazis mehrfach in Gestapohaft genommen wurden.

Weil man als Pforzheimer immer Pforzheimer bleibt, hat Werner Baroni 1968, als der Tornado seine Heimatstadt verwüstete, mit seiner „Amerika Woche“ im Verein der Auslandspforzheimer über 100 000 Mark gesammelt und in die alte Heimat überwiesen.

Vor der Abreise

„Vadder, so wie ich Dich kenn’, wirst du nicht mehr zurückkommen.“ Tochter Susanne, in Milwaukee wohnhaft, hat es dem Vater vor der Abreise prophezeit. Und in der Tat: „Ich könnte mir vorstellen, auf meine alten Tage wieder umzusiedeln“, sagt Werner Baroni und denkt dabei an das schöne Haus mit dem großen Swimmingpool im sonnigen Florida. Es ist einsam geworden, seit seine Frau Edith – einst eine kongeniale Lebensgemeinschaft – nicht mehr bei ihm ist. Zwar gibt es auch am Golf von Mexiko genug deutsche Clubs, aber die langweilen ihn zusehends: „Mit denen kann man stundenlang über die Bundesliga reden, aber nicht über Theater oder Kultur. Da fehlt mir was!“, klagt Werner Baroni, der mit seiner „Amerika Woche“ einst die deutsche Szene in den USA „voll im Griff“ hatte.

So leicht wird es Werner Baroni allerdings nicht fallen, seine Banden zu einem Land zu kappen, welches ihm so hervorragende berufliche Perspektiven bot. Und dann sind da noch seine drei Kinder mit ihren Familien, alle fest verankert im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Der jüngste Sohn Stefan, ein Computerspezialist, hat ihn mit seiner Familie gerade für einige Tage in die alte Heimat begleitet. Werner Baroni hat ihnen, den beiden studierenden Enkeln im Besonderen, auch Speyer, Straßburg und Stuttgart gezeigt. In der Region Stuttgart habe es ihnen am besten gefallen – wegen Mercedes-Museum, Fernsehturm und Ludwigsburger Schloss.

Auch in Marco Island – ein Küsten-Städtchen mit 15 000 Einwohnern, über dessen schmale Festlandbrücke sich in Ferienzeiten aber 35 000 Autos quälen – hat die Wirtschaftskrise ihre Spuren hinterlassen. „Die Lage am Immobilienmarkt ist katastrophal, und der Staat Florida entlässt gerade 15 000 Highschool-Lehrer“, berichtet Baroni, der auch mit Präsident Obama ein Problem hat: „Ich warte immer noch darauf, dass er auch nur eines der Ziele wahr macht, die er uns versprochen hat.“ Immer schon ein „Independent“ – ein Parteiloser –, hat das Pforzheimer Urgestein noch nie einen Republikaner oder Demokraten gewählt: „Ich bin eine absolute Minderheit, weil ich der Meinung bin, dass Amerika drei Parteien braucht!“

Während Bruder Arno Baroni, 81 und an den Rollstuhl gefesselt, mit seiner Frau Irma im südafrikanischen Mossel Bay auf den Indischen Ozean blickt, nagt das Heimweh und nach Jahrzehnten am Kap quält unverändert die Frage „Sollen wir bleiben?“. So wird Werner Baroni weiter seine alte Heimat erkunden und dabei viele Freunde treffen. Es wird dabei gesellig zugehen, denn eines hat der Zeitungsmann aus den USA diesmal ganz deutlich festgestellt: „Das Essen hier ist viel besser als in Florida und viel billiger!“ Mal sehen wie schlussendlich die Entscheidung ausfällt – Marco Island oder Pforzheim? Am Essen wird’s nicht liegen! amk