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Auf großes Interesse stieß der Vortrag von Jan Ilhan Kizilhan, der von Pfarrerin Nicola Friedrich (Zweite von links) sowie den Ehrenamtskoordinatorinnen der Diakonie im Enzkreis und Pforzheim, Susanne Müller (links) und Daniela Salzer, veranstaltet wurde. Foto: Molnar
Auf großes Interesse stieß der Vortrag von Jan Ilhan Kizilhan, der von Pfarrerin Nicola Friedrich (Zweite von links) sowie den Ehrenamtskoordinatorinnen der Diakonie im Enzkreis und Pforzheim, Susanne Müller (links) und Daniela Salzer, veranstaltet wurde. Foto: Molnar
21.07.2017

Experten-Vortrag über die Religion, Kultur und Verfolgung der Yeziden

Pforzheim. Jan Ilhan Kizilhan hat mit traumatisierten Opfern des IS-Terrors gesprochen und sie aus der Gefangenschaft befreit. Für sein Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet. In der gut besuchten Pforzheimer Matthäuskirche sprach der Psychologe und Kenner der aktuellen Lage im Nordirak über sein Volk – über Lebensweise und Religion der Yeziden, aber auch über die Vergewaltigung zahlloser Frauen. Kizilhan war schon in der Vergangenheit öfter zu Gast in der Goldstadt mit einer der größten Yeziden-Gemeinschaft Deutschland und führte Interviews.

„Die Yeziden erleben zurzeit ihren 74. Völkermord“, sagte Kizilhan, der aus dem türkischen Teil von Kurdistan stammt, 1973 nach Deutschland kam und an der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen lehrt. Die Geschichte der religiösen Minderheit sei von Verfolgung geprägt. In den letzten 800 Jahren seien 1,8 Millionen Yeziden zwangskonvertiert und 1,2 Millionen getötet worden. Weltweit gebe es 800.000 bis eine Million Yeziden, viele leben im Irak, in Syrien, Armenien oder der Türkei. Sie kommen aus Mesopotamien, beten auf Kurdisch und pilgern zum Wallfahrtsort Lalish, so Kizilhan bei dem Vortrag, der von der evangelischen Kirche und Diakonie im Enzkreis und in Pforzheim veranstaltet wurde.

Zirka 3000 Yeziden leben derzeit in Pforzheim. Sich anzupassen, sei eine Herausforderung: „Viele Dinge sind ihnen einfach fremd“, sagte der Psychiater, der für die Integration vor allem auf Bildung und Arbeit setzt. Er habe auf Frieden gehofft, aber dazu brauche man auch Versöhnung. Ein „Prozess der Veränderung“, eine Vermischung von bereits integrierten und neu hinzukommenden Yeziden, fände statt.

In Wort und Bild sprach Kizilhan über die Rolle der Frau, die kein Kopftuch trage, aber von einer patriarchalischen Gesellschaft geprägt sei. Die Heirat mit Nicht-Yeziden sei nicht erlaubt, ebenso nicht die Heirat zwischen den drei Kasten Murid, Sheikh und Pirs. Die Yeziden glauben an einen allmächtigen Gott, betrachten die schwarze Schlange oder auch das Feuer als etwas Heiliges. So wie die Farbe Blau nichts Gutes verheiße – osmanische Soldaten in blauen Uniformen richteten einst ein Massaker an – dürfe das Wort „Satan“ nicht ausgesprochen werden. Teufelsanbeter – so ein Vorurteil – seien die Yeziden aber nicht. „Keine Kultur und Religion darf Gewalt so legitimieren, dass Menschen getötet werden dürfen“, sprach sich der Referent für Toleranz, Achtung und Menschenrechte aus. Am Schluss ging Ahmed Kurt, Sprecher der yezidischen Gemeinschaft Pforzheim, kurz auf die örtliche Situation ein. Der Kontakt sei gut, aber ein Raum als Treffpunkt werde gewünscht.