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08.07.2008

„Es ist nie ein Ausländerproblem“ - Interview mit dem Pforzheimer Sozialarbeiter Hartmut Wagner

Zwei junge Männer schlagen in der Münchner U-Bahn grundlos einen älteren Mann brutal zusammen. Pforzheim ist nicht München – und dennoch ist die Jugendgewalt auch hier ein Thema. Warum eine Verschärfung des Strafrechts nichts nützt, umso mehr aber Projekte, die auf Integration setzen – das erklärt der Pforzheimer Sozialarbeiter Hartmut Wagner im Interview mit PZ-Redakteurin Angelika Wohlfrom.

PZ-news: Herr Wagner, die Szenen, die sich kurz vor Weihnachten in der Münchner U-Bahn abgespielt haben, sind erschreckend. Gibt es so etwas auch in Pforzheim?
Hartmut Wagner: Also in dem Ausmaß wohl nicht, aber sie sind durchaus denkbar. Es gab zum Beispiel vor zirka zwei Jahren einen Vorfall auf dem Bahnhof, bei dem ein Polizeibeamter in Zivil betroffen war. Der hatte sich in eine Auseinandersetzung eingemischt und trug dann eine Stichverletzung davon. Trotzdem denke ich, dass solche Vorfälle, wie sie jetzt in München passiert sind, vor allem in Großstädten vorkommen. Genauso wie diese Konzentration junger, gewaltbereiter Männer, die auch vor allem in Großstädten vorkommt.

PZ-news: Wie erklären Sie sich solche Gewaltausbrüche?
Wagner: Es gibt sehr viele Ursachen. Meine Hypothese ist, dass junge Männer, die sich am Rande der Gesellschaft befinden – das heißt nicht ausreichend gebildet sind, von sozialer Ausgrenzung und von Armut bedroht sind –, eine starke Tendenz zur Gewaltbereitschaft haben.

PZ-news: Wie sehen Sie das: Ist die Debatte um die Jugendgewalt gerechtfertigt, oder handelt es sich um reines Wahlkampfgetöse? Wie wirkt das auf Sie?
Wagner: Auf mich wirkt das fürchterlich, aber ich will das jetzt nicht werten. Ich denke, es ist nicht umsonst, dass diese Debatte um die Jugendgewalt immer wieder auftaucht – und immer wieder von verschiedenen Seiten interpretiert wird. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Jugendgewalt generell abnimmt – das ist statistisch einfach bewiesen. Dazu kommt, dass diese Form der Jugendgewalt, über die wir sprechen, inzwischen schneller öffentlich wird, aufgrund verstärkter Videoüberwachung und weil solche Delikte immer häufiger angezeigt werden. Gleichzeitig ist es so, dass ein kleiner Prozentsatz von Jugendlichen in der Art der Gewaltanwendung intensiver sind als früher. Ebenfalls erschreckend ist, dass immer jüngere Jugendliche und Kinder heute bereit sind, Gewalt anzuwenden.

PZ-news: Ein CDU-Vorhaben ist es, das Strafrecht für Jugendliche zu verschärfen. Lassen sich junge Menschen durch Strafen abschrecken?
Wagner: Nein.

PZ-news: Eine klare Antwort.
Wagner: Das ist auch ein ganz klarer Fall. Ich bin der Meinung, dass eine Bestrafung dieses Problem überhaupt nicht lösen kann. Das Gleiche gilt für die ebenfalls geforderten Jugendcamps nach amerikanischem Vorbild, die ja darauf aus sind, den Menschen zu brechen. Die kommen ja immerhin aus einem Land mit der höchsten Anzahl von Strafgefangenen auf der ganzen Welt, wobei der Anteil der Migranten bei 80 Prozent liegt. Und das nehmen wir uns zum Vorbild?

PZ-news: Ist Gewaltkriminalität unter Jugendlichen vor allem ein Ausländerproblem – welche Erfahrungen machen Sie da in Pforzheim? Wagner: Es ist nie ein Ausländerproblem, auch in Pforzheim nicht. Dass ausländische Jugendliche in den Gewaltstatistiken verhältnismäßig oft auftauchen, liegt einfach daran, dass die Gruppe gefährdeter Personen –also die Jugendlichen, die randständig, von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind – in Westdeutschland häufig Ausländer sind. In Ostdeutschland dagegen sind das oft deutsche junge Männer, die dann zu rechter Gewalt neigen.

PZ-news: Der Haidach galt einmal als Brennpunkt in Sachen Jugendgewalt. Das scheint sich inzwischen – auch dank Ihrer Arbeit – geändert zu haben. Wie haben Sie das geschafft?
Wagner: Es war natürlich nicht nur unsere Arbeit. Was uns im Haidach gelungen ist, ist einfach ein Integrationskonzept, und daran haben alle mitgearbeitet. Auf dem Haidach hatten wir einen Stadtteil mit 70 Prozent Aussiedlern. Das ist ein bisschen einfacher, als wenn viele verschiedene Migrationshintergründe zusammenkommen. Dass die Integration im Haidach funktioniert hat, lag daran, dass es ein Netzwerk gegeben hat, das die Aussiedler als ihre Bewohner im Stadtteil akzeptiert hat. Das i-Tüpfelchen auf dem Ganzen war, dass wir eine starke Bereitschaft der Eltern hatten, an dem Projekt mitzuarbeiten. Die Eltern sind mit auf die Straße gegangen, haben vermittelt zwischen ihren Kindern und den Anwohnern, machten auch eigene Freizeitangebote an die Kinder – sie wurden immer mehr Teil unserer Gesellschaft. Das ist ein Prozess, der sehr langsam vonstatten geht – und mit zunehmender Integration und zunehmender Anerkennung nimmt die Gewaltbereitschaft ab.