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Die Zimmervermittlung Airbnb zeigt auf einer Karte an, welche Zimmer verfügbar sind. Auch in Pforzheim gibt es über ein Dutzend Möglichkeiten, privat unterzukommen. Foto: Seibel
Die Zimmervermittlung Airbnb zeigt auf einer Karte an, welche Zimmer verfügbar sind. Auch in Pforzheim gibt es über ein Dutzend Möglichkeiten, privat unterzukommen. Foto: Seibel
09.12.2016

Eine Nacht bei fremden Freunden: Airbnb immer beliebter - Auch in Pforzheim

Warum nicht im Urlaub privat übernachten? Das wollen immer mehr Touristen. Privatzimmervermittlungen wie Airbnb werden immer beliebter – auch in Pforzheim.

Andere Städte und Länder sind faszinierend. Doch auch nach dem interessantesten Tag in der Fremde muss man abends einfach ins Bett. Lange Zeit schien es für die Übernachtung auf Reisen nur eine Möglichkeit zu geben: sich in ein Hotel oder eine Ferienwohnung einzumieten. Doch seit einiger Zeit gibt es eine Alternative zur Hotelübernachtung: Private Zimmervermittlungen wie Airbnb werden immer beliebter.

Dabei bieten Privatleute Gästezimmer oder ganze Wohnungen zur Übernachtung an. Wann und wo eine Unterkunft frei ist und was sie kostet, lässt sich über eine Internetseite feststellen. Auf einer Karte zeigt ein rotes Etikett den Standort möglicher Wohnungen an. Auch in Pforzheim gibt es genug Auswahl. Für 22 Euro pro Nacht ist ein „kleines, ruhiges Zimmer mit Balkon“ in der Südstadt zu haben – und für 100 Euro steht fünf Personen eine ganze Dreizimmerwohnung in Dillweißenstein zur Verfügung.

Airbnb ist also auch in Pforzheim angekommen, noch ein gutes Dutzend andere Wohnungen steht zur Auswahl. Doch wer nutzt das Angebot – und was für Menschen stellen ihre privaten Räume für Fremde zur Verfügung?

Die Recherche ist nicht einfach. Der Kontakt zwischen Mieter und Vermieter soll exklusiv über die Plattform laufen – so will es Airbnb. Handynummern, E-Mail-Adressen werden zensiert. Schließlich will das Portal nicht, dass die Unterbringung privat geklärt wird – und Airbnb die Vermittlungsgebühr von rund zehn bis 20 Prozent entgeht. Auch wenn die Kontaktaufnahme geglückt ist: So wirklich gerne reden die Gastgeber nicht über ihren Zusatzverdienst. „Ich beantworte Ihre Fragen“, heißt es, „aber ich möchte nicht genannt werden.“

Ähnlich geht es einem jungen Paar, das seine Wohnung gerne öffnet. Auch sie möchten ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Was aber die Faszination von Airbnb ausmacht, können sie sagen. Erst waren sie Kunden des Portals. Der Grund für die private Unterkunft? Das junge Kind kommt mit auf Reisen – und will versorgt werden. Doch wo wärmt man so einfach einen Brei auf für den Kleinen im Hotel? Besser geht das, wenn man privat untergebracht ist. Die junge Familie reist gerne, nach dem Ende des Studiums auch viel. Durch die Länder Asiens, oder mit dem Auto durch Osteuropa.

Bei ihrer Tour nach Shanghai zeigt sich, was den Reiz der privaten Zimmer ausmacht. „Wir haben eine Woche bei einem Pärchen gewohnt“, sagt Felix (alle Namen geändert). Schlafzimmer an Schlafzimmer – und das Bad geteilt zwischen den beiden Familien. „Diese Art der Unterbringung hat uns gefallen.“ Dass man eben mitbekommt, wie die Einheimischen wohnen, was da an den Wänden hängt und in den Schränken steht – nicht wie im Hotel, wo die kleine Seife am Waschbecken überall gleich aussieht.

Nicht für Jedermann

„Es gibt Dinge, die würde man im Hotel nie erleben“, sagt Felix. Mit dem jungen Paar aus Shanghai verstehen sich auch die Pforzheimer gut – und: Man hilft sich. „Wir wollten zum Baumarkt, und unsere Gastgeber haben uns dann einfach hingefahren.“ Es ist eben eine Typenfrage, ob man diese Art des Reisens mag.

Wirklich entscheidend billiger ist das Reisen mit Airbnb nicht. Und so ist es auch nicht das Geld, das Felix und Johanna dazu bewogen hat, ihre Pforzheimer Wohnung zur Verfügung zu stellen. Es läuft gut. Die beiden sind faktisch ausgebucht. „Wir haben so circa 25 Übernachtungen pro Monat.“ Mit dem Handy in der Tasche weiß Felix immer, wenn sich ein neuer Gast ankündigt. Die Terminplanung erledigt Airbnb – für das Auskommen mit den Gästen sind Felix und Johanna selbst verantwortlich.

Da gibt es einen wirklich großen Raum in ihrer Wohnung, mit rot gestrichenen Wänden, Gitarren in der Ecke, einem Schlagzeug und einem Billardtisch. Hier findet das Familienleben statt. Wenn es Gäste gibt, steht auch denen das Wohnzimmer zur Verfügung – genauso wie die Küche. Ein eigenes Schlagzimmer gibt es dazu und auch eine eigene Toilette.

Wer kommt denn nach Pforzheim und nutzt das Angebot von Airbnb? Felix und Johanna machen erst seit einigen Monaten mit – genug erzählen können sie trotzdem. Zwei Magneten wirken in Pforzheim, die anziehend sind für die Gäste. Die Wirtschaft der Stadt und auch der Umgebung lockt Fachkräfte an: Praktikanten, Arbeitssuchende oder solche, die sich fortbilden in der Goldstadt. Selbst in Berufsgruppen, die man nicht erwartet hätte. „Einer unserer Gäste war Friedhofsgärtner“, sagt Felix. Der Pforzheimer Hauptfriedhof scheint bekannt in der Friedhofsgärtnerszene – und lernen lässt sich auch an ihm. „Dieser Gast wollte die Gärtnerei seiner Eltern übernehmen und hat hier in Pforzheim ein Praktikum gemacht.“ Auch die Gäste mit dem längsten Aufenthalt kamen, um sich fortzubilden. Eine junge Familie – mit Vater, Mutter und Kind – war rund einen Monat in Pforzheim zu Gast. Der Vater hat Atomkraftwerke dekonstruiert – und sich auf der Wilferdinger Höhe weitergebildet. Und während er weg war, waren Mutter und Kind eben in ihrem Zuhause auf Zeit – und haben sich recht wohlgefühlt. „Wenn Gäste länger bleiben, entwickelt sich schon eine gewisse Beziehung“, sagt Felix.

Vertrauen ist nötig

Zusammen ausgegangen seien Gäste und Gastgeber oder sie hätten zusammen gekocht. Warum fällt es Felix und Johanna so leicht, auch die eigene Wohnung zu teilen? „Wir haben vielleicht überdurchschnittliches Vertrauen in Menschen“, sagt Felix. Aus Geldsorgen heraus teilen die beiden Pforzheimer ihr Zuhause nicht. „Wir verdienen gut genug. Aber Gäste zu haben macht uns einfach Spaß“. Auch solche, die an zweiter Stelle in die Goldstadt strömen: Studenten. Wenn das neue Semester ansteht und WGs beschaut werden wollen, sind es Studenten, die in den ersten Tagen ihres Aufenthalts bei Felix und Johanna unterkommen. „Die wollen eben nicht fünfmal von Berlin oder so nach Pforzheim pendeln und schauen sich in ein paar Tagen direkt viele Wohnungen an.“ Selbst die Studenten seien pflegeleicht; Klagen kann das junge Paar generell nicht über Gäste. Das Schlimmste, was ihnen je passiert ist? „Eine Gruppe hat das Zimmer nicht ganz sauber hinterlassen“, sagt Felix. „Aber das war eine Sache von Minuten, das wieder sauber zu bekommen.“ Ist Airbnb also etwas für Jedermann? Das wohl weniger; eine bestimmte Persönlichkeit scheint hilfreich zu sein. „Man muss sich absolut im Klaren darüber sein, dass man mit Menschen zusammenwohnt, die man nicht kennt“, sagt Felix. Dafür bedarf es wohl einer besondere Einstellung zum Leben. „Man braucht Vertrauen“, sagt Felix – und setzt darauf, dass andere ähnlich denken.