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Bislang von brutalen Attacken von Grusel-Clowns verschont blieben Pforzheim und der Enzkreis. Auch die über soziale Netzwerke verteilte Meldung von zwei Messerstecher-Clowns in Bretten-Gölshausen hat sich als Falschmeldung erwiesen.
Bislang von brutalen Attacken von Grusel-Clowns verschont blieben Pforzheim und der Enzkreis. Auch die über soziale Netzwerke verteilte Meldung von zwei Messerstecher-Clowns in Bretten-Gölshausen hat sich als Falschmeldung erwiesen. © dpa
24.10.2016

Falschmeldungen befeuern Clown-Hysterie - Keine Maskenträger-Straftat in Pforzheim

Pforzheim. Manche Pforzheimer, deren Hauptvergnügen im Bruddeln und Schlechtreden ihrer Heimatstadt zu bestehen scheint, gruseln sich angeblich schon, wenn sie tagsüber durch die Goldstadt laufen. Jetzt wird es nachts für sie noch viel schlimmer, denn überall, so lassen es aktuell kursierende Facebook- und WhatsApp-Meldungen vermuten, lauern bewaffnete, grausame Grusel-Clowns. Horror-Autor Stephen King hätte seine helle Freude am düsteren Pforzheim – wenn der ganze Clown-Hype nicht bloß heiße Luft wäre.

„Alles nur Hysterie“, betitelt Dieter Werner, Sprecher des Polizeipräsidiums Karlsruhe, seine Grusel-Clown-Bilanz. Für Pforzheim und den Enzkreis liege nichts vor, was strafrechtlich verfolgt werden könnte. Es gebe im gesamten Bereich des Polizeipräsidiums – und dazu gehören Pforzheim, der Enzkreis, der Landkreis Calw und Karlsruhe mit umliegendem Landkreis – keinen Vorfall, der irgendwie Anlass zur Besorgnis geben könnte. „Unglaublich“ sei es, was da aus den USA auf Deutschland projiziert werde. Da würde sofort alles dramatisiert, was aber einer genaueren Prüfung nicht standhalte.

Und woher kommt die Hysterie? Schnell sind Facebook und WhatsApp als heißeste Gerüchteküchen ausgemacht, als Labor für obskure Fakes und absichtsvoll real anmutende Lügenmärchen. Über das Fake-Portal 24aktuelles.com kann jeder, der meint witzig sein zu müssen, Meldungen schreiben, die wie Artikel von seriösen Onlineportalen anmuten. Diese werden dann auf Facebook und WhatsApp in die Welt hinausposaunt und von leichtgläubigen Zeitgenossen bereitwillig geglaubt und ungeprüft geteilt.

So sollen laut einer anonym verfassten Falschmeldung auf 24aktuelles.com von Montag zwei Killer-Clowns einen Passanten in Bretten-Gölshausen mit mehreren Messerstichen verletzt haben. Massenhaft wurde diese Meldung auf Facebook und Co. geteilt. Wer alles vorbehaltlos glaubt, was als Nachricht auf dem Smartphone-Monitor aufblinkt, wird auch den Brettener Messerstecher-Fake für bare Münze halten und Tageszeitungen als „Lügenpresse“ bezeichnen, nur weil diese angeblich jene frei erfundenen Clown-Verbrechen bewusst verschweigen würden.

Auch PZ-news, dem Onlineportal der Pforzheimer Zeitung, wurden Clown-Sichtungen gemeldet. Ein Foto, auf dem ganz schemenhaft eine menschliche Figur zu sehen ist, soll einen Clown im Pforzheimer Stadtteil Maihälden zeigen. Eine andere Facebook-Nachricht meldet einen bunt Kostümierten, der am Samstag auf der Wendeplatte der Straße Im Steinacker in Pforzheim-Büchenbronn mit einer Axt (das Foto zeigt ihn aber mit einem Spaten) sein Unwesen getrieben haben soll. Außerdem hätte er versucht, ein nahe geparktes Quad zu stehlen. Die Polizei hat von diesen Aktionen allerdings keine Kenntnis.

Dafür notierten sich die Beamten am Wochenende drei offensichtlich folgenlose Clown-Sichtungen. Eine an der Sickinger Straße in Pforzheim-Brötzingen und eine in Mühlacker. Eine Spur unheimlicher ging es möglicherweise am Sonntag um 20.45 Uhr beim Kupferhammer in Pforzheim zu. Dort sei ein Clown mit Kettensäge herumgelaufen. Unter der Woche hätte man auf einen Waldarbeiter aus dem nahen Forst tippen können, aber sonntags? In allen gemeldeten Fällen gab es zu den Sichtungen keine Berichte von weiteren Zwischenfällen wie bedrohliches Auftreten oder handgreiflichen Attacken – und es gab auch keine Sichtungen durch vor Ort geschickte Polizeistreifen.

Was in Pforzheim noch nicht möglich war, klappte bereits im nördlichen Landkreis Karlsruhe. Dort konnten Beamte einen Erfolg in der Grusel-Clown-Verhütung feiern. Sie kamen gerade dazu, als ein junger Mann eine Maske in seinem Kofferraum verstauen wollte. Ein strafrechtlich relevantes Vergehen war dem Zeitgenossen allerdings nicht nachzuweisen, doch vorsichtshalber wurde die Maske erst einmal konfisziert. Und seine blutige Kettensäge, sein mit Nägeln gespickter Baseballschläger, sein im Mondlicht schaurig glänzendes Schlachtermesser? Fehlanzeige.

Bislang führten alle Grusel-Clown-Meldungen aus Pforzheim und dem Enzkreis, ob sie nun bei der Polizei eingingen oder über soziale Medien verteilt wurden, ins Leere. Trotzdem bitte die Polizei weiter um Hinweise, um möglichst früh eingreifen zu können, wenn sich denn ein realer Anlass dazu bieten sollte. Wer Angst vor einem auftauchenden Clown habe, sich in der Nähe solcher Gestalten unsicher fühle oder gar direkt erschreckt oder bedroht worden sei, solle sich unverzüglich bei der Polizei melden, so Polizeisprecher Dieter Werner. Je früher, desto eher könne die Polizei etwas erreichen.

Gewerkschaft der Polizei: „Geistige Tiefflieger“ Widerstand fühlen lassen

Nach Übergriffen sogenannter Grusel-Clowns auch in Deutschland ruft die Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Baden-Württemberg zum Widerstand auf - zumindest verbal. „Die müssen einen gewissen geistigen Widerstand fühlen“, sagte GdP-Landeschef Rüdiger Seidenspinner dem Radiosender SWRinfo am Montag. Wer einem Grusel-Clown begegne, müsse auf ihn zulaufen und beispielsweise laut „Hau ab“ rufen. „Wir halten diese geistigen Tiefflieger für sehr gefährlich.“

In den USA und auch in anderen Ländern machen Grusel-Clowns seit einiger Zeit die Straßen unsicher - zuletzt mehrten sich auch Berichte über Verletzte wegen Grusel-Clowns in Deutschland. Als Videos tauchen die makabren Streiche oft im Internet auf.

Das Landesinnenministerium hat vor diesen Angriffen im Südwesten gewarnt. „Das ist eine gefährliche Geschichte und auch strafrechtlich relevant“, sagte ein Sprecher am Montag. Allein am Wochenende hätten die Lagezentren dem Ministerium bereits sieben Fälle in Baden-Württemberg gemeldet, teilte ein Sprecher am Montag mit. „Das sind wahrscheinlich nicht alle, weil sicherlich der ein oder andere Fall noch gar nicht angezeigt oder bewertet wurde.“ Das Ministerium berichtete von Fällen unter anderem in Esslingen, Sulz am Neckar, Filderstadt, Gomaringen und Trochtelfingen. In Kirchheim am Neckar (Kreis Ludwigsburg) seien zehn Männer mit Clownsmasken auf einen jungen Mann losgegangen.

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