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Laut BKA waren im vergangenen Jahr durchschnittlich 40 Kinder sexueller Gewalt ausgesetzt – pro Tag.

Fast 15.000 Kinder 2018 Opfer von sexueller Gewalt – Wie sind die Zahlen in Pforzheim?

Berlin/Pforzheim. 14.606 Kinder waren im vergangenen Jahr in Deutschland Opfer von sexueller Gewalt – das sind durchschnittlich 40 Fälle pro Tag. Diese Zahlen gehen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik des Bundeskriminalamts hervor. Und es gibt weitere erschütternde Daten zu kindlichen Gewaltopfern. Wie sind die Zahlen im Südwesten und in Pforzheim?

Laut der Statistik ist die Zahl für das Jahr 2018 bundesweit im Vergleich zum Vorjahr um 6,43 Prozent gestiegen (im Jahr zuvor waren es etwa 13.000). Doch fest steht: Dabei handelt es sich lediglich um die Fälle, von denen die Polizei Kenntnis erlangt hat. Die Dunkelziffer in allen Bereichen der Gewalt gegen Kinder wird deutlich höher sein. Bei den Zahlen zu Misshandlungen ist ein leichter Rückgang von 4.247 auf 4.180 betroffene Kinder zu verzeichnen. 

Zahlen aus Pforzheim und Baden-Württemberg

2018 wurden in Baden-Württemberg 1.289 Kinder zu Missbrauchsopfern. Im Bereich des Polizeipräsidiums Karlsruhe gab es 139 Fälle, 29 mehr als im Vorjahr. Bei den Zahlen ist laut Polizei immer zu beachten, dass Anzeigen teilweise erst Jahre nach dem sexuellen Missbrauch erstattet werden. Fälle, die beispielsweise im Jahr 2018 in der Statistik auftauchen, können gegebenenfalls schon mehrere Jahre zurückliegen, aber jetzt erst gemeldet worden sein. 

In Pforzheim sind laut Kriminalstatistik 21 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern im Jahr 2018 bekannt. Das ist ein Anstieg von zwölf Fällen gegenüber 2017. Trotzdem liegt die Zahl laut Polizei damit wieder auf dem Niveau der Vorjahre. 24 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch – zehn mehr als 2017 – sind im Bereich des Enzkreises aufgelistet. Zum Vergleich: In Karlsruhe stiegen die Zahlen um 15 auf 40 Fälle. 

Die große Ausnahme in der Region: Im Landkreis Calw gingen die Fallzahlen des sexuellen Missbrauchs von Kindern auf von 29 Fälle auf 17 zurück. Sie liegen damit auf dem niedrigsten Stand der letzten zehn Jahre. Im Landkreis Karlsruhe gab es nur einen geringen Anstieg von vier Fällen auf 37 Fälle im Jahr 2018.

Polizeipressesprecher Ralf Minet vom Präsidium rät zur Vorsicht bei einer Interpretation der gestiegenen Fallzahlen. In den meisten Fällen befänden sie sich trotzdem auf dem Niveau der Jahre vor 2017. "Die Schwankungen können viele Ursachen haben, das lässt sich nicht genau nachvollziehen", so Minet. Gerade, wenn große Missbrauchsfälle bekannt würden und die Berichterstattung zu dem Thema in den Medien zunehme, könne es sein, dass andere Opfer den Mut schöpfen, selbst Anzeige zu erstatten. Diese Taten würden dann teilweise Jahre zurückliegen und ein Nachweis falle schwer.

Bezüglich regionaler Unterschiede gibt es laut Minet in der Stadt ein anderes Anzeigeverhalten als in ländlichen Gebieten. Dort würden sich die Menschen eventuell eher gegenseitig kennen und Opfern könne es schwerer fallen, Vorfälle zu melden. "Generell ist eine hohe Dunkelziffer zu vermuten", erklärt Minet.

Kriminalstatistik 2018: Generell stiegen in der Stadt Pforzheim bei einem Großteil der Deliktsgruppen die Fallzahlen 2018 an. Der deutlichste Anstieg war bei den "Straftaten gegen das Leben mit einem Anstieg von 140 Prozent und bei den "Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung" mit einem Anstieg von 54 Fällen auf insgesamt 115 Fälle. 

136 Kinder gewaltsam getötet

Deutschlandweit sind im vergangenen Jahr 136 Kinder gewaltsam zu Tode gekommen – fast 80 Prozent von ihnen starben vor ihrem sechsten Lebensjahr. In 98 Fällen blieb es bei einem Tötungsversucht. Im Jahr davor waren bundesweit 143 Kinder getötet worden, die Zahl der Tötungsversuche lag 2017 bei 77.

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Rainer Becker, sagte am Donnerstag in Berlin, es brauche mehr Sensibilität für potenzielle Gefährdungslagen – etwa bei psychischen Störungen oder Suchterkrankungen der Eltern. Die Pädagogik-Professorin Kathinka Beckmann sprach von "erheblichen Schwächen" im Kinderschutz. Der größte Schwachpunkt seien Jugendämter, denen Fachkräfte fehlten und eine Instanz für Beschwerden.

"Die allermeisten Delikte gegen Kinder – Misshandlungen, sexuelle Übergriffe oder sexueller Missbrauch – passieren zwar hinter verschlossenen Türen, doch oft in Familien oder sozialen Gruppen mitten unter uns, oft jahrelang", erklärt Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes. "Daher sind wir alle gefragt, wachsam zu sein und nicht wegzuschauen. Jeder, der auf strafbare Handlungen aufmerksam wird, sollte nicht zögern und Strafanzeige erstatten, um das Leid der Kinder zu beenden."

Neue Möglichkeiten im Kampf gegen Kinderpornografie

Die Zahl der aufgedeckten Fälle zu Herstellung, Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie stieg im vergangenen Jahr um mehr als 14 Prozent auf 7.449 Fälle. Das hat laut Bundeskriminalamtes (BKA) mit der höheren Zahl von Hinweisen – vor allem aus den USA – zu tun und mit neuen technischen Möglichkeiten.

Anfang Mai sei beispielsweise eine Bilderserie aus den USA an die deutschen Behörden geschickt worden. Dank "technischer Ermittlungen" habe dann der Ort, an dem das Material hergestellt wurde, schnell identifiziert werden können. Vier Tage später habe die Polizei den Täter geschnappt.

Doch der Fall war aus BKA-Sicht nur ein Teilerfolg. Die weiteren Ermittlungen zeigten laut Münch, dass die Körper der Opfer "vernarbte Spuren" sexueller Misshandlungen aufwiesen. Es habe sich herausgestellt, dass es schon ein Jahr zuvor einen Hinweis auf den im Internet unter Pseudonym agierenden Mann gegeben habe. Da seine IP-Adresse aber nicht gespeichert worden sei, habe die Polizei ihn damals nicht ausfindig machen können.

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Kriminalitätsstatistik: Deutlich mehr Fälle von Kindesmissbrauch im Osten Deutschlands

Man sieht es an den Gehältern, man sieht es an den Wählerstimmenanteilen für Rechtspopulisten – der Osten und der Westen Deutschlands sind immer noch zwei Paar Stiefel. Und erstaunlicherweise sieht man es auch den Fällen von Kindesmissbrauch. In Baden-Württemberg lebt es sich für Kinder vergleichsweise sicher. Hier gibt es wie in Bremen nur zwölf Fälle von Kindesmissbrauch auf 100.000 Einwohner. Das ist der beste Wert in Deutschland. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 24 Fälle, also genau doppelt so viel.

Nur ein Ausreißer? In Bayern, Hessen und im Saarland sind es 13 Fälle von Kindesmissbrauch, in Berlin dagegen sind es 22, in Brandenburg und Thürigen 21, in Sachsen-Anhalt 19 und in Sachsen 17.

Was sind die Gründe für den scheinbar gehäuften Kindesmissbrauch in Ostdeutschland? Es muss nicht zwangsläufig mehr Fälle geben als im Westen, die hohen Zahlen können auch mit einem anderen Anzeigeverhalten zu tun haben. Gehen die Ostdeutschen bereitwilliger zur Polizei, wenn es gilt, Kindesmissbrauch vor Gericht zu bringen? Sind sie da offener und weniger scheu? Oder hat es mit der Landflucht der jungen Menschen zu tun, die immer noch in Scharen den Osten verlassen, um ihr Glück im Westen zu versuchen und dann gerade im ländlichen Raum einen ungesunden Generationenmix hinterlassen?

Die reine Kriminalitätsstatistik gibt auch keine Auskunft darüber, wie sich Arbeitslosenzahlen, gesellschaftliche Veränderungen und damit verbundene wirtschaftliche Lebensumstände auf solche Verbrechenszahlen auswirken. Auffällig ist der vergleichsweise häufigere Kindesmissbrauch im Osten der Bundesrepublik allerdings schon. tok