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„Dafür hat mein Großvater 50 Goldmark gezahlt“: Ellen Eberle zeigt die Einbürgerungsurkunde ihrer Familie. Foto: Klimanski

Ellen Eberle: Dienstälteste Stadträtin vor dem Ausscheiden bei der Kommunalwahl

Da sitzt sie nun, zu Hause in ihrer Wohnung in Sichtweite der Nordstadtschule, und ist zu mehr Untätigkeit verdammt, als es ihr lieb ist. Ellen Eberle, SPD-Stadträtin seit 1976, pensionierte Kriminalpolizistin, Mutter, Oma und Pforzheimerin mit Leib und Seele. Wobei der Leib die 80-Jährige in den letzten Jahren immer häufiger und zuletzt ziemlich durchgängig im Stich gelassen hat, wenn es darum geht, ihr die Präsenz in der Stadtpolitik zu ermöglichen. Knochen, Gelenke, Muskeln wollen nicht mehr so recht. Monatelang war sie in Behandlung, in Krankenhäusern und Reha. Vom Kopf her aber immer mit dabei, wie sie sagt.

Zuletzt, im Vorfeld der Gespräche über den Haushalt, hat sie sich per iPad in die Beratungen ihrer Fraktion eingeschaltet. „Ich hatte vorgestern einen Anfall von Aktivität“, sagt sie selbst dazu – und dass sie diesen nun durch Schmerzen büßt. Für mehr Schulsozialarbeit verkämpft sie sich, für Sportförderung. Auf privater Ebene arbeitet sie daran, zwei Wohnungen in der Südweststadt für alleinerziehende Mütter nutzen zu können. Und es ist ihr wichtig, ist Grundlage ihrer Haltung, auf Menschenwürde hinzuweisen, unabhängig von der Herkunft des Einzelnen. Dass die meisten irgendwo Eingewanderte sind: In ihrer eigenen Familie kann die SPD-Frau es belegen. An der Wand hängt die Einbürgerungsurkunde ihrer Großeltern Karoline und Christian Gottlieb Ippich, die damals noch Aufnahmeurkunde hieß, ausgestellt vom Großherzogtum Baden im September 1918. „Die Freigabeurkunde vom König von Württemberg habe ich auch noch“, sagt Eberle.

Arbeitsplatz war Bedingung

Streng ging es damals zu, als der Arbeitsmigrant Christian Ippich mit Frau und zwei Kindern, Emilie und Martha-Klara (Ellen Eberles Mutter), nach Pforzheim zog. Eine Wohnung musste er nachweisen und einen Arbeitsplatz, aber den hatte er ja, als Steinmetz bei der Firma Braun, die es heute noch gebe – Verwandschaft ihres Stadtratskollegen Carol Braun, sagt Eberle. Dann durfte Ippich herziehen, aus dem damals württembergischen Oberderdingen. Ihr Opa war der jüngere von zwei Söhnen eines Steinbruchbesitzers und musste gehen, der ältere erbte alles – vermutlich kann man solche Geschichten heute bei anderen Einwanderern wieder finden. „Ich habe vorher ein paar junge Männer beobachtet“, sagt Eberle, die hätten Baumaterial zur Nordstadtschule getragen, aber da sei keiner ein typischer Deutscher gewesen. Fleißig gearbeitet hätten sie, das sei zu sehen gewesen.

Auch bei der Rückführung abgelehnter Asylbewerber gilt es für sie, einen grundlegenden Respekt vor der Menschenwürde zu wahren – vor den Polizisten, die diese Flüge zu begleiten hätten und für die das alles andere als Vergnügungsreisen seien, sondern menschlich harte Belastungsproben. Aber auch vor denjenigen, die ihren Traum vom besseren Leben in Deutschland aus den Fenstern des Flugzeugs in der Ferne entschwinden sehen, während sie als Gescheiterte schmachvoll in eine nicht selten gefährliche Existenz zurückkehren. „Schüblinge“, heißen diese Abgeschobenen im Behördenjargon. Für die 80-jährige Sozialdemokratin verträgt sich diese Bezeichnung nicht mit dem Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes. Bei aller Einsicht in Notwendigkeiten der Realpolitik, die sie sich zugute hält, auch zwei Monate vor der Kommunalwahl, bei der sie nicht mehr antritt. Denn auch das ist, einem Lebenszeichen gleich, die Botschaft, die sie senden will: Mit ihr ist zu rechnen bis zum Schluss.