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Josef Kraus will die rolle des Gymnasiums wieder stärken. Späth
Josef Kraus will die rolle des Gymnasiums wieder stärken. Späth
27.11.2016

Experte Josef Kraus kritisiert Bildungspolitik scharf und fordert strengere Standards

Dem Präsidenten des deutschen Lehrerverbands und ehemaligen Direktor Josef Kraus fällt es bei seiner Rede über aktuelle Entwicklungen des Schulsystems am Freitagabend im Hilda-Gymnasium sichtlich schwer, ruhig und gelassen zu bleiben. Zu besorgniserregend seien die Entwicklung des Gymnasiums und der Absturz Baden-Württembergs bei der Pisa-Studie.

Der 67-Jährige war bereits in über 30 Talkshows zu Gast und setzt sich auch im Ruhestand noch für Bildungspolitik ein. Auch der Philologenverband, Bezirk Nordbaden, möchte die hohe Qualität des Gymnasiums erhalten. „Wir haben Josef Kraus eingeladen, damit sowohl Lehrerkollegen als auch Eltern einen Einblick in die aktuelle Bildungspolitik und die damit verbundenen Herausforderungen bekommen“, so Björn Sieper, Vorsitzender des Philologenverbands Nordbaden.

Kraus ist der Meinung, das Gymnasium werde durch das Angleichen der Lehrpläne, die Abschaffung des Sitzenbleibens sowie das sinkende Anspruchsniveau von innen ausgehöhlt. „Die Zeugnisse werden entwertet wie ungedeckte Schecks“, kritisiert Kraus. Die steigende Abiturquote und die immer besser werdenden Abschlussnoten seien keine Leistung der Gymnasien, sondern Resultat der Bildungsreformen, die die Standards der Gymnasien immer weiter herabsenkten.

Gymnasiale Bildung sei ohne Anstrengung und Leistung nicht möglich. Das Leistungsprinzip sei eine Chance zum sozialen Aufstieg und zur Förderung von Eliten, das Prinzip der Gleichheit ungerecht. Durch die fehlende Schulempfehlung sei es zu einer gefährlichen Entwicklung gekommen. Kinder aus bildungsfernen Schichten, die gymnasialbefähigt sind, würden meist von ihren Eltern auf Haupt- oder Realschule geschickt. Kinder aus sozialstarken Familien dagegen würden häufig trotz schlechter Schulleistung aufs Gymnasium kommandiert. Der Wegfall der Schulempfehlung trage also zur Verstärkung der sozialen Ungerechtigkeit bei.

Warnung vor „Leerplänen“

Scharf kritisiert er die Bildungspläne, in denen Kompetenzen wichtiger geworden seien als Inhalte. Mit der Frage, ob bei dem sogenannten „Lehrplan Plus“ ein Vorzeichenfehler vorliege, brachte er seine Zuhörer zum Lachen. „Es sollte wieder um Inhalte und konkretes Wissen gehen, nicht um vage Kompetenzen. Die Lehrpläne hätten sich zu „Leerplänen“ entwickelt. Auch die Verkürzung des Gymnasiums auf acht Jahre sei ein Fehler gewesen. Die Absolventen seien dadurch erkennbar zu unreif, das Abitur nur noch Studierberechtigung, nicht Studierbefähigung. „Bildung braucht Zeit und sie ist das, was übrigbleibt, wenn man alles vergessen hat“, sagt Kraus. Das Gymnasium soll weiter Zugpferd des Bildungssystems bleiben, doch dies sei nur durch höhere Ansprüche möglich.