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Einheizer: Ralf Foggenreiter gibt den Takt vor. Rund 6000 Menschen verfolgen im Enzauenpark das Spiel. Foto: Ketterl
Die Hände zum Himmel. Nach dem 2:1 bricht im Enzauenpark Jubel aus. Foto: Ketterl
Zwischenfall: Berittene Polizei schreitet mit Security nach einer Pöbelei ein und entfernt vier Fans vom Gelände. Foto: Ketterl
Groß und Klein im Fußballfieber: Oliver, Malie und Melanie Schneider aus Pforzheim. Foto: Ketterl
Drücken der schwedischen Elf die Daumen: Päivi, Erik, Emelie, Albin, Elias, Johanna, Annabell und Ylva Ureland, Lehrerin am Pforzheimer Kepler-Gymnasium (von links). Foto: Ketterl
24.06.2018

Entsetzen, dann grenzenloser Jubel bei den deutschen Fans im Enzauenpark

Pforzheim. Schon erstaunlich: Vor Beginn des nervenstrapazierenden WM-Spiels gegen Schweden hatte der elfjährige Jona aus Ersingen beim Public Viewing im Enzauenpark das 2:1 für die deutsche Nationalelf ebenso sicher vorher gesagt wie die beiden Freundinnen Fabienne Dietz (17) aus Niefern und Chantal Schneider (18) aus Ötisheim.

Bildergalerie: Fans bejubeln Deutschland-Sieg in der Innenstadt

Glückloser Auftakt, vertane Torchancen, dann das verletzungsbedingte Ausscheiden von Sebastian Rudy: Bei der Einwechslung von Ilkay Gündogan in der 31. Minute gibt es vom überwiegend sehr jungen Pforzheimer Publikum für den deutsch-türkischen Mittelfeldmann aufmunternden Applaus statt kränkender Pfiffe. Blankes Entsetzen folgt jedoch beim frühen Rückstand durch Schwedens Ola Toivonen. Doch trotzig werden im Enzauenpark schwarz-rot-goldene Fahnen geschwungen – und eine einzige kroatische.

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Die zweite Halbzeit beginnt gut. Hörbares Aufatmen im weiten Rund nach dem Ausgleich durch den Dortmunder Marco Reus in der 48. Minute. Irgendwo in der Menschenmenge steht – in eine Deutschlandfahne gehüllt – Gagan Kohli. Er studiert wie seine Freunde im vierten Semester Internationales Management an der Hochschule Pforzheim – und trägt den orangeroten Turban eines Sikh zur deutschen Fahne.

„Anfangs“, so erzählt er, „war die deutsche Sprache sehr schwierig für mich“. Er stammt aus dem zentralindischen Nagpur, wo Hockey den sportlichen Alltag bestimmt, aber inzwischen ist er ein Fan des hiesigen Fußballs. Noch ein auffälliger Kopfputz: Denis Flohr aus Büchenbronn kombiniert das Trikot Timo Werners mit der schwarz-rot-goldenen Perücke eines Irokesen. Der 26-Jährige tippt zu hoch: 4:1 für „Die Mannschaft“.

Nahe beim Restaurant, im vorderen Teil des Biergartens „Enzauenpark“ drücken hingegen einige Fans der schwedischen Elf die Daumen. Beim Outfit von Johanna (7), Annabell (36) und Emelie (8) standen Sonnwendfeiern und Pippi Langstrumpf gleichermaßen Pate. Als die deutschen Stürmer – Müller, Reus, Werner und Brandt – serienweise Chancen versemmeln, werden die deftigen Flüche eines frustrierten Ungarn immer lauter – zu Deutsch: „Der gleiche Mist wie gegen Mexiko“. Und die berittene Polizei muss nach einer Pöbelei vier Fans vom Gelände entfernen.

Auf dem Tiefpunkt ist die Stimmung, sieht man von der winzigen schwedischen Enklave einmal ab, als Jerome Boateng nach wiederholtem Foul-Spiel mit Gelb-Rot vom Platz muss. Fünf Minuten Nachspielzeit empfinden viele beim Public Viewing im Enzauenpark als eindeutig zu wenig.

Aber es reicht: Toni Kroos erlöst die Zuschauer mit einem platzierten Torschuss nach Freistoß. Alles brüllt. Ein jubelnder wildfremder Mensch in weißem Trikot umschlingt einen anderen Zuschauer mit Armen wie Tentakel, anschließend hüpft er weiter und umarmt alles, was nicht bei fünf auf den Bäumen ist.