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In der Rechenanlage werden aus dem Abwasser Feststoffe – also auch feuchte Toilettentücher – entnommen. Rechts Klärwerksmitarbeiterin Manuela Lüttke.
In der Rechenanlage werden aus dem Abwasser Feststoffe – also auch feuchte Toilettentücher – entnommen. Rechts Klärwerksmitarbeiterin Manuela Lüttke.
25.09.2016

Feuchttücher zwingen Pumpen in die Knie

Für Radfahrer – zumindest die ohne Unterstützung eines Elektro-Motörchens – ist die Berg-und-Tal-Lage der Goldstadt eine Herausforderung. Für den Stadtsäckel ist sie (noch) ein finanzieller Segen – auf eine Art, die kaum jemand vermutet. Schuld ist die stetige Zunahme des Verbrauchs von feuchten Reinigungstüchern nach dem großen Geschäft auf dem Klo – zusätzlich zum gefalteten oder geknüllten, mehrlagigen Toilettenpapier. Das jedoch zersetzt sich zumindest – das Vlies der „Feuchtis“ jedoch nicht.

Zumindest nicht in der entscheidenden Phase: zwischen Klospülung und der Technik der Kanalisation. Das sorgt für pampige Müllklumpen in der Kanalisation – und zu regelmäßig verstopften Pumpen, die das Abwasser zu den Klärwerken leiten. Im Technik-Deutsch: Verzopfungen.

Großstädten können so Personal- und Materialkosten von mehreren hunderttausend Euro entstehen – pro Jahr. Natürlich kann die Technik optimiert werden – doch dann steigen Verschleiß und Energieverbrauch. Das wiederum treibt die Kosten für Betrieb und Instandhaltung in die Höhe.

Hanglage spart bares Geld

„Das alles wird ein echtes Problem werden“, sagt Wolfgang Körber, Leiter der Abteilung Betriebe des städtischen Eigenbetriebs Stadtentwässerung Pforzheim (ESP). Noch ist die Situation für das Klärwerk am Hohwiesenweg im Enzvorland im Vergleich zu anderen Städten im Flachland (mit vielen Pumpen) noch halbwegs erträglich – denn die Kanalisation funktioniert in Pforzheim nach dem Prinzip des Freigefälles. Die Hanglage spart somit bares Geld. „Aber das Thema ist da“, sagt Körber. Und es wird mit zunehmender Verbreitung auch in Pforzheim zum Problem.

Sinn steht in Frage

Regelmäßig berichten Fernsehsender – aktuell der SWR für Städte wie Mannheim – oder der Westdeutscher Rundfunk –, lokale und überregionale Medien über das Problem der feuchten Toilettentücher, Tendenz zunehmend – spätestens nach einer vernichtenden Studie von „Öko-Test“ über die problematische chemische Zusammensetzung der vermeintlichen Helferlein auf dem stillen Örtchen, die Allergie-Risiken – kurzum: die Sinnhaftigkeit des Produkts.

„Muss ich mir oder den Kindern das mit den parfümierten Vlies-Tüchern antun?“, fragt Manuela Lüttke. Die Ingenieurin arbeitet im Klärwerk und ist ganz nah dran an der Problematik.

Solang es die Industrie nicht geschafft habe, die Toilettentücher so zu konstruieren, dass sie sich im Wasser schnell zersetzen, habe das Zeug in der Kanalisation nichts verloren, sondern sei stattdessen als Abfall zu entsorgen – wie andere verschmutzte Hygiene-Artikel auch, Binden oder Windeln etwa.

Unappetitliche Bilder

Lüttke steht neben der Rechenanlage im Klärwerk, zeigt auf die verklumpten Feststoffe und präsentiert weitere unappetitliche Bilder: von Verzopfungen durch Faserstoffe beziehungsweise Feuchttücher in einer Kreioselpumpe im Regenüberlaufbecken an der Abnobastraße oder Verzopfungen an einer mobilen Pumpe nach einem Einsatz im Klärwerk. „Es gibt Dinge, da reißt sich wirklich keiner drum“, sagt Lüttke – die Reinigung der verklumpten Pumpen von Hand gehört mit Sicherheit dazu.

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