nach oben
Vier Tote forderte ein Brand in einem Haus an der Hirsauer Straße 2015 – es war keinesfalls ein fremdenfeindlicher Anschlag, wie unterstellt. Seibel/Archiv
Vier Tote forderte ein Brand in einem Haus an der Hirsauer Straße 2015 – es war keinesfalls ein fremdenfeindlicher Anschlag, wie unterstellt. Seibel/Archiv
Die Terrordatenbank zeigt die ungefähre Entwicklung der Anschläge beispielsweise für Deutschland an. Doch zum einen sind sie unvollständig, zum anderen sind manche Einträge fehlerhaft.  Screenshot walter
Die Terrordatenbank zeigt die ungefähre Entwicklung der Anschläge beispielsweise für Deutschland an. Doch zum einen sind sie unvollständig, zum anderen sind manche Einträge fehlerhaft. Screenshot walter
13.08.2017

Fake news: Aus Brand in Mehrfamilienhaus wird Anschlag auf Flüchtlinge

Was war passiert? Es war nach PZ-Recherchen die russische Nachrichtenagentur RT Ruptly, die die Falschmeldung in die Welt setzte: Im Herbst 2015 habe es einen Anschlag auf eine Pforzheimer Flüchtlingsunterkunft gegeben, vier Menschen seien dabei ums Leben gekommen. Die australische Nachrichtenseite www.news.com.au verbreitete das Video weiter, von dort landete die Meldung in der Globalen Terrorismus-Datenbank (GTD) der US-amerikanischen Universität Maryland.

Doch das Feuer mit vier Toten wurde durch einen Heizlüfter und nicht durch einen Brandanschlag ausgelöst, und es ereignete sich in keinem Asylheim, sondern in einem Dillweißensteiner Wohnhaus für mehrheitlich rumänische Arbeiter. Als die PZ vor sechs Wochen darüber berichtete, versprach Erin Miller, Programmmanager der GTD, die Falschmeldung aus der Datenbank zu entfernen.

Wurde die Falschmeldung gelöscht? Ja. Wer in der Datenbank unter www.start.umd. edu/gtd „Pforzheim“ eingibt, findet nur noch drei Anschläge älteren Datums:

19. Juli 1976: Laut der Datenbank eine Explosion an einem Heizkraftwerk – im PZ-Archiv findet sich aber kein entsprechender Eintrag.

24. Juli 1996: Zwei Molotow-Cocktails flogen auf ein Gebäude am Altstädter Kirchenweg 17, in dem sich ein türkischer Imbiss und das Gebetshaus einer islamischen Gemeinde befanden.

31. Juli 1996: Zwei Kurden warfen einen Molotowcocktail in ein Vereinsheim von Fatihspor Pforzheim an der Calwer Straße.

Somit ist die Liste unvollständig, beispielsweise fehlt der Brandanschlag, der 1994 auf ein türkisches Reisebüro verübt wurde.

Sind damit alle Probleme gelöst? Nein, denn auf der alten Version der GTD basiert weiterhin eine Studie des Weltwirtschaftsforums. In dieser war Deutschland unter anderem wegen der vier vermeintlichen Pforzheimer Terrortoten in der Kategorie Sicherheit zwischen der Mongolei und Gambia auf Rang 51 abgestürzt. Auch das Weltwirtschaftsforum war von der PZ auf den Fehler hingewiesen worden. Doch die Verfasser korrigierten die Studie trotz der fehlerhaften Datenbasis nicht. Diese ist inzwischen unzählige Male von Medien, aber vor allem von Privatpersonen in sozialen Netzwerken verbreitet worden. Aus der Datenbank selbst wurden inzwischen auch weitere zweifelhafte Einträge gelöscht, andere kamen aber hinzu. So wird der Mord an einem 16-Jährigen am Hamburger Alsterufer als Terroranschlag gewertet. Zwar hatte sich die Terrororganisation IS zu dieser Messer- attacke bekannt. Doch weil das Schreiben erst nach zwei Wochen auftauchte und keinerlei Detailwissen offenbarte, schloss die Polizei einen terroristischen Hintergrund weit- gehend aus. Trotz solcher Un- genauigkeiten ist die Entwicklung, die die Datenbank zeichnet, zutreffend: Die Zahl der Anschläge in Deutschland steigt seit 2014 an. Aufgelistet sind etwa islamistische Anschläge wie auf den Berliner Weihnachtsmarkt sowie – das macht die Mehrheit der genannten Anschläge aus – Angriffe auf Asylunterkünfte.